Deutsche aus der Mottenkiste

Vor vierzig Jahren zog der sogleich ins Deutsche übersetzte Roman „A Small Town in Germany“ (dt. „Eine kleine Stadt in Deutschland“; 2007 erneut aufgelegt) das Interesse der bundesrepublikanischen Öffentlichkeit auf sich. Hinter dem Namen des auf Kriminalromane spezialisierten Erfolgsautors verbirgt sich der studierte Germanist David Cornwell, der als Geheimagent für den britischen Secret Service arbeitete und 1960 — als Diplomat getarnt — nach Bonn entsandt worden war. Der die Ost-West-Spannungen aufgreifende Roman ist in höchst eigenwilliger Optik auf die Befindlichkeiten der damaligen Bundesrepublik Deutschland zugeschnitten. Der zeitgeschichtliche Kontext wird durch zwei parallel verlaufende Vorgänge bestimmt. Während in Brüssel schwierige Verhandlungen über Großbritanniens Antrag um Aufnahme in die EWG anstehen, finden in der Bundesrepublik der Großen Koalition Demonstrationen einer außerparlamentarischen Opposition statt, die eine antiwestlich, auch gezielt antibritisch angehauchte Kampagne gegen die weitere europäische Integration der Bundesrepublik betreibt und statt dessen für eine Wirtschaftsachse Bonn—Moskau eintritt. Der Anführer dieser von Studenten mitgetragenen Massenbewegung ist der Industrielle Dr. Klaus Karfeld. Zur gleichen Zeit wird das Verschwinden eines unteren Botschaftsangestellten namens Leo Harting und politisch hochbrisanter Akten aus der Bonner Botschaft durch den eigens aus London entsandten, aber in der britischen Vertretung keineswegs willkommenen Sicherheitsbeamten Alan Turner in einer mühsamen Spurensuche aufgeklärt. Turner lüftet schließlich das Geheimnis um Identität und Motive Hartings. Bei diesem handelt es sich um einen ursprünglich deutschen Flüchtling, der in den dreißiger Jahren nach England emigriert war. Harting hat seit der Besatzungszeit Beweise für die nationalsozialistische Verstrickung Karfelds zusammengetragen. Um die politische Karriere Karfelds als eines neuen Hitler zu verhindern, hat Harting bereits einen Attentatsversuch auf ihn unternommen. Auf der im Epilog beschriebenen Großkundgebung der Bewegung wird Harting von Polizeihand erschossen, bevor der inzwischen mit ihm sympathisierende Turner ihn erreichen kann. Daß der Roman in der damaligen Bundesrepublik Furore machte, kann kaum überraschen, führt er doch mit einer irritierenden Hypothese in das aufgewühlte Klima der außerparlamentarischen Agitation und des vorübergehenden Aufschwungs der die etablierten Parteien aufschreckenden NPD. Zudem mußte sich das deutsche Publikum durch die vorwurfsvolle historische Sicht le Carrés herausgefordert fühlen, der tief in die imagologische Mottenkiste greift und die rechtsgerichtete Karfeld-Bewegung als einen irrationalen Traum romantischer Provenienz deutet. Die britische Botschaft ist Teil der Bonner Szene Dieser Zusammenhang wird literarisch durch die Beschreibung der Bonner Atmosphäre erhellt. An den Auftakt von Charles Dickens’ Roman „Bleak House“ erinnernd, aktiviert der über der rheinischen Landschaft liegende Nebel von der ersten Seite an die Einbildungskraft des Lesers. Wie bei Dickens hat dieser Bildbereich auch bei le Carré die Funktion, gesellschaftlichen Defiziten metaphorisch Ausdruck zu verleihen. Dieses zentrale Symbol soll die politische Stagnation und Orientierungslosigkeit der trist und steril anmutenden provisorischen Hauptstadt (im Text sarkastisch „Haupt-Dorf“ genannt) veranschaulichen, deren Realitätsabgewandtheit zum Träumen einlade. Dementsprechend ist auch das Siebengebirge mit seinen Assoziationen an die Nibelungensage und vergangene nationale Glorie in Nebel gehüllt. Le Carré reaktiviert traditionelle Vorstellungen von einem geheimnisvollen, romantischen, politisch unberechenbaren Deutschland; aus der Bonner Waschküche steigen Schwaden verhängnisvoller politischer Rückständigkeit auf. Trotz dieser primär an deutsche Leser gerichteten Vorbehalte hatte le Carré aber recht, als er meinte, daß die eigentlichen Adressaten seines Romans seine Landsleute seien. „A Small Town in Germany“ hat nämlich gewissermaßen zwei böse Buben. Das wird durch die