Joachim Kuhs

 

Vom Rande der bewohnten Erde

Ein neuer stattlicher Band aus der Feder des kolumbianischen Schriftstellers Nicolás Gómez Dávila, der soeben in deutscher Übersetzung erschienen ist, läßt aufhorchen. Nachdem der Karolinger Verlag aus Wien in den vergangenen Jahren mehrere Bände Aphorismen („Escolios“) und Essays („Textos“) publizierte, legt nun der kleine Berliner Verlag Matthes und Seitz das Erstlingswerk „Notas I“ (ein zweiter Band kam nie heraus) von 1954 unter dem an Nietzsche angelehnten Titel „Unzeitgemäße Gedanken“ vor – eine verlegerische Großtat, die man nicht genug loben kann. Mit der für 2006 bei Karolinger angekündigten Gesamtübersetzung der ersten beiden Aphorismenbände, die bisher nur in Auswahl unter dem Titel „Einsamkeiten“ vorlagen, wird dann das vollständige Werk des ungewöhnlichen Denkers in deutscher Sprache greifbar sein. Das umfangreiche Werk der „Notas“ erscheint nun aber, blättert man hinein, eigentümlich disparat. Denn das Buch kann als eine Art Werkstatt betrachtet werden, in der der Autor mit höchster Konzentration daran arbeitet, den ihm ganz und gar eigenen Stil zu finden. Man findet hier folglich – nach einem lateinischen Motto, das die Leidenschaft des Lesen und Schreibens preist – eine scheinbar wahllose Mischung von Notaten, Reflexionen, Aphorismen und Maximen. Diese beziehen sich manchmal auf die weltpolitische Situation nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, auf Geschichte, Psychologie, Literatur, Religion, Gott, Philosophie und zeigen eine zutiefst existentielle Prägung seines Denkens, aber auch ein Bewußtsein von der tiefen Tragödie, die mit dem Ende des alten Europa verbunden war: Von den Palästen sind gleichsam nur noch die leeren Säle zu sehen, in denen einst wunderbare Feste stattfanden. Eine intellektuelle Neigung zum Extremen und Absurden fällt deutlich ins Auge, wenn wir lesen: „Wer das Absurde fürchtet, hat kein philosophisches Genie“ oder „Bedeutung hat in der Philosophie nur das Übermäßige und Äußerste“. Doch wer sich abgestoßen fühlt angesichts der Tatsache, daß der Gómez Dávila der späteren Aphorismenbände ein reaktionärer Verteidiger der katholischen Kirche und des Glaubens ist, wird die existentielle und undogmatische Haltung, das Dialektische vieler der hier versammelten Gedanken überraschend finden. Zwar hält der Autor große Stücke auf die mit dem französischen Renouveau catholique verbundenen Autoren und läßt an seinem Christentum keinen Zweifel aufkommen. Doch ebenso offensichtlich ist bei dem etwa 40jährigen Gómez Dávila das Bemühen, der ihn quälenden Langeweile, den vertrödelten Tagen zu entkommen. Die Faszination, die vom Eros und der Sinnlichkeit ausgeht, schließlich ist eng mit seiner nur angedeuteten Konzeption einer Metaphysik der Sinnlichkeit verbunden: Eine gewisse „geistige Dichte“, schreibt er, sei nur denen vergönnt, „die fieberhaft und methodisch einen schönen nackten Körper betastet haben“. Und es wird deutlich, daß der sich als einsamer Denker stilisierende Gómez Dávila sich nur allzugut über die Gefahren des einsamen Denkens im klaren war. Denn das einsame Denken findet nicht zu jenen feinen Abstufungen, die das Denken im Dialog ermöglicht. Das Denken scheut den Sprung in das System, denn dieses erscheint ihm stets als zu einfach; die konkrete Fülle der Welt mit ihren Widersprüchen soll im Denken nicht zu einer Kohärenz gebracht werden, die ihm nicht eignet. Gómez Dávilas politische Philosophie – seine Kritik an der Demokratie eingeschlossen – ist eine Philosophie des Konkreten, die den Menschen nicht vorschnell auf eine abstrakte Natur festlegen möchte. Denn Gattungsbegriffe, die den Menschen an sich in den Griff bekommen sollen, sind eine Art Prokrustes-Bett; sie gehen an der tatsächlichen Realität der Menschen in ihrer Vielgestaltigkeit und Verschiedenheit vorbei. Daraus folgt eine grundsätzlich skeptisch-konservative Haltung. Diese ist ein Feind illusionärer Erwartungen an die Politik, die durch einen billigen Optimismus verbrämt werden: „Der politische Optimismus ist in unseren Zeiten der Vorbote der allgemeinen Lähmung des Verstandes“. Dummheit und Unwissenheit hält Gómez Dávila daher für Verbrechen. Die Philosophie dagegen hat als ihre genuine Aufgabe, ein Bewußtsein von der Unlösbarkeit der Probleme zu schaffen, die sich uns stellenden Probleme wieder als solche kenntlich zu machen. Philosophie hat daher bei dem Denker aus Bogotá nicht das Ziel, Ideen zu ersinnen, sondern „zu verhindern, daß die Ideen eine Kruste auf dem Denken bilden“. Die gut lesbare Übersetzung Ulrich Kunzmanns wird eingerahmt von einem prägnanten Essay des Frankfurter Autors Martin Mosebach, der sich unermüdlich für den großen und modernitätskritischen Aphoristiker eingesetzt hat, sowie von einem Essay des Philosophen Franco Volpi, der Gómez Dávila als exzentrisch-unzeitgemäßen Denker aus dem Nichts feiert. Mosebach, der in seinen jüngst erschienenen Roman „Das Beben“ auch etwas von der Demokratiekritik des Gómez Dávila hat einfließen lassen, präsentiert gleichsam eine phänomenologische Einführung in die Denkwelt des Kolumbianers, indem er in der für Mosebachs Prosa typisch anschaulichen Weise die Zimmer schildert, die jener bewohnte und in denen er an seinen Texten feilte. Gómez Dávila, der sich in den „Notas“ sehr bescheiden über sein schriftstellerisches und denkerisches Talent äußert – „Ich bin die Karikatur eines großen Verstandes“ -, wollte kein Werk hinterlassen, nur einen kleinen Band, „einen schwachen Schatten, der einige wenige für sich einnimmt“. Man darf Gómez Dávila zugestehen, daß er trotz seiner quälenden Selbstzweifel erreicht hat, was er sein wollte: „Eine unverwechselbare und reine Stimme, damit sie über die Zeiten erklingt.“ Nicolás Gómez Dávila: Notas. Unzeitgemäße Gedanken, Mit einem Essay von Martin Mosebach und einem Nachwort von Franco Volpi, übersetzt von Ulrich Kunzmann, Matthes & Seitz, Berlin 2005, geb., 441 S., 34,90 Euro Fotos: Park an der Carrera 11 in der kolumbianischen Hauptstadt Bogotá: „…der quälenden Langeweile, den vertrödelten Tagen zu entkommen“, Gómez Dávila (1913-1994)

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