Goethes Statthalter in Berlin

Wenn die Tüchtigkeit aus der Welt wäre, könnte man sie durch ihn wiederherstellen“ — diese Eloge sprach Goethe über die „grundwackere und treffliche Natur“ Carl Friedrich Zelter aus. Zelter gehört heute zu der Vielzahl der Komponisten seiner Epoche, die trotz musikgeschichtlicher Bedeutung annähernd vergessen sind. Konzertlexika erwähnen seinen Namen fast ausschließlich nur in Zusammenhang mit seinem Schüler Felix Mendelssohn. Dabei gelang es diesem Sohn eines märkischen Maurermeisters, der am 11. Dezember 1758 vermutlich in Petzow bei Werder (Havel) zur Welt kam, in die damals höchsten musikalischen Positionen Berlins aufzusteigen, und — ganz außergewöhnlich — der einzige zu werden, dem Johann Wolfgang von Goethe je das brüderliche „Du“ angeboten hat. Zelter ergriff zunächst den Handwerksberuf seines Vaters, erlernte aber auch das Violinspiel. Schließlich widmete er sich ausschließlich der Musik und war Orchestergeiger in verschiedenen Ensembles, obwohl er 1783 Maurermeister geworden war. 1784 begann er mit Kompositionsunterricht bei Karl Friedrich Fasch, einem Cembalisten am Hof Friedrichs des Großen, der 1791 die Berliner Singakademie gründen sollte. 1786 entstand Zelters erstes größeres Werk, eine Trauerkantate auf den Tod Friedrichs des Großen. Für seine zweite Frau, die Sängerin Juliane Pappritz, schuf er eine Unzahl an Liedern, insbesondere auf Texte von Goethe. Durch eine Sendung solcher Lieder an Goethe bahnte sich ein einzigartiger Kontakt zu diesem an, der später durch persönlichen Briefwechsel auf Dauer gefestigt wurde. In diesen Briefen erscheint Zelter als ein tatkräftiger, fast derber Charakter, als unabhängiger Mensch mit einem gesunden Urteilsvermögen, was Goethe anscheinend immer mehr anzog. Zelter war der einzige außerhalb der Familie, der dem Dichter nach dem unglücklichen Liebeswerben um Ulrike von Levetzow in schwerer psychischer und physischer Zeit beistehen durfte. Selten standen sich ein Musiker und ein Dichter so nahe. Goethe, der sich sehr für die Natur der Töne interessierte, versuchte in Zelter jemanden zu finden, der mit ihm ein Adäquat zur „Farbenlehre“, eine „Tonlehre“, verfassen könnte. Zwar kam es nie zur Durchführung dieses Projekts. Dennoch schätzte er ihn als Komponisten über alles. Goethe war der Auffassung, daß seine Lyrik in der Umsetzung durch Zelters — nicht erst aus heutiger Sicht — hausbackene Vertonungen die einzige ihr gemäße Ergänzung erfuhr. Nach dem Tode seines Lehrers Fasch übernahm Zelter im Jahr 1800 die Singakademie, die unter seiner Leitung die zentrale Pflegestätte protestantischer Kirchenmusik in Deutschland wurde. Auch wenn er viele Werke Bachs in eigener Bearbeitung aufführte, bleiben seine Verdienste um die Erneuerung der Bach-Pflege ungeschmälert — Verdienste, ohne die Felix Mendelssohn nicht so erfolgreich seine Bach-Renaissance hätte einleiten können. Zelter regte die Gründung von Kirchenmusikschulen in Breslau, Königsberg und Berlin an, wie es überhaupt sein innerstes Anliegen war, die musikalische Volksbildung zu heben. In seiner 1809 gegründeten Liedertafel, die allerdings von Zunftgeist und freimaurerischem Gedankengut nicht frei war, legte er den Grundstein für den deutschen Männerchorgesang. Das Männerchorwesen ehrt das Andenken an Zelter auch heute noch, indem es besonders herausragenden