Eine Anti-68er-Polemik

Fast hatte es den Anschein, als sei der literarische 68er-Rummel nun endlich zum Erliegen gekommen, da präsentiert man uns „Das 68er-Kochbuch“. Doch gemach, es ist alles nicht so ernst gemeint, denn das Autorenduo „Joschka Pfuscher“ und „Claudia Brot“ aus dem libertären Lichtschlag-Verlag serviert seinen Lesern „111 Rezepte vom Abgeordnetengelee bis zum Zensurkompott“, und das alles auch noch „100 Prozent quotenfrei“. Nach einer Kurzaufklärung „Was es mit den 68ern auf sich hat“ – als besonders hübsches Schmankerl erweist sich dabei ein Gespräch im Berliner Roten Rathaus – geht es auch schon mit „Angsthasenrücken“, „Antidiskriminierungsmarinade“ und „Asyl-risotto“ los, wobei letzteres auf keinen Fall mit dem „Flüchtlingseintopf“, einer alten ostpreußischen Spezialität, die heute tunlichst beschwiegen wird, verwechselt werden darf. Sehr beliebt bei den Alt- und Neu-68ern sind dagegen der „Auflauf der Anständigen“ und die „Evangelische Kirchentagssülze“; aber auch das „Faselei“, ein sehr einfaches Gericht, das jedem 68er auf Anhieb gelingt, auch wenn er gar nicht weiß, worum es geht, wird gern goutiert. Etwas aus der Mode gekommen sind hingegen der „Friede-Freude-Eierkuchen“ und das „Gastarbeiterfrappé“, die heute nur noch selten gereicht werden, während das in einem Einheitstopf servierte „Gesamtschulsüppchen“ grottenschlecht schmeckt, aber als traditionelles Gericht der 68er und regionale Spezialität aus Bremen und NRW immer wieder mundet. Zum Nachtisch gibt’s dann ein „Geschichtsklittertortelette“, wahlweise auch ein breiiges „Gutmenschenmüsli“, das mehr oder weniger flüssig, also ohne jede Festigkeit sein sollte, damit der Gutmensch es mit einem Strohhalm in sich hineinschlürfen kann. Den krönenden Abschluß eines Menüs bietet das berühmte „Joseph-Fischer-Omelette“, gewürzt mit einer Handvoll Schotter, gesiebtem Straßenstaub und einer Prise treuem Hundeblick. Ein Gericht, das sogar die bei den 68ern kaum minder begehrten „Kulturrevolutionskutteln“ aussticht, deren Brühe zwar selbst für die Chinesen inzwischen ungenießbar ist, sich bei uns aber ungebrochener Beliebtheit erfreut. Natürlich ist das nur eine kleine Auswahl all der servierten Köstlichkeiten. Und soll uns gleichzeitig noch einmal die zahllosen nimmersatten Platitüden und gedankenlosen Quatschnasigkeiten vor Augen führen, mit denen uns die 68er den langen Marsch ins Paradies schmackhaft machen wollten. Joschka Pfuscher, Claudia Brot: Das 68er-Kochbuch. Lichtschlag Buchverlag, Grevenbroich 2008, broschiert, 232 Seiten, 14,90 Euro

Probeabo JF 2021 Gratis lesen

Wenn Ihnen der Artikel gefallen hat: Unterstützen Sie die JF mit einer Spende.

Der nächste Beitrag

ähnliche Themen
Hierfür wurden keine ähnlichen Themen gefunden.
aktuelles