Im Land Nimmermehr

Seltsam mutet es an, daß es dieses Land im Osten immer noch gibt, dieses Land der weiten Ebenen unter hellem Himmel, über den schwere weiße Wolken segeln, das Land der Seen, Flüsse und Haffs, der dichten, rauschenden Wälder und der winddurchbrausten Sanddünen, der langgestreckten Alleen, der roten Backsteinkirchen und Störche: Ostpreußen, jenes verschwundene, versunkene Deutschland, das heute nur mehr in den glücklichen Kindheitserinnerungen weniger alter Menschen fortlebt. „Süßer noch wird die Erinnerung an unsere Mond- und Sonnenjahre, wenn jäher Schrecken sie beendete.“ Diese berühmten Zeilen von Ernst Jünger treffen wie keine anderen auf den wehmütigen Geist zu, mit dem Dichter und Belletristen wie Arno Surminski, Agnes Miegel oder Johannes Bobrowski das verlorene Paradies beschworen haben. Die eindringliche Landschaftslyrik Bobrowskis weckte in dem 1944 in Stettin geborenen Dokumentarfilmer Volker Koepp das Interesse an Ostpreußen. Bereits 1972 widmete er dem Tilsiter Dichter den Film „Grüße aus Sarmatien“. Später drehte Koepp, dessen Filme hauptsächlich von östlichen Schauplätzen handeln, vier Filme über das nördliche Ostpreußen: „Kalte Heimat“ (1995), „Fremde Ufer“ (1995/96), „Die Gilge“ (1998) und „Kuhrische Nehrung“ (2001). Im südlichen, masurischen Teil entstand 2005 „Schattenland“ (JF 7/06). Seinen neuen Film „Holunderblüte“ betrachtet Koepp nun als Schlußpunkt der Serie, als persönlichen „Abschied vom nördlichen Ostpreußen“. Während in seinen früheren Filmen häufig die Erinnerungen der Alten im Mittelpunkt standen, widmet sich „Holunderblüte“ den Kindern im Kaliningrader Gebiet, diesem „Reich Nirgendwo, Land Nimmermehr“ (Agnes Miegel) so vieler poetisch verklärter Kindheitserinnerungen (Koepps Film endet mit Versen aus Bobrowskis elegisch-nostalgischem Gedicht „Die Daubas“). Die Landschaft, in der das alte Ostpreußen noch legendenhaft schimmert, mag sich nicht allzu sehr gewandelt haben, das Leben der Menschen jedoch um so mehr. Die scheinbare ländliche Idylle birgt Abgründe, die im Film allerdings nur beiläufig gestreift werden: Nahezu alle Kinder berichten von familiären Alkoholproblemen, der Kommentar erwähnt die hohe Arbeitslosigkeit, Landflucht sowie die geringe durchschnittliche Lebenserwartung der Männer, die bei 56 Jahren liegt. Die Dörfer, die nach der ethnischen Säuberung der deutschen Bevölkerung und der massiven Kulturzerstörung übriggeblieben sind, befinden sich in zunehmendem Verfall. Die wogenden Kornfelder „wie See so weit“ sind nicht mehr, denn die Sowjetunion ließ ihre Kriegsbeute mutwillig verfallen. Die Natur holt sich nun die letzten Reste Kulturlandschaft zurück, eine massive Verwilderung schreitet stetig voran. Angesichts der herrlichen Aufnahmen von Koepps kongenialem Kameramann Thomas Plenert könnte man diese Entwicklung als malerisch und melancholisch-romantisch empfinden, wäre einem nicht die Perspektivlosigkeit, Verödung und Armut der meisten dort lebenden Menschen bewußt. Koepp als ein Mann der leisen Töne deutet diese Zusammenhänge jedoch nur an und legt den Schwerpunkt auf das Leben der russischen Kinder im Hier und Jetzt, im Wandel der Jahreszeiten. Nur einmal begibt sich der Film weg von dem ländlichen Schauplatz in eine Stadt, in das berühmte Tilsit, das heute den absurden Namen „Sowjetsk“ trägt. Gerade dort ist der Eindruck eines fast schon surreal anmutenden, aus der Geschichte katapultierten Niemandslandes besonders stark. Gegenüber einer Lenin-Statue, die offenbar nichts von den Umwälzungen der letzten zwanzig Jahre mitgekriegt hat, wird während eines Volksfestes im Sowjet-Stil eine Elch-Skulptur enthüllt – eine der vielen Gesten, mit denen versucht wird, eine lokale Identität auf der Grundlage alter Traditionen zu konstruieren. Tatsächlich scheint für Ostpreußen die geschichtliche Zeit beendet zu sein, und die dort aufwachsenden Kinder, Nachkommen von meistens zwangsversetzten Siedlern, wissen wenig von der jahrhundertealten Vergangenheit des Landes. So wie das nördliche Ostpreußen eine geographische und zeitliche Exklave am östlichen Rand Europas darstellt, ist auch Volker Koepps Werk eine Art anachronistische Exklave im Filmgeschäft. Seit seinen Anfängen bei der DEFA Ende der sechziger Jahre hat Koepp über 35 Dokumentarfilme gedreht, die Jahr für Jahr ein zwar kleines, aber treues Publikum finden, das bereit ist, sich auf den geduldigen, unvoreingenommenen Blick des Regisseurs einzulassen. Koepps Filme sind Filme zum „Spazierengehen“, häufig ohne stringentes Narrativ oder gar eine These, die es zu beweisen gelte, ohne grobe Manipulationen und voller aufrichtiger menschlicher Empathie. Foto: Blick in eine Enklave: Der Schwerpunkt liegt auf dem Leben der russischen Kinder im Hier und Jetzt

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