Joachim Kuhs

 

Irritationen

Das Ausmaß der amerikanischen Bankenkrise ist so groß, daß sich die sorgenvollen Blicke naturgemäß zunächst auf ihre naheliegenden Folgen richten. So wird fassungslos zur Kenntnis genommen, wie große Vermögen über Nacht implodieren und sich so mancher einstige Multimilliardär auf den Status eines Allerweltsmillionärs zurückgeworfen sieht. Auch wird die Gefahr an die Wand gemalt, daß die Globalisierung, an die die Gesellschaften weltweit nur mühsam zu gewöhnen waren, einen Dämpfer erhalten könnte. Und weil dies wohl tatsächlich so sein dürfte, muß zu guter Letzt sogar davon ausgegangen werden, daß die aus ganz anderen Gründen auch hierzulande heraufziehende Rezession einen unverhofften Schub erfährt, obwohl sich in den vergangenen Jahren der Eindruck festgesetzt hatte, daß die Finanzmärkte nicht mehr in Verbindung zu dem schnöden Geschehen der „Realwirtschaft“ stünden. Noch gravierender als diese ökonomischen Verwerfungen, mit denen eine freie Marktwirtschaft mit welchen Opfern auch immer stets irgendwie fertigzuwerden pflegt, dürften die psychologischen Irritationen sein, denen erfahrungsgemäß nicht so schnell beizukommen ist. Die meisten Bürger können die komplexen Zusammenhänge der Weltwirtschaft bestenfalls rudimentär begreifen, da sie vollauf damit beschäftigt sind, ihren bescheidenen Beitrag zu dieser zu leisten. In einer arbeitsteiligen Gesellschaft müßten sie aber eigentlich darauf setzen dürfen, daß es ja Experten gibt, die ihnen Orientierung bieten. Wie sollen aber Anleger einem Berater Glauben schenken, dessen Finanzinstitut sich horrend verspekuliert hat? Wie können Bürger Politikern und Wissenschaftlern noch Vertrauen entgegenbringen, wenn diese in Schönwetterzeiten zunächst der Deregulierung und dem freien Spiel der Kräfte das Wort reden, um dann in der Krise stracks in Panik zu verfallen und drakonische Markteingriffe der öffentlichen Hand zu fordern? In einer freien Marktwirtschaft sind Krisen notwendig, da andernfalls niemand aus Fehlern lernen könnte. Nicht jeder, der Risiken eingeht, darf belohnt werden, da diese sonst ja keine solchen mehr wären. Die unsichtbare Hand des Marktes kann nicht durch den Staat geführt werden. Die einzige wirklich systemkonforme Antwort auf die Bankenkrise wäre es daher, die Dinge einfach treiben zu lassen und darauf zu vertrauen, daß sich alles wie von selber wieder fügt. Dieses Grundvertrauen in die Prinzipien, die unseren Wohlstand tragen, scheint aber selbst in den USA nicht mehr vorhanden zu sein.

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