Orts- und Landschaftsbeschreibungen unterstrichen, die deutlich machen, daß die britische Botschaft ein wesensgemäßer Teil der negativ konnotierten Bonner Szenerie ist. So soll der ausführliche Bezug auf den in überdeutlicher Anspielung auf die jüngste Geschichte „Chamberlain’s hill“ genannten, im Nebel verschwindenden Petersberg die moralische Fragwürdigkeit auch der gegenwärtigen, prinzipienlos lavierenden britischen Regierung anzeigen. In dem Turners Aufklärungsarbeit beargwöhnenden Verhalten des maßgeblichen Botschaftsangehörigen Bradfield soll sich ein erneuter Werteverfall Englands spiegeln, dessen Regierung ebensowenig wie der deutschen an einer Aufdeckung von Karfelds Vergangenheit gelegen ist. Mag John le Carré mit dem das eigene Land treffenden Vorwurf des Opportunismus auch gegen den Erwartungshorizont des englischen Durchschnittslesers geschrieben haben, so hat er dessen simples politisches Weltbild in anderer Hinsicht um so bereitwilliger reproduziert. Eine geradezu exakt trivialliterarische Einlösung konventioneller Lesererwartungen besteht nämlich darin, daß le Carré die britische Obsession mit einem auch damals abwegigen nationalsozialistischen Comeback mit der Darstellung der stramm links ausgerichteten Studenten- und Protestbewegung der späten sechziger Jahre verknüpft hat. Der englische Leser bewegt sich auf vertrautem Terrain Die fiktional zugemutete Annahme einer politischen Massenbewegung unter Zusammenschluß linker Studentenorganisationen und revanchistischer Kräfte entbehrt aber jeglicher realgeschichtlichen Plausibilität. Auch wenn rebellische Achtundsechziger und revolutionäre Dreiunddreißiger sich in mancher Hinsicht glichen, bleibt doch der unbändige Haß auf alles Nationale im späteren Fall ein nicht hinwegzuleugnender, gravierender Unterschied, der le Carrés Konstruktion einen gewaltsamen Anstrich gibt. Vielleicht läßt sich diese eigenartige politische Mixtur damit erklären, daß der Autor seiner persönlichen Abneigung gegen totalitäre Regime, seien sie nationalsozialistischer oder kommunistisch-sowjetischer Fasson, hier Resonanz verschaffen und sozusagen zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen wollte. Insgesamt kommt man nicht um das Fazit herum, daß es le Carrés eigentliches Anliegen gewesen ist, seinem angestammten Thriller-Publikum mit einem emotional aufgeladenen und gut zu vermarktenden Thema aufzuwarten. Zu diesem übergeordneten Zweck hat er fest verwurzelte Vorurteile ohne viel Federlesens bedient. Daß sich der englische Leser im deutschen Ambiente auf vertrautem Terrain bewegen soll, geht auch aus der vorwiegend klischeehaften Charakterisierung der deutschen Nebenfiguren wie des Journalisten Saab hervor, die sich von der differenzierteren Zeichnung des englischen Personals merklich abhebt. In der Bewertung britischer Politik wider den Stachel löckend, hat John le Carré anderweitig um so mehr Konzessionen an sein Publikum gemacht, um es zugunsten einer spannenden Geschichte bei der Stange zu halten. Wenn man den schillernden Roman — wie der Rezensent der Times vom 2. November 1968 — als Unterhaltungsliteratur einstuft, tut man dem Autor also keineswegs Unrecht. Als der Deutschlandkenner le Carré voriges Jahr um eine kurze vergleichende Stellungnahme zu der alten, ihm vertrauten Bundesrepublik und der neuen Berliner Republik gebeten wurde, antwortete er dem Interviewer, daß er im heutigen Deutschland am meisten die frühere Liberalität im öffentlichen Meinungsklima und echte Kontroversen vermisse. Dem ist nichts hinzuzufügen. Ausblick vom Petersberg: Aus der Bonner Waschküche steigen Schwaden verhängnisvoller politischer Rückständigkeit auf John le Carré: Eine kleine Stadt in Deutschland, zuletzt auf deutsch erschienen als Band 30 der Reihe „Wir in Nord­rhein-Westfalen — Unsere gesammelten Werke“, Klartext Verlagsgesellschaft, Essen 2007, 308 Seiten 7,95 Euro   Prof. Dr. Heinz-Joachim Müllenbrock ist Emeritus für Anglistik an der Georg-August-Universität Göttingen. In der JUNGEN FREIHEIT schrieb er zuletzt über H.G. Wells (JF 29/08).

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