Chorvereinigungen eine Zelter-Plakette verleiht. Zelter genoß in Berlin höchstes Ansehen, das ihn 1806 beim Einmarsch der Franzosen zum offiziellen Vertreter der Bürgerschaft machte. Er war Inspektor der preußischen Regierung und wachte darin in allen Landesteilen über die Qualität des musikalischen Lebens und der Musikerziehung an den Schulen. Zelter verstand sich auch als eine Art Statthalter Goethes in Berlin. Jeweils zum 28. August, Goethes Geburtstag, veranstalteten Singakademie und Liedertafel Festkonzerte, zu denen auch Lesungen und Aufführungen von Werken des Dichters stattfanden. Er starb nur wenige Wochen nach Goethe am 15. Mai 1832 — es scheint, als wenn er nach dem Tod des Freundes ebenfalls nicht weiterleben wollte. Ähnlich ist es bei Wilhelm Furtwängler und Edwin Fischer gewesen. Auf dem Sophienkirchhof in Berlin-Mitte ist sein Grab erhalten. Doch das gerühmte gesunde Urteilsvermögen Zelters blieb aus, wenn es um andere Komponisten ging. Nicht aus persönlicher Mißgunst — der Klassiker Zelter war einfach außerstande, die aufkommende musikalische Romantik und ihre für ihn neuartige Tonsprache zu verstehen. So mußte Hans Pfitzner hart mit ihm ins Gericht gehen: Dieser „boshafte Simpel“ habe durch sein Aburteilen der Werke Webers, Loewes und vor allem Franz Schuberts „jedes Menschenantlitz von Goethe ferngehalten“. Schubert sandte Goethe mehrmals eine Auswahl mit Liedern nach Goethes Gedichten, der sie weder zurückschickte noch sich überhaupt dazu äußerte: wahrscheinlich nur, weil sie Zelter nicht gefielen und Goethes Musikempfinden seine Prägung durch Zelter erhalten hatte. Dessen musikalischen Ideale waren Bach und Haydn — bereits zum späten Mozart hatte er nur noch wenig Zugang. Seit seiner Lehrzeit bei Fasch durchlebte er keinerlei musikalische Entwicklung. Dabei überlebte er die von ihm abgelehnten Schubert und Weber um mehrere Jahre. Man vergleiche Zelters und Schuberts „Erlkönig“-Vertonungen, um zu sehen, welch immenser Unterschied trotz der nur wenige Jahre auseinanderliegenden Entstehungsdaten besteht. Was bleibt als Resümee? Zelters kompositorisches Werk ist heute tot. Zwar nahm Dietrich Fischer-Dieskau vor gut dreißig Jahren einer Auswahl seiner Lieder auf, von denen „Der König von Thule“ mit seiner archaischen Akkordik noch das bekannteste ist — doch spielen diese Lieder im Konzertbetrieb keine Rolle. Immerhin greifen die Bratschenvirtuosen gerne nach seinem Violakonzert, da die Auswahl an geeigneter Konzertliteratur für ihr Instrument gering ist. Das zugegeben recht melodiöse Stück — Goethe rühmte die Zeltersche Melodik als „herzlich“ — ist für seine Entstehungszeit (um 1800) aber von solchem Konservativismus, daß es bei einer anderen Besetzung kaum beachtet würde. Zelters kompositorischer Begabung war der Durchbruch zum Großen nicht vergönnt. Er bleibt dennoch als Lehrer von unter anderem Loewe, Nicolai, Meyerbeer und insbesondere Mendelssohn, doch vor allem bleibt er unvergessen als erfolgreicher, unermüdlicher Organisator des preußisch-deutschen Musiklebens im ersten Drittel des neunzehnten Jahrhunderts, das ohne Zelters Wirken nicht zu seiner späteren Höhe hätte aufsteigen können. Carl Friedrich Zelter (Ausschnitt aus einem Gemälde von Ehregott Grünler): Der Durchbruch zum Großen war ihm nicht vergönnt

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