Würdig, um über Menschen zu herrschen

So viele Menschen auch je denn Wunsch verspürt haben mochten, das Rad der Geschichte zurückzudrehen, so wenige hatten die Möglichkeit dazu – Flavius Claudius Julianus hatte sie. Im Jahre 331 als Sohn eines Stiefbruders Konstantins des Großen geboren wuchs Julian als Waise im Windschatten mörderischer Umtriebe im Kaiserhaus und in der Obhut gebildeter Männer auf. Seine ausgeprägte Liebe zu den Büchern der klassischen Philosophen schien ihn für ein aktives Leben unbrauchbar zu machen, gleichwohl oder gerade deswegen ernannte ihn sein Onkel Kaiser Constantius II. mit 24 Jahren zum Caesar und betraute ihn mit dem Abwehrkampf gegen Franken und Alemannen in Gallien. Den militärischen und administrativen Aufgaben zeigte sich der unerfahrene Jüngling in außergewöhnlichem Maße gewachsen. Als 360 seine ihm ergebenen Truppen vom Kaiser für einen Persienfeldzug abberufen werden sollten, meuterten diese und ernannten Julian zum Augustus. Als Usurpator wider Willen wurde er nach dem plötzlichen Tod seines bereits gegen ihn marschierenden Onkels 361 alleiniger Kaiser des Römischen Reiches. In den zwanzig Monaten seiner Herrschaft versuchte er die Verdrängung des Heidentums durch das Christentum rückgängig zu machen, was ihm den abgrundtiefen Haß derselben und den Beinamen Apostata einbrachte. Am 26. Juni 363 fiel Julian, 32 Jahre alt, im Kampf gegen die Perser. Schon als Caesar in Gallien sorgte Julian für eine vorbildliche Verwaltung. Kaum Kaiser, löste er das Heer der Spione und Denunzianten seiner christlichen Vorgänger auf. Die ausufernde Verwaltung wurde entrümpelt, die Steuern gesenkt und die Korruption bekämpft. Den Mißständen der Rechtsprechung nahm Julian sich persönlich an und hat als Richter die Gerechtigkeit nie verletzt. Der sparsamen Finanzpolitik, für die er sorgte, entsprach seine bis zur Askese reichende persönliche Anspruchslosigkeit. Außenpolitisch lehnte es Julian ab, Frieden mit Geld zu erkaufen, wie es seine Vorgänger taten. Im Felde war er dann stets der Vorderste in jeder Gefahr. Sein wichtigstes Vorhaben, die heidnische Restauration, betrieb er menschlich. Den Christen begegnete er mit der Selbstbeherrschung des Philosophen, auf Beleidigungen reagierte er nicht mit dem Beil des Henkers, sondern mit selbstverfaßten Schmähschriften. Keinen Christen ließ er wegen seines Glaubens hinrichten, was ihm etwa von Gregor von Nazianz als Vorenthaltung des Martyriums vorgeworfen wurde. Waren dies seine Leistungen als Herrscher, so war er auch als Mensch gewinnend. Im Besitz einer hohen Bildung war er auch ein Mann von größter sittlicher Reinheit. Es hat seine Gründe, daß es im Urteil Montesquieus nie einen Fürsten gab, der würdiger gewesen wäre, über Menschen zu herrschen. Auch für Mommsen gab es nur wenige Regenten, die an Humanität, Tapferkeit, Bildung und Gaben des Geistes an Julian heranreichten. Über diesen Mann nun hat der emeritierte Bonner Althistoriker Klaus Rosen eine umfangreiche Biographie verfaßt. Ein kluges und gelehrtes Buch, welches nah an den Quellen erzählt ist und auch in die Tiefe geht, allerdings nur dort, wo es dem Autor angenehm ist. Die Grundsätzlichkeit der Auseinandersetzung zwischen Heidentum und Christentum bleibt außen vor. Warum das Christentum in einer religiös doch toleranten Welt abgelehnt wurde, wird bei Rosen nicht deutlich, aber nur vor diesem Hintergrund könnte man Julian gerecht werden. Das Christentum wurde einst mit guten Gründen von konservativen Geistern bekämpft, verteidigte man doch die ehrwürdige Überlieferung gegen die geistige Moderne. Das heidnische Denken, welches sich nicht ohne Grund am längsten bei der Landbevölkerung, dem Senat und bei den Gebildeten hielt, wurde abgeschreckt von der Anmaßung des Auserwähltheitsdünkels, der Intoleranz (auch innerhalb des Christentums), der Radikalität, dem Pazifismus und Internationalismus der Christen. Diese jüdische Sekte hatte sich doch abgewandt vom Gott ihrer Väter, eine Religionsgemeinschaft aus lauter Abtrünnigen, die keine Ehrfurcht vor der Tradition zeigte. Das war für das konservativ geprägte Denken der Antike alleine schon anstößig wie