Langen Müller Josef Kraus Der deutsche Untertan

 

Die Wiedergeburt eines Standardwerkes

Forschung reflektiert auf ihre Weise Zeitlage, historische Situation und mentalen Wandel. Das betrifft zumal die Geisteswissenschaften, die lebensweltlich verankert sind und logisch in die Wertdisposition der Subjekte hineinreichen. Sie werden von der politisch-sozialen Ereignisstruktur je herausgefordert. So hat etwa die Germanistik sämtliche Ideologien der vergangenen Jahrzehnte aufgesaugt.

Alternativ sind aber auch Reaktionen denkbar, die neue Positionen kontrafaktisch entwerfen. Ein Exempel gibt die Religionswissenschaft der zwanziger bis sechziger Jahre, die Krieg, Totalitarismus und säkularen Ideologien das Konzept einer Religionsphänomenologie entgegenstellte. Als Krisenantwort bot diese eine Regeneration von Wissenschaft, Kultur und eine persönliche Sinnorientierung. Die Phänomenologen betonten das Religiöse als anthropologische Universalie (homo religiosus) und metaphysische Realität (das Heilige) und statuierten die Autonomie ihres Fachs. Das Resultat waren umfassende Arbeiten zur Religionssystematik, die die historische Individualisierung des Heiligen mit seinen ewigen Strukturformen dialektisch verknüpften. Als herausragende Vertreter dieser Richtung verfaßten Alfred Bertholet und Kurt Goldammer das „Wörterbuch der Religionen“ (1952) – fünfzig Jahre lang das prominenteste einbändige Handbuch auf dem Markt.

Der Verlag löst es nun durch eine neue Publikation gleichen Namens ab. Es faßt die zehnjährige Vorarbeit von siebzig Fachleuten zusammen. Methodisch und konzeptionell bricht es ausdrücklich mit dem Vorgänger, versteht sich rein empirisch, profan „kulturwissenschaftlich“. Das meint die Trennung von Theologie und Philosophie und eine sozialwissenschaftliche Wendung. So werden neben der Soziologie, Medientheorie, Semiotik, Begriffsgeschichte, Ethnologie, Gender- und Kolonialismusforschung zu Leitdisziplinen. Die fragen wenig nach religiösen „Gehalten“, vielmehr „diskursanalytisch“ nach funktionalen Modalitäten. Postmoderner „Verlust des Gegenstandes“ also auch hier, erst recht als transzendentale Tiefenschau. Verantwortlich für die Reduktion aufs Kausale und Ephemere ist das allmächtige Kommunikationsparadigma, das – umgekehrt zum religiösen Anliegen selbst – die Vermittlungen als unabschließbar aussagt. Nicht etwa Paul Tillich („Religion ist, was uns unbedingt angeht“), sondern Max Weber und Niklas Luhmann sind die Gewährsleute. „Soziales Handeln“ und systemische Kombination formatieren die religiösen Aspekte um und produzieren hier neue Stichwörter wie: Gewalt, Internalisierung, das Andere, Klasse, Habitus, Identität. Manches gerät arg zeitgeistig – so: Geschlecht, Mutter, Randgruppe, Marginalität -, anderes hingegen nützlich: Heiliger Krieg oder Globalisierung. Weitere Artikel, so Körper oder Gedächtnis, analysieren komplexe Konzepte, was teilweise fragwürdige Proportionen schafft.

Insgesamt gibt es 2.600 Einträge, alle von intellektuellem Gewicht – doch mit charakteristischen Defiziten. Die Umstellung von Idealismus zu Nominalismus entwertet dramatisch das Verdienst der Klassiker, deren produktive Ideen oft zu bloßen Meinungen reduziert sind. Auch bibliographisch werden sie abgedrängt. Dafür quellen die Listen über vor angelsächsischer Literatur, die man für absolut normsetzend hält. Von kontinentalem Widerstand keine Rede. Ärgerlich dabei der konstruktivistische Dünkel, der ältere Konzepte als „Erfindungen“ abtut, bloße Projektionen, die sich willkürlich aushebeln und durch mindestens ebenso fragwürdige ersetzen lassen.

Der Realitätsdruck ist aktuell freilich enorm. Das zeigt das Wörterbuch gut. So werden multikulturalistische Fragmentierung und entgrenzende Globalisierung greifbar in der differentialistischen Auflösung von Begriffen (Mystik) oder ihrer banalisierenden Überdehnung (Mythos). Beides zerstört die Ideen und wirkt begrifflich dissoziierend. Statt „zu den Sachen selbst“ zu gehen, favorisiert die Analyse das Wie, Wem, Wo – kontingente Faktoren also, Außenseiten des Sachverhalts. Religion läuft so Gefahr, methodisch zur „defensiven Restkategorie“ zu verdampfen.

Gewiß dokumentieren die Einträge meist den aktuellen Wissens- und Diskussionsstand. Freilich bezahlt sich der oft mit Gedächtnisverlusten. Statt an die klassischen Leistungen des 20. Jahrhunderts von Rudolf Otto bis Mircea Eliade behutsam anzuknüpfen, stößt man diese ab. Trotzdem: Neben viel Nützlichem, ja Vorzüglichem en detail wird man die intellektuelle Leistung insgesamt schätzen. Das „Wörterbuch“ braucht keine Konkurrenten zu scheuen. Hierzulande sind das derzeit Waldenfels‘ „Lexikon der Religionen“ (1987) und das „Oxford-Lexikon der Weltreligionen“ (1997), erst recht nicht zur Kurzfassung letzterer (2000). Sorgfältige Prüfung dieser Vergleichstitel erweist den neuen Band als legitimes Desiderat. Sein unverwechselbarer Blickwinkel wird ihm den ernstzunehmenden Platz sichern.

Christoph Auffarth, Hans Kippenberg, Axel Michaels (Hrsg.): Wörterbuch der Religionen. Alfred Kröner Verlag, Stuttgart 2006, gebunden, XVIII und 589 Seiten, 49,80 Euro

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