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Babylon in unseren Köpfen

Glanzvoll verabschiedet sich der Generaldirektor der Staatlichen Museen Berlins, Peter-Klaus Schuster, mit einer monumentalen Ausstellung über Realität und Nachleben Babylons. Dabei kooperiert man mit dem Louvre und dem British Museum, die jedoch eigene Wege einschlagen.

Schon die räumlichen Dimensionen differieren markant: Berlin toppt mit seinen 3.000 Quadratmetern Ausstellungsfläche London (500 Quadratmeter) und Paris (1.000 Quadratmeter). Selbstbewußt erläutert Schuster Babylon als „‘Menschheitsprojekt’ sowohl für die Archäologen auf ihrer Suche nach der historischen Wahrheit (…) als auch für die Kunst- und Medienwissenschaften in ihrem Ringen mit den Verwirrungskräften eines Mythos“.

Deshalb bietet Berlin gleich zwei Ausstellungen: eine archäologische („Wahrheit“) und eine kunstgeschichtlich-diskursreflexive („Mythos“). Mit diesem „allumfassenden Format“ werde das Projekt zum „Idealthema par excellence“ für die Staatlichen Museen. Tatsächlich fügt sich der an der Spree jetzt entfaltete babylonische Kultur- und Geschichtskosmos nahtlos dem universalhistorischen Anspruch ein, der die Gründer der Museumsinsel beseelte. In ihrem Bestreben, Berlin als Teil der musealen Weltelite zu etablieren, legten sie den Grund eines vielgestaltigen Universalmuseums, das seitdem bis in die letzten Jahre unaufhaltsam wuchs.

Kaiserliche Faszination des Orients

Nicht genug der imperialen Ambition, war Babylon schon mit der Kultur des kaiserlichen Berlin eng verbunden. Die Faszination des Orients inspirierte den Kaiserbesuch 1898 in Istanbul und die Gründung der Deutschen Orient-Gesellschaft, führte zum Bau der Bagdad-Bahn wie zur Freilegung der mesopotamischen Altertümer durch die deutschen Archäologen Robert Koldewey (1855–1925) und Walter Andrae (1875–1956).

Man entwarf gar ein raffiniertes Bühnenspektakel „Sardanapal“ (1908). Voraus ging eine akademische Kontroverse, der „Bibel-Babel-Streit“ (1902ff.), angestoßen vom Assyriologen Friedrich Delitzsch. Der erschütterte die Ursprünglichkeit des Alten Testaments, dessen Motive er als Teil der altorientalischen Überlieferung begriff. Der exponierte babylonische Nexus wirkte als ungeheure Provokation.

Verging auch die überzogen „panbabylonische“ Theorie, bleibt doch sein Grundgedanke: „Die Schöpfung der Welt und des Menschen, die Vertreibung aus dem Paradies und der Entzug des ewigen Lebens, die große Flut und die Arche Noah, der Turm (…) – das alles und vieles mehr sind mehr oder weniger direkte Entlehnungen aus der babylonischen Mythologie und Vorstellungswelt“. (G. Kratz)

Berlins größte museale Attraktion

Konsequent haben sich die drei europäischen Universalmuseen also darauf verständigt, „die Wurzeln unserer abendländischen Kultur freizulegen“ – ein erfreulicher Perspektivwandel, korrigiert er doch die ältere Konvention, die stets nur Jerusalem und Athen zu normativen Fluchtpunkten westlicher Identität erklärte.

Die größten mesopotamischen Kollektionen bieten Paris, London und Berlin. Berlin erscheint privilegiert, erhielt es doch die kostbaren glasierten Tonziegel des Ischtar-Tores, der Prozessionsstraße und vom Thronsaal des Nebukadnezar: mit den würdevoll schreitenden Löwen der Göttin und den zierlichen Palmornamenten aus dem sagenhaften Bâb-ilâni, dem „Tor der Götter“.

All das wurde einst in Berlin restauriert und zum kunstvollen Baumonument ergänzt. Berlins größte museale Attraktion galt schon der Antike als Wunder. „Die Sonderstellung Babylons mit seinen Mauern und den Hängenden Gärten auf der Liste der sieben Weltwunder zeugt vom Erfolg, der Kontinuität und der Überlieferung der drei Jahrtausende alten Werte bis in eine Zeit, als die großen Bauten (…) nur noch Erinnerung waren.“ (B. André-Salvini)

Die Grundzüge des fernen Lebens umrissen

In diesem kolossalen Ambiente hat man nun einen großartigen Wissensreichtum entfaltet und dafür die Schauräume im Pergamonmuseum umgebaut. Das ist der Themenzentrierung der Ausstellung („Wahrheit“) geschuldet. Die mesopotamische Geschichte vom 4. vorchristlichen Jahrtausend bis zum Fall durch die Perser (539 v. Chr.), mit ihren zahlreichen Völkerschaften und Herrschaftsformen, ist schwer zu überschauen.

