Konzepte für die „Generation doof“

Es gibt Themen von einer Art Daueraktualität: Erziehung ist ein solches Gebiet. Fast jeder kennt die entsprechende Aristoteles-Stelle, wonach die Jugend schon vor Jahrtausenden als verzogen und verdorben galt. Weil aus den Alten immer die Erfahrung spricht und aus den Jungen das Ungestüme, das Haltlose oder- suchende, bilden pädagogische Debatten eine obligatorische Speiche im Weltenrad, einen Dauerbrenner eben. Eine halbe Million Exemplare haben sich von Bernhard Buebs 2006 erschienenem „Lob der Disziplin“ verkauft. Tausende haben sich in Feuilletons und Internetforen über dieses als erzkonservativ gescholtene oder auch gelobte Traktat die Köpfe heißgeredet; es kam zu spontanen Gegenveröffentlichungen, teils aus prominenter Feder.

Daß Bueb, der siebzigjährige ehemalige Leiter des Eliteinternats Salem, nun „nachgelegt“ hätte, wäre fehlerhaft formuliert. Er hat erneut das Wort ergriffen. Dabei hat er sich wieder einem kontaminierten Begriff gewidmet. Nach der Disziplin folgt nun die Wiederentdeckung der „Führung“. Die unsachlichsten Kritiker hatten damals gehöhnt, im „Lob der Disziplin“ geriere sich ein menschlicher Softie als Hardcore-Pädagoge. Es gehört zu den vielen Schwächen der neuen Veröffentlichung, daß Bueb diesem Vorwurf Rechnung trägt — und zwar zugunsten der schwammigen Menschlichkeitskomponente.

„Man sollte per Gesetz in allen Klassenräumen die Türen aushängen“, fordert Bueb etwa ganz trunken ob seiner neuerdings verfochtenen Demokratie- und Transparenzideale. Ferner, dies der Tiefpunkt seines Neun-Punkte-Programms, möchte er per Schülerfragebogen evaluiert wissen, welche Lehrer gut und beliebt seien. Solche Auswertungen — als seien gute Lehrer zwangläufig oder auch nur im Normalfall die beliebtesten! — führten nach seinem Willen nicht etwa zu einem Abdruck in einer Schülerzeitung, sondern zu ernsten Konsequenzen, etwa in punkto Beförderung. Befremdlich ist auch, wie Bueb seine eigenen Psychotherapien Revue passieren läßt. Das soll ehrlich, authentisch wirken, erzeugt aber ein Gefühl der Peinlichkeit. Wenn schon nicht beim Autor, dann beim Leser, der auch bei einem Kochbuch nicht erwartet, in die Verdauungsvorgänge des Verfassers eingewiesen zu werden.

Dabei beginnt das Buch gut und stimmt präzise auf das ein, was man von einer modernen Definition des Terminus „Führung“ erwartet. Reformen hätten sich auf die Bildung von Personen zu konzentrieren, „die führen, und nicht auf die Veränderung von Strukturen.“ Bildung bedeute Führung, und beides setze in enger Verschränkung einander voraus. Aus reichem Erfahrungsschatz schöpft Bueb, wo er schildert und kritisiert, daß Lehrer als Ziel ihrer Unterrichtssunden meist eben nicht Bildung im umfassenden Sinne begreifen, sondern das schnöde Erreichen der Lehrplanvorgaben: ein karges, unpädagogisches und leidenschaftsloses Verhältnis von Input/Output also. Der Lehrer, der nicht Führer sein will — Bueb ist sich des heiklen Sachgehalts des Begriffs bewußt —, unterrichte Fächer. Nicht Schüler, und das sollte er eigentlich.

So gibt es eine Menge — oft in reformpädagogischen Honig gewälzte — Rosinen, die sich aus diesen Geboten der Führung herauspicken lassen. Tatsächlich muß womöglich über vieles diskutiert werden, was Konservativen grundsätzlich wenig zupaß kommt: über eine Abschaffung des Beamtenstatus für Lehrer, über die verpflichtende Ganztagsschule, die Abschaffung der Hauptschule. Bueb fordert dies alles, doch seine Argumente sind dürftig.

