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Heiliger Krieger

Der Krieg zwischen Rußland und Georgien ist keiner mehr, in dem kämpfenden Heeren große Fahnen vorangetragen werden. Trotzdem spielen die nationalen Symbole eine Rolle, bei Solidaritäts- oder Protestdemonstrationen für oder gegen diese oder jene Partei, bei Einmarsch und Besetzung. Während die russische Trikolore den meisten Beobachtern des Zeitgeschehens bekannt ist, dürfte das im Fall der georgischen Flagge nicht der Fall sein. Es handelt sich um ein weißes Tuch, geteilt durch ein rotes Kreuz; in den so entstandenen vier Feldern ist jeweils ein rotes „Tatzenkreuz“ dargestellt, das heißt ein griechisches Kreuz mit auseinanderstrebenden Armen. Diese Flagge hat erst vor wenigen Jahren – 2004 im Gefolge der „Rosenrevolution“ – eine Vorgängerin ersetzt, die unmittelbar nach dem Zerfall der Sowjetunion und der Unabhängigkeitserklärung Georgiens eingeführt worden war: eine Flagge aus rotem Tuch mit schwarz-weißem Obereck, die der des ersten souveränen georgischen Staates zwischen 1918 und 1921 entsprach (die auffällige Farbgebung war vielleicht Ausdruck des Wunsches nach Anlehnung an das Deutsche Reich). Diese Flagge wirkte aber nicht nur seltsam disproportional, sie hatte im Grunde auch keinen Bezug zur Geschichte des Landes. Bereits 1999 beschloß deshalb das georgische Parlament, sie durch die Fünf-Kreuze-Flagge zu ersetzen, aber der amtierende Präsident Schewardnadse verweigerte die Ausführung des Gesetzes. Die Kreuzflagge galt damals als Symbol der Opposition, die sie wiederum auf die legendäre Königin Tamar zurückführte, die Georgien im 13. Jahrhundert, in seiner Blütezeit, regierte. Tamar war die Urenkelin König Davids II., der den Beinamen „der Erneuerer“ trug und mit Hilfe der Kreuzritter Tiflis und andere von den Muslimen besetzte Gebiete erobert hatte. Wie schon das Wappenbild des Landes, der Heilige Georg zu Pferd, weist auch die Flagge auf den Schutzpatron Georgiens hin. Ursprünglich soll es sich nur um ein weißes Tuch mit rotem Kreuz gehandelt haben, bis man es nach dem Muster des „Jerusalemkreuzes“ (ein größeres Kreuz mit vier kleineren Kreuzen in den Winkeln) ergänzte. Der Heilige Georg war lange Zeit der kriegerische Heilige schlechthin. Über die historische Person weiß man wenig, nur soviel, daß es sich um einen römischen Offizier handelte, der zu Beginn des 4. Jahrhunderts, während der Diokletianischen Verfolgung, die Gemeinde in Kleinasien schützen wollte und deshalb das Martyrium erlitt. Bereits die Synode von Nicäa (325) war gezwungen, vor einem allzu üppigen Wuchern der Legenden im Zusammenhang mit seiner Person zu warnen. Dabei verehrte die Gemeinde bis zum Hochmittelalter nur den Märtyrer und Wundertäter. Die berühmte Geschichte vom Kampf Georgs gegen den Drachen wird erst im 12. Jahrhundert faßbar – in der Mitte des 13. Jahrhunderts entstandenen Legenda Aurea, einer Sammlung von Heiligenlegenden, war das Szenarium dann schon fester Bestandteil der Überlieferung. Die enge Verknüpfung des Drachenkampfmotivs mit der Gestalt des Heiligen geht ohne Zweifel auf die Kreuzfahrer zurück, die den Georgskult in Byzanz und im Vorderen Orient kennengelernt hatten. Für sie war er der Inbegriff des miles christianus, und in diesem Zusammenhang entstand auch die Vorstellung einer besonderen „Georgsfahne“. Deren Ursprung lag in einer 1188, vor Beginn des zweiten Kreuzzuges getroffenen Vereinbarung, die einzelnen nationalen Kontingente durch Kreuze von verschiedener Farbe zu kennzeichnen. Dabei erhielt England Rot zugewiesen, und rasch verbreitete sich die Vorstellung, daß das Banner mit rotem Kreuz auf weißem Grund als Fahne des in England besonders verehrten Heiligen Georgs zu betrachten sei. Seit der Zeit der Kreuzzüge fanden noch zahlreiche andere Varianten solcher Kreuzfahnen Verwendung (vor allem in Deutschland und den angrenzenden Gebieten, Frankreich und der Bretagne), die dann aber wieder außer Gebrauch kamen, während die Georgsfahne in England zum nationalen Symbol aufstieg. Sie ist selbst im britischen Union Jack – der seit dem Beginn des 19. Jahrhunderts üblichen Kombination der englischen, schottischen (weißes St. Andreaskreuz auf blauem Grund) und irischen (rotes St. Patrickskreuz auf weißem Feld) Kreuzfahnen – noch zu erkennen, wird aber auch in der traditionellen Gestalt verwendet, vor allem von denen, die ihre Englishness deutlich von der Britishness absetzen wollen. Abbildung: Georgische Fahne: Fünf Kreuze für den Drachentöter

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