Joachim Kuhs

 

Deutsche Religion

Neben Eugen Dühring (JF 13/08) ist es der Orientalist Paul de Lagarde (1827-1891), der bei geschichtspolitisch motivierten Rasterfahndungen nach denen, die angeblich die ersten Schneisen in Richtung Auschwitz schlugen, immer wieder ins Netz geht. Anders als bei Dühring liegen aber genug Studien vor, um von einer gerade in den letzten Jahren wieder intensivierten Lagarde-Forschung sprechen zu dürfen. Allerdings fehlte es an einer modernen, den riesigen Nachlaß des Göttinger Gelehrten ausschöpfenden Biographie, wie sie nun der Marburger Privatdozent Ulrich Sieg geschrieben hat. Den engeren wissenschaftshistorischen Kontext, den Standort des Orientalisten Lagarde in der Geschichte der Altertumswissenschaften, kann der Historiker Sieg natürlich nur streifen. Gut versorgt mit Informationen aus der überreichen Korrespondenz, liefert er hingegen eine lebendige Charakterstudie des Pastorensohnes, dem sich der protestantische Glaube der Väter früh in Nichts auflöst und der sich aufmacht, diese Leere mit einer überkonfessionellen „deutschen Religion“ zu füllen. Die Spur des von Wagner über Nietzsche bis zu „Papa“ Heuss gelesenen Religionsstifters verfolgt Sieg dann bis in die Anstreichungen, die Adolf Hitlers Hand in Lagardes Bibelsurrogat, den „Deutschen Schriften“, hinterließ. Sehr anschaulich fällt auch die Darstellung der hohen ideologischen Relevanz philologisch-relativierender Feinarbeit am Alten und Neuen Testament aus, Texten, die im 19. Jahrhundert noch als „Offenbarungen“ Gottes galten. Die Verortung dieses „Misanthropen der unangenehmsten Sorte“ (Michael Brenner in der Zeit) Lagarde in den ersten judenfeindlichen Bewegungen um 1880 mißlingt Sieg hingegen vollständig, weil er sich den Zwängen heutiger politischer Korrektheit unterwirft. So sieht er etwa die Wähler der „Antisemiten“, die hessischen Bauern, die von „Viehjuden“ mit Zinssätzen von bis zu fünfzig Prozent malträtiert wurden, ausschließlich als Opfer einer ersten, schicksalsgleichen „Globalisierung“ und als „Modernisierungsverlierer“. Die Juden hätten mit ihrem Elend nichts zu tun, seien nur als „Sündenböcke“ Opfer von deren „Vorurteilen“ gewesen. Der historischen Erforschung des politischen Phänomens, das aus judenfeindlichen Gärungen und deren intellektueller Unterstützung durch Männer wie Lagarde hervorging, hilft Siegs Analyse also wenig voran. Sein philosemitischer Bekenntnismut wiegt diese kleinen Defizite aber vielfach auf. Ulrich Sieg: Deutschlands Prophet. Paul de Lagarde und die Ursprünge des modernen Antisemitismus, Carl Hanser Verlag, München 2007, gebunden, 415 Seiten, Abbildungen, 25,90 Euro

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