auch die Zwietracht, welche in die Familien getragen wurde (Lukas 14,26). War diese Religion aller „Schlecht-Weggekommenen“ nicht auch ein sozialer Aufstand gegen alles, was Höhe hatte (Nietzsche)? Wollten diese schlichten und einfachen Gemüter nicht alles schnell und ohne Mühe, auch das Seelenheil? Blind glauben, statt zu denken, keine schmerzvolle und anstrengende Selbstbildung, sondern bloße Taufe, die jede Missetat abwäscht. Wird so nicht die moralische Verantwortlichkeit des Menschen für sein Tun aufgehoben? Ist diese Demokratisierung der Erlösung gerecht? Waren die Apostel denn nicht ungebildete Männer? Denker wie Julian, Celsus und Porphyrios haben die Schriften der Christen gelesen und ihre Fragwürdigkeiten aufgedeckt. Folgten die Christen doch einer Lehre, die nicht der Religion Jesu entsprach. Das Gottesbild im Alten Testament war ein anderes als jenes im Neuen Testament. Log Moses oder Jesu? Auch die einzelnen Evangelien widersprachen sich ja auffallend. Von all dem kein Wort bei Rosen. Auch nicht über die „religiöse Toleranz“ der Christen. Gab es doch unter Konstantin und seinen Söhnen Kultverbote, Schließung und Zerstörung der Heiligtümer, Bücherverbrennungen, Zerschlagung der Götterbilder, die Entlassung der Heiden aus dem Staatsdienst und die Todesstrafe für Renegaten. Gewiß, später wurde es sogar noch schlimmer. Unter Justitian folgte die Todesstrafe für alle, die am alten Glauben festhielten. Kein Wort mehr von der selbst immer eingeforderten Freiheit des Glaubens, statt dessen Philosophenverfolgungen des christlichen Mobs. Das römische Recht war religiös indifferent und das Bürgerrecht ganz unabhängig von der Konfession. Das Christentum beendete dies. Von all dem kein Wort bei Rosen. Kein Wort übrigens auch über die Tatsache, daß kein persischer Soldat die auf Julians Tötung ausgesetzte Belohnung einforderte, was einen Mord von Christenhand nahelegt. Schlimmer aber als diese Lücken sind Rosens Bosheiten. Ist schon der Titel reißerisch und irreführend (Julian lehnte jede kultische Verehrung ab, Haß war dem geistig Überlegenen fremd), so stößt man im Text immer wieder auf Adjektive wie „hämisch“, „schadenfroh“ oder „schäbig“ in Verbindung mit Julian. Permanent wird Julian Berechnung und Gerissenheit unterstellt. So zitiert Rosen aus Julians Dekret über die Schonung der Christen, unterstellt aber danach dessen klammheimliche Freude an der Nichtbefolgung dieser Befehle. Je weniger Julian vorzuwerfen ist, um so subtiler werden Rosens Verbalinjurien . Was soll eine Kapitelüberschrift „Der Verlierer“? Julian stand auf verlorenem Posten, das schon. Die Auswahl im Kapitel Rezeptionsgeschichte macht des Autors Abneigung vollends deutlich. Wissenschaftlich fragwürdige Gestalten, selbst esoterische Spinner aus dem Internet, die in einem Werk mit wissenschaftlichem Anspruch nichts verloren haben, werden aufgeführt, alleine um zu diskreditieren. Der Beifall Mussolinis und – horribile dictu – Hitlers machen dann Julian völlig unmöglich. Rosen weiß, wessen Lob heute tödlich ist. Rosen ist blind für die Wahrheit, für die Julian stritt. Julians Versuch war mehr als eine Donquijotterie. Die Fleißarbeit kann nicht darüber hinwegtäuschen, daß dem Autor der innere Zugang zu seinem Gegenstand fehlt. Nie gelingt es ihm, Julian als Menschen aus Fleisch und Blut darzustellen, wo die Quellenlage doch eine so außerordentliche ist. Der Apostat muß den Apologeten tief in dessen christlichem Selbstverständnis getroffen haben. So bleibt als Fazit, daß der Autor seinem Gegenstand auf hohem wissenschaftlichen Niveau nicht gerecht geworden ist. Wer sich über die faszinierende Gestalt Julians informieren möchte, der lese dieses Buch, greife aber etwa auch zu Bringmanns 2004 erschienener Biographie oder besorge sich antiquarisch die „Römische Geschichte“ von Julians Zeitgenossen Ammianus Marcelinus. Klaus Rosen: Julian. Kaiser, Gott und Christenhasser. Klett-Cotta Verlag, Stuttgart 2006, gebunden, 569 Seiten, 32 Euro Foto: Marmorstandbild von Kaiser Julian Apostata (331-363 n. Chr.), Musée du Louvre: Verteidigung gegen geistige Moderne

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