Deshalb haben Beate Salje, Joachim Marzahn und Günther Schauerte mit den überaus kostbaren Objekten – Götterfiguren, Handschriften, Zauberschalen, Rollsiegeln – systematische Komplexe gebildet, die Grundzüge des fernen Lebens umreißen: Königtum, Architektur, Religion, Recht, Arbeitswelt, Alltag, Wissenschaft und Nachleben Babylons.

Die Verantwortlichen erstreben, „anhand der Denkmäler zusammenfassende Kulturparameter zu vermitteln, an denen die Besonderheiten der altorientalischen Gesellschaft sichtbar werden“. Das ermöglicht eine „ganzheitliche Aussage“. Sie verdankt sich dem methodischen Prinzip der Aussteller: den integralen Charakter der alten Kultur strukturell aufzuzeigen.

Zentrum des Universums

Babylon nämlich war ein „kosmischer Staat“, der sich als Zentrum des Universums begriff. Als Erbe und Blüte mesopotamischer Tradition, einer Geschichte von Tempelstädten zu Stadtstaaten bis zum Reich Hamurapis fügte es die altorientalische Glaubenswelt zur prägnanten Synthese und gestaltete sie als umfassenden Symbolismus.

Stadt und Tempel wurden zum tiefsinnigen Bild der Welt, der berühmte stufenpyramidale Tempel, Zikkurat, gar zur kosmischen Achse, die Unterwelt, Diesseits und Himmel verband. Sein Herr war Marduk, der das babylonische Pantheon regierte und auf den König verwies, dessen Charisma vom Himmel stammte.

Marduk ist auch der Lichtheld des Schöpfungsmythos Enuma Elisch, das die Entstehung von Göttern, Welt und Mensch nachzeichnet. Dort bekämpft er siegreich den dämonischen Drachen, das Urchaos und schafft die Weltordnung. So gehen die Grundzüge von Gottesbild, Königtum, Staatlichkeit, ja des Zeichencharakters der Kultur auf das große Babylon zurück. Sie wirken bis heute fort. Noch im konservativen Kampf gegen die Anarchie erscheint das archaische Motiv babylonischer Kosmologie.

Zum Abschluß die ernste Würdigung eines Kulturvolks

Daneben zeigt sich ein negatives Syndrom „Babel“, das seit den biblischen Texten die zivilisatorischen Ängste der Menschheit transportiert. Aus ihnen hat Moritz Wullen eine zweite, anregende Kunstausstellung komponiert und programmatisch umrissen: „Der ‘Mythos Babylon’ ist das Babylon in unseren Köpfen.

Er steht für das, was uns einfällt, wenn wir ‘Babylon’ hören: den Turm und seine Zerstörung, apokalyptischer Untergang, größenwahnsinnige Tyrannen, Sex, Gewalt, Gefangenschaft und Sprachverwirrung. All diese Assoziationen haben wenig mit dem historischen Babylon zu tun, und dennoch sind sie für uns auf sehr hartnäckige Weise real.“ Nach dem Durchwandern der archäologischen Lehrschau funktioniert nun das schillernde Kaleidoskop künstlerischer Zeugnisse exotisch verfremdend.

An den kosmopolitischen Aspekt des Themas hängt sich der Außenminister, der zeitgeistig „ständigen Austausch“ und „kulturelle Offenheit“ preist: Babylon als urbanes Weltmodell. Immerhin steuert sein Haus eine Filmreihe zum heutigen Irak bei. So schließt sich das Ausstellungsprojekt des Sommers zur ernsten Würdigung eines verletzten, doch unverwüstlichen Kulturvolkes.

Die Ausstellung ist bis zum 5. Oktober im Berliner Pergamonmuseum, Bodestraße 1–3, täglich von 9 bis 18 Uhr, Do.–Sa. bis 22 Uhr, zu sehen.

Der zweibändige Katalog (280 Seiten und 648 Seiten) mit zahlreichen Abbildungen kostet in der Ausstellung 39,90 Euro.

> Weitere Informationen zur Austellung

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