Gott schuf auch den Unglauben

Der durch seine Freundschaft mit Hilaire Belloc und seine Ehe mit der Anglo-Katholikin Frances Blogg zur römisch-katholischen Kirche konvertierte Schriftsteller G. K. Chesterton attackierte die führenden Geister seiner Zeit mit vorbehaltlosem Optimismus und geistvollen Paradoxen: „Blasphemie hängt vom Glauben ab und verschwindet mit ihm. Wer’s nicht glaubt, der überlege sich ernstlich, Blasphemisches über den Gott Thor vorzubringen.“ Gerd Haffmanns „Kleiner Atheismus-Katechismus“ versammelt hingegen „zwingende Zweifel nebst religiösen Zugaben auf gottfernen Seiten“ von Georg Büchner, Ludwig Feuerbach, Karl Marx, Charles Darwin, Sigmund Freud, Oswald Spengler oder Arno Schmidt. Auch Ex-Kanzler Helmut Schmidt darf im Gespräch mit Cicero auf die ein wenig unglücklich gestellte Frage „Sie sind als Protestant getauft. Glauben Sie an Gott?“ mit der fast schon philosophisch klingenden Antwort reagieren: „Schon, wenn auch etwas weniger als früher.“ Das hört sich so putzig an wie Georg Christoph Lichtenbergs „Ich danke dem lieben Gott, daß er mich zum Atheisten gemacht hat“, doch geht es Haffmann offensichtlich um mehr als nur ein paar sarkastische Stellungnahmen zu religiösen Daseinsfragen. Tatsächlich „möchte dieser kleine Katechismus in einer Welt von beängstigend anwachsendem Fundamentalismus wieder zur Rückbesinnung auf die Werte der Aufklärung einladen“. Ende der Durchsage. Nun mag ja, wer will, die Aufklärung gern als letzten Rettungsanker wieder aus ihrer Versenkung hervorholen, vor allem wenn wieder einmal gegen die „neue Unmündigkeit“ zu Felde gezogen wird, doch sollte man sich zumindest über den doppelten Aufklärungsbegriff im klaren sein. Denn „das Programm der Aufklärung war die Entzauberung der Welt. Sie wollte die Mythen auflösen und Einbildung durch Wissen ersetzen.“ Mit diesen Sätzen beginnt Horkheimers und Adornos „Dialektik der Aufklärung“, und die Verfasser lassen keinen Zweifel daran, daß noch jedes sich manifestierende Unheil von der Aufklärung selbst hervorgebracht wurde. Und weiter im Text: „Die Morallehren der Aufklärung zeugen von dem hoffnungslosen Streben, anstelle der geschwächten Religion einen intellektuellen Grund dafür zu finden, in der Gesellschaft auszuhalten, wenn das Interesse versagt.“ So ist es, und jetzt das Heil in der Aufklärung zu sehen, als hätte es deren mehrhundertjährige Destruktionsgeschichte nicht gegeben, heißt auf ein totes Pferd zu setzen. Gerd Haffmanns (Hrsg.): Kleiner Atheismus-Katechismus. Haffmanns Verlag bei Zweitausendeins, Frankfurt/Main 2008 gebunden, 171 Seiten, 12,90 Euro

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