Zu grell für heutige Augen

Die Darmstädter Mathildenhöhe widmet sich noch bis zum 19. März einem wiederentdeckten Symbolisten. Ludwig von Hofmann gilt eine große Werkschau mit zahlreichen Ölgemälden, Graphiken und Fotografien. Die Ausstellung führt zurück in die Zeit der deutschen Reformbewegung, des kulturkritischen Idealismus an der Schwelle zum 20. Jahrhundert. Hofmann wurde 1861 als Sohn des hessischen Staatsbeamten Karl Hofmann in Darmstadt geboren. Vater Hofmann wurde bald hessischer Gesandter in Berlin, dann Ministerpräsident im Großherzogtum Hessen-Darmstadt, schließlich Präsident des Reichskanzleramtes. Eine Politikerkarriere mit später Adelung also, die zum Umzug der Familie nach Berlin führte. Nach einem abgebrochenen Jurastudium in Bonn und Leipzig ließ sich der junge Ludwig von Hofmann in Dresden und Karlsruhe zum Maler ausbilden. Es folgte ein längerer Paris-Aufenthalt bis sich Hofmann in Berlin niederließ, wo ihm der künstlerische Durchbruch gelang. Um 1900 stieg er als Teil der „Berliner Secession“ zum gefragten Künstler seiner Zeit auf. 1903 übersiedelte er nach Weimar als Dozent an der Großherzoglichen Kunstschule. Hans Arp gehörte beispielsweise zu seinen Schülern, Kontakte bestanden fortan zu Harry Graf Kessler und Henry van de Velde. Thomas Mann las aus seinem „Zauberberg“-Manuskript inmitten Hofmannscher Bilder. In dieser Zeit wurde Hofmann mit zahlreichen monumentalen Wandbildern für den öffentlichen Raum beauftragt. In der von Krisen geschüttelten Weimarer Republik gingen die Großaufträge jedoch merklich zurück; ein Schicksal, das viele ehemalige „Stilkünstler“ der Jahrhundertwende zu erleiden hatten. Hofmann verlegte sich deshalb auf graphische Arbeiten für Druckwerke. Auf die politischen Ereignisse seiner Zeit nahm er nur wenig Bezug; er blieb seinen Bildmotiven treu. Am 23. August 1945 starb er in Pillnitz. Hofmann geriet schon vor seinem Tod in Vergessenheit. Nicht nur, daß der von Hofmann „inszenierte Schein“, die fiktional-mythische Welt seiner Bilder einer erstarkenden Moderne widersprach, welche Authentizität nur in Abstraktion oder sozialem Realismus suchte, sich also der Konstruktion irrealer Bildwelten zu entziehen trachtete. Hofmanns im Rahmen der „Stilkunst“ um 1900 geschaffenen arkadischen Idyllen waren auch angesichts der Ernüchterung nach dem Ersten Weltkrieg immer weniger gefragt. Annette Wagner und Klaus Wolbert schreiben im Ausstellungskatalog: „Da aber war der Zeitgeist für Ludwig von Hofmann und für sein Ingenium allgemein nicht mehr günstig. Zwar gelang ihm, auch durch eine Verstärkung des mänadisch-orgiastischen Elements in seiner Ikonographie, der Anschluß an expressive Gestaltungsmodi, doch sein Stern war in einer Zeit des Zusammenbruchs humaner Werte infolge des Traumas des Ersten Weltkrieges im Sinken. Seine idealistischen, farbenfrohen, menschheitsbeglückenden Arbeiten waren vor dem Hintergrund der Katastrophe des ‚Stahlgewitters‘ nicht mehr gefragt.“ Erst in den 1990er Jahren wurde Hofmann von einer neuen Generation mit Interesse an der Welt der Reformbewegungsära wiederentdeckt. Nun prangen zahlreiche monumentale Gemälde in der Darmstädter Ausstellungshalle. Man meint in ein buntes Naturparadies aus Wasserfällen, grünen Auen, Bergseen, nackten Knaben und Mädchen einzutauchen: Bilder von Badenden in der Natur, von Tänzern im Rhythmus der Klänge und von Reitern am Strand, die optisch erschlagen, in ihrem Jugendstil zu grell für manchen Gegenwartsmenschen erscheinen mögen. Und doch, sie rühren an unseren innersten Sehnsüchten. Die Ausstellung ist noch bis zum 19. März auf der Mathildenhöhe Darmstadt, Olbrichweg 13, täglich außer montags von 10 bis 18 Uhr zu sehen. Der Katalog kostet an der Kasse 49 Euro. Info: www.mathildenhoehe.info Foto: Ludwig Hofmann, „Idyll“ (1896): Nach dem Ersten Weltkrieg waren arkadische Paradiese nicht mehr gefragt

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