Vom Fräuleinwunder zur Überleberin

Weltstars“ aus Deutschland sind selten. Neben Marlene Dietrich und Lilli Palmer zählt zweifellos Hildegard Knef zu den wenigen, die diesen Titel verdient haben. Dem wechselvollen Leben der 2002 verstorbenen Schauspielerin, Sängerin und Bestsellerautorin widmet das Filmmuseum Berlin eine umfangreiche Ausstellung, die noch bis zum 1. Mai zu sehen ist. Mit selten gezeigten Fotos, Film- und TV-Ausschnitten, privaten Dokumenten und Originalplakaten werden die Metamorphosen der Multitalentierten detailliert nachgezeichnet. Die 1925 in Ulm geborene und in Berlin aufgewachsene Knef begann ihre Karriere 1941 als Trickfilmzeichnerin bei der UFA. Fotos aus dieser Zeit zeigen ein schon während der Kriegsjahre erblühendes „Fräuleinwunder“. Ihr frühester Auftritt in dem Übungsfilm „Schauspielschule“ (1944) ist als rare Videoeinspielung zu sehen. Der erste „richtige“ Film der Knef sollte jedoch Wolfgang Staudtes „Die Mörder sind unter uns“ (1946) werden. Der unter sowjetischer Aufsicht produzierte DEFA-Streifen war als richtungsweisendes Bewältigungsdrama konzipiert. Die Rolle einer aus dem KZ befreiten deutschen Hausfrau, die hemdsärmelig einem traumatisierten Kriegsheimkehrer ins Leben zurückhilft, war zwar hanebüchen konstruiert, machte aber dennoch die 21jährige zum ersten Star des Nachkriegsfilms. Als Kind der Flakhelfer- und Trümmerfrauengeneration zog sich durch ihre Biographie ein typischer Bruch, der von der Ausstellung allerdings unterschlagen wird: So war ihre erste große Liebe der „Reichsfilmdramaturg“ und Goebbels-Intimus Ewald von Demandowsky (gemeinsam schlossen sie sich dem „Volkssturm“ an und landeten in einem sowjetischen Internierungslager), ihre zweite der G.I. Kurt Hirsch, ein emigrierter sudetendeutscher Jude, den sie 1947 heiraten sollte. 1950 nahm Knef die US-Staatsbürgerschaft an und feierte als „Hildegarde Neff“ Erfolge in Hollywood und am Broadway. Ihr legendärster Film der fünfziger Jahre ist jedoch Willi Forsts Melodram „Die Sünderin“ (1951), dessen heute rührend keusch wirkende „Nacktszene“ Entrüstungsstürme entfesselte. Anfang der sechziger Jahre startete sie eine zweite Karriere als Chansonsängerin. Es folgten eine zweite Ehe, eine Tochter, eigene TV-Shows und die Autobiographie „Der geschenkte Gaul“ (1970). Nach einer überstandenen Krebserkrankung, Scheidungskrieg und einem weiteren Buch inszenierte sich die Knef nun als zähe Überlebende sowohl des gnadenlosen Show-Business als auch privater Schicksalsschläge. So wird wohl weniger die kühle Schönheit der vierziger Jahre in Erinnerung bleiben als Knefs Alters-Persona: die grell geschminkte, mit riesigen falschen Wimpern und Augengläsern ausgestattete Diva, in der sich Glamour und trockene Abgeklärtheit vereinigen. Als solche wurde sie auch zu einer Ikone der Schwulenbewegung. In ihrem Leben spiegelt sich exemplarisch ein bedeutendes Stück bundesdeutscher Populärgeschichte. Die Ausstellung ist noch bis zum 1. Mai im Filmmuseum Berlin, Potsdamer Str. 2, täglich außer montags 10 bis 18 Uhr, Do. bis 20 Uhr, zu sehen. Tel: 030 / 30 09 03-0 Foto: Hildegard Knef beim Verfassen von Chansontexten (Berlin, 1965): Glamour und trockene Abgeklärtheit

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