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Frauenfarben

Burda-Moden hat in seiner aktuellen Ausgabe „Violett“ zur Modefarbe der Saison erklärt. Violett oder Lila (Fliederviolett, Fliederfarben) kehren in dieser Funktion regelmäßig wieder, auch wenn man sie nicht unter die Klassiker rechnen kann. Immerhin sticht ihre Präsenz in der Mode gegenüber dem weitgehenden Fehlen in der politischen Symbolik deutlich hervor. Violett hat allerdings in der kirchlichen Liturgie eine wichtige Funktion, weil es die Passion Christi, außerdem Bußbereitschaft und Einkehr versinnbildlicht. Vor diesem Hintergrund muß man die Entscheidung der evangelischen Kirche nach dem Ersten Weltkrieg betrachten, eine eigene Fahne mit violettem, lateinischem Kreuz auf weißem Grund einzuführen. Die Notwendigkeit für eine solche Fahne hatte sich aus dem Zusammenbruch der Monarchie – mit der der Protestantismus in Deutschland sehr eng verwachsen war – und dem inneren Vorbehalt großer Teile der Geistlichkeit gegenüber der neuen Republik ergeben. Schon um zu verhindern, daß an kirchlichen Gebäuden immer wieder die alten Farben Schwarz-Weiß-Rot aufgezogen wurden (dazu war es etwa 1921 bei der Überführung des Leichnams der im Exil verstorbenen Kaiserin Auguste Viktoria gekommen), entschied man sich für die Fahne mit dem violetten Kreuz. Der deutliche Unterschied zur weiß-gelben Kirchenfahne der Katholiken war auch ein theologischer: Gegen das „triumphalistische“ und „österliche“ Silber und Gold stellte man jene Farbe, die das Leiden Christi symbolisierte. Bis zu einem gewissen Grad hat sich Violett infolgedessen zur „Parteifarbe“ des Protestantismus entwickelt. Als in den 1980er Jahren große Teile der evangelischen Christen in den Sog der linken Friedensbewegung gerieten, wurde es üblich, neben den sonstigen pazifistischen Symbolen violette – „lila“ – Tücher mit der Aufschrift „Frieden schaffen ohne Waffen“ bei Kirchentagen oder Demonstrationen zu tragen. Diese Art der Verwendung ging häufig über in eine andere, nämlich die Benutzung durch die Frauenbewegung, deren Anhängerinnen Kleidung dieser Farbe (sprichwörtlich war die „lila Latzhose“) bevorzugten, aber auch ihre Abzeichen wie den Spiegel der Venus oder die zweischneidige „Amazonenaxt“ damit kombinierten. Ein Motiv für diese Aufnahme des Violetts durch den Feminismus mag gewesen sein, daß es nicht durch andere politische Strömungen „besetzt“ war. Darin besteht eine Ähnlichkeit mit der Bedeutung von Rosa in der politischen Symbolik. Erst Ende der 1970er Jahre breitete sich der „rosa Winkel“ als Abzeichen der Homosexuellenbewegung aus. Der Grund dafür war die Identifizierung mit denjenigen Häftlingen der nationalsozialistischen KZs, die wegen ihrer Homosexualität inhaftiert und mit einem rosafarbenen Dreieck gekennzeichnet worden waren. Das Emblem hat sich allerdings außerhalb Deutschlands niemals ganz durchgesetzt. Rosa taucht in der „schwulen Internationale“ bestenfalls als Farbgebung (des doppelten Männlichkeitszeichen, des Lamdas etc.) oder das Dreieck als Beizeichen (der Regenbogenfahne etwa) auf. Vielleicht wirkt dabei ein Vorbehalt gegenüber Mischfarben in der politischen Symbolik mit, von dem Grau oder Braun oder hellere Abtönungen aber weniger betroffen sind. Sicher spielt eine stärkere Rolle, daß Rosa eine Konnotation als Kinder- oder Frauenfarbe hat. Daß das kein Zufall und auch nicht kulturspezifisch ist, wurde durch eine neue Studie englischer Biologen erhärtet, derzufolge Frauen eine andere Wahrnehmung von Farbtönen haben, die zwischen Rot und Blau changieren. Das erkläre unter anderem die Beliebtheit von Rosa, „Pink“ und Violett in der weiblichen Mode, ihr fast völliges Fehlen in der männlichen. Die natürlichen Ursachen dieser Präferenz sind selbstverständlich umstritten, sie reichen von der Annahme, Frauen suchten Männer mit rosiger Gesichtsfarbe als Partner aus, weil die wahrscheinlich auf Gesundheit schließen lasse (was nur im Fall der Weißen plausibel wäre) oder es hänge mit deren differenzierterer Farbwahrnehmung überhaupt zusammen, die auf die Tätigkeit als Sammlerin in der Frühgeschichte zurückgeführt werden könnte. Sei dem, wie dem sei: Der weiblichen Bevorzugung bestimmter Farben entspricht jedenfalls deren Zurücktreten in der Politik – einer letztlich doch männlichen Domäne. Die JF-Serie „Politische Zeichenlehre“ des Historikers Karlheinz Weißmann wird in zwei Wochen fortgesetzt.

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