Interessant ist nun, daß die aktuellste Kritik an dem führungswilligen Disziplinator aus gerade dem Lager kommt, in dem die Bedenkenträger den Autor selbst verhaftet sehen. Das Institut für Staatspolitik (IfS) hat die Bueb-Debatte einer kenntnisreichen Analyse unterzogen. Buebs neuem Buch werden nicht nur Rückzugsgefechte, sondern eklatante Widersprüche in Hinblick auf sein Debüt vorgeworfen. Galt ihm damals die Schülermitverwaltung als Beispiel, wie „nachteilig sich demokratische Strukturen aufgrund der Unreife von Kindern auswirken können“, möchte er heute Schüler für eine „faire“ Bewertung des „Lehrerverhaltens“ gewinnen.

Beleuchtet wird zudem die Schonung, die Bueb Schulleitern, neuerdings auch Eltern und vor allem den politisch Verantwortlichen angedeihen läßt. Auch das Problem der Feminisierung der Kollegien spare Bueb sträflich aus, dabei sei dies gerade in Hinblick auf die ethnische Zusammensetzung westdeutscher Schulklassen ein wichtiges Feld. „Wie schwer es wäre, mit Hilfe von Lehrerinnen Konzepte von Pflicht und Disziplin durchzusetzen, scheint ihm nicht klar zu sein“, heißt es in der IfS-Studie.

Konstatiert wird allenthalben ein Mangel an Realitätssinn: Salem war und ist eine „Insel“. So grundsätzlich lobenswert Buebs Befassung mit Problemen der Persönlichkeitsbildung sei — er setze an falscher Stelle an. Der zugrundeliegende Skandal sei nämlich der „Zusammenbruch der schulischen Auslese und die Förderung einer ‘Generation doof’, die selbst wenn sie ein Studium absolviert und dann ins Lehramt strebt — immer weniger weiß, weil schon die eigenen Lehrer immer weniger wußten und die Professoren auch“. Als „Großvaterisierung“ der Debatte hatte Dieter Thomä in der FAZ das Bueb-Buch getadelt. „Buebs Führer“ sei „verteufelt human“ schrieb Thomä, der eine gewisse Langweile bei der Lektüre nicht verhehlte.

Wenn es stimmt, daß sich die Kontrahenten der Debatte in „uralten Schützengräben räkeln“, dann tun dies die KämpferInnen der anderen Seite besonders ausgiebig. Bar der Notwendigkeit, ihren Graben nennenswert ausschachten zu müssen, wollen die Autoren um Gender- und Demokratieforscherin Meike S. Baader die pädagogischen Aufbrüche um 1968 aufzeigen und „kontextualisieren“. Am Anfang der wirren wie wirkmächtigen Reformen jener Jahre habe die Weigerung gestanden, „Kinder nach Prinzipien des Gehorsams und der Unterordnung zu erziehen“.

Die Beiträger (darunter Micha Brumlik, damalige Speerspitze der Anti-Bueb-Kampagne mit dem längsten Aufsatz) tragen Erkenntnisse aus den Bereichen frühe Kindheit, (Hoch-)Schule und Geschlechterforschung vor. Das ist oft ermüdend (wenn seitenlang die „Aushandlungsprozesse und Konflikte“ einer Hanna B. „mit sich selbst und ihrem Partner“ referiert werden), selten neu und sämtlich vor einem homogenen ideologischen Hintergrund zu lesen. Dabei ist es mitnichten ein Triumphzug der Linken und Antiautoritären, der hier am Leser vorbeigeführt wird. So muß Christin Sager feststellen, daß die kindliche Sexualität nach dem Befreiungsversuch 1968 wieder in Ketten gelegt wurde. Das „Prinzip der kindlichen Lust“ und dessen aktive Förderung durch Erzieher sei mittlerweile durch eine Reinszenierung des „Mythos“ einer kindlichen Unschuld unterlaufen worden.

Foto: Antiautoritäres Malen in einem Berliner Kinderladen, Januar 1969: Rückzugsgefechte und Großvaterisierung der Debatte

Bernhard Bueb: Von der Pflicht zu führen. Neun Gebote der Bildung. Ullstein Verlag, Berlin 2008, gebunden, 170 Seiten, 18 Euro

Meike Sophia Baader: „Seid realistisch, verlangt das Unmögliche“. Wie 1968 die Pädagogik bewegte. Beltz Verlag, Weinheim 2008, broschiert, 280 Seiten, 16,90 Euro

Institut für Staatspolitik: Die Bueb-Debatte. Die Auseinandersetzung um Disziplin, Führung und die Bildungskatastrophe im heutigen Deutschland. Schnellroda 2008, broschiert, 34 Seiten, 5 Euro ( Bezug über www.staatspolitik.de )

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