Ungarische Perlen

Ungarn galt einst als „lustigste Baracke“ im kommunistischen Machtbereich. Nach dem blutig niedergeschlagenen Volksaufstand von 1956 folgten zwar einige Jahre brutaler Repression, doch seit den sechziger Jahren gewährte das – außenpolitisch moskautreue – KP-Regime von Janós Kádár seinen zehn Millionen Untertanen zunehmend mehr kleine Freiheiten. Im kulturellen Bereich konnte sich so die mit Abstand lebendigste Rockmusik-Szene des Ostblocks entwickeln. Die bekannteste Gruppe sind Omega, die 1962 ihren ersten Auftritt im Universitätsklub der Technischen Hochschule Budapest absolvierte. Die Anfänge waren nicht einfach, so benötigte jede Band eine Spielerlaubnis der staatlichen Künstlerbehörde (Országos Szórakoztatózenei Központ/OSZK) – vor allem wenn man kein ausgebildeter Musiker, sondern eigentlich Architekt (wie Sänger und Gitarrist János Kóbor) oder Verkehrsingenieur (wie Tastenmann und Flötist László Benkö) war. 1966 erscheint die erste Omega-Single mit dem Rolling-Stones-Erfolg „Paint it Black“. 1967 folgten erste Singles mit ungarischsprachigen Titeln, für die die damalige Studentin Anna Adamis die Texte schrieb. Schon 1968 dürfen die damals sechs ungarischen Musiker auf ihre erste England-Tournee gehen und gleich im BBC-Fernsehen auftreten. 1969 erscheint dann die zweite Omega-LP „10.000 Lépés“ (10.000 Schritte), die mit „Gyöngyhajú lány“ (Mädchen mit dem Perlenhaar) eine der schönsten Rockballaden enthält. Die Melodie von Gábor Presser ist derart zeitlos, daß es sich so verschiedene Musiker wie die DDR-Rockgruppe Electra („Nicht erinnern“, 1970), der Schlagersänger Frank Schöbel („Schreib es mir in den Sand“, 1971) oder die Hannoveraner Hardrocker Scorpions („White Dove“, 1995) nicht nehmen ließen, eigene Versionen des Liedes zu veröffentlichen. 1971 gab es die erste Zäsur, Presser und József Laux sowie dessen Frau Anna Adamis verließen Omega und gründeten die Jazzrock-Formation Locomotiv GT. Seither spielen Omega in der Besetzung Kóbor, Benkö, György Molnár, Tamás Mihály und Ferenc Debreceni. Die Musik wandelte sich in Richtung Hardrock – ohne den typisch ungarisch-melancholischen Einfluß zu verlieren. 1973 erhielten Omega ihren ersten „westdeutschen“ Plattenvertrag, seither werden fast alle Omega-Alben neben ungarischen auch zusätzlich mit englischen Texten veröffentlicht. Wer das Omega-Schaffen bis 1975 kennenlernen will, kann dies mit der CD „Best of Omega – Vol.1“ der Berliner Plattenfirma Dunefish ( www.dunefish.de ) tun. Dank modernster technischer Überarbeitung (remastering) durch János Kóbor klingen die Titel überraschend frisch. Leider ist mit „Nur ein Wort“ lediglich ein deutschsprachiger Titel enthalten, obwohl es davon über ein Dutzend gibt. „Das deutsche Album“ mit Titeln der frühen siebziger Jahre ist derzeit nicht mehr erhältlich. Kürzlich ist nun bei Dunefish die CD „Best of Omega – Vol.2“ erschienen, welche mit 13 ausgewählten Titeln die „Weltraum“-Phase der Ungarn dokumentiert: „Omega 7: Idörabló“ (Timerobber 1976), „Csillagok útján“ (Skyrover, 1978) und „Gammapolis“ (1979). In dieser Zeit waren Omega mit ihrem teils an Pink Floyd erinnernden Space-Rock speziell in Westdeutschland so erfolgreich, daß die aufgeschreckte SED-Kulturbürokratie versuchte, jegliche Berichterstattung darüber unterbinden zu lassen. Erst 1982 durfte Omega wieder in der DDR auftreten. Omegas „elektronische“ Phase in den achtziger Jahren wäre eine weitere „Best of“ wert – doch am allerbesten waren und sind sie bei ihren inzwischen äußerst seltenen Konzerten. Mitschnitte davon gibt es leider bislang nur recht unvollständig auf Import-CDs/DVDs aus Ungarn.

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