Ganz sachte

Anfang der neunziger Jahre entwickelte sich innerhalb des Heavy Metal eine neue Spielart, die in den Folgejahren zur kommerziell erfolgreichsten Subkategorie des gesamten härteren Rocks werden sollte. Die Rede ist vom „Gothic Metal“, Gruppen wie Paradise Lost oder Type O‘ Negative suchten den sowieso naheliegenden Brückenschlag zu den ästhetischen Welten der schwarzgewandeten „Gothic“, indem sie typische Merkmale des Dark Wave, wie etwa religiös aufgeladene Symbolik, Weltschmerz-Lyrik, ätherische Frauenstimmen und Choräle mit ihren eigenen, druckvollen Metal-Klängen kombinierten. Heutige Chartstürmer wie die Finnen von Nightwish und Him wären ohne die Werke jener frühen Pionierbands undenkbar. Eine Band der ersten Stunde des Gothic Metal sind die schwedischen Tiamat, die wie fast alle jener Vorreiter dem besonders extremen Death Metal entstammten. Doch war das noch zu Teenager-Zeiten. In späteren Jahren kreierten Tiamat einen sehr eigenen, stark von den frühen Pink Floyd und rituell-hypnotischen Klängen geprägten Stil, der eng verwoben ist mit der reich an mythologischen Bezügen und diabolischen Untertönen ausgestatteten Liebeslyrik des charismatischen Sängers Johan Edlund. Das Album „Wildhoney“ (1994) gilt bis heute als der Höhepunkt ihrer Karriere und als eines der wichtigsten Metal-Alben der neunziger Jahre. Ein Höhepunkt freilich, der sich für Tiamat zum Fluch entwickelte, denn natürlich wurden die drei Folgealben an diesem unerreicht bleibenden Meisterwerk gemessen. Tiamat änderten zwar in den letzten Jahren leicht ihren Stil in Richtung einer höheren Eingängigkeit und konnten so sicher die Verkaufszahlen von „Wildhoney“ halbwegs halten, aber das änderte nichts daran, daß ihre Lieder später oft zu einfach gestrickt auf einem standesgemäß düsteren Mitwippfaktor basierten, während die künstlerische Integrität doch langsam erlahmte. Fünf Jahre nach dem letzten Album „Prey“ ist nun „Amanethes“ (Nuclear Blast) erschienen. Die Vorschußlorbeeren der Vorkoster waren beachtlich, ein Raunen ging geradezu durch die Metal­-Szene – wird es ihnen diesmal gelingen aus dem langen Schatten von „Wildhoney“ zu treten? Die Antwort lautet abermals Nein, aber vielleicht beginnt die Frage nach über zehn Jahren auch unfair zu werden. Fest steht, es geht für Tiamat wieder aufwärts, „Amanethes“ vereinigt viele Stilelemente, die sie im Verlauf ihrer Karriere bereits streiften, und ihnen ist es damit gelungen, dem doch arg kriselndem Gothic Metal noch einmal Schwung zu verleihen. Natürlich wird an keiner Stelle des Albums Neues geboten, doch die Mischung altbekannter Zutaten überzeugt. So gibt es verhältnismäßig harte Stücke zu hören, die durchschimmern lassen, was für finster lärmende Burschen Tiamat früher einmal waren, daneben gewohnt eingängigen Gothic-Rock und sensible Nummern, die gar an Cat Stevens erinnern. Dazu, ganz sachte, ein zum Titel passender Einfluß griechischer Folklore. Edlund wohnt in Griechenland. „Amanethes“ ist eine byzantinische Bezeichnung für folkloristische, Liebeskummer verarbeitende Lieder. Etwas verwundern muß lediglich die zwar selten auftretende, aber dann jedes Maß sprengende Wilderei bei den Kollegen von Type O‘ Negative: Abkupferei, die Tiamat gar nicht nötig hätten, zumal sie leicht die über Jahre entwickelte eigene Note beschädigen kann. Als Fazit ließe sich trotz dieses Makels anbringen: Tiamat verteidigen als eine der Gründerväter des Gothic Metal ihren Status, eine Band mit besonderer Ausstrahlung und gewichtige Nachlaßverwalter von Pink Floyd – und das als Metalgruppe! – zu sein. Die hypnotischen Momente des „Wildhoney“-Albums bleiben indes weiterhin unerreicht.

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