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Der von Punk und Metal inspirierte, auch als „Grunge“ bekannt gewordene „Seattle Sound“ der frühen 1990er Jahre läutete zugleich das Totenglöckchen für viele Bands aus dem Bereich Hard bzw. Melodic Rock. Selbst etablierte Formationen wie Winger, deren drittes Album „Pull“ 1993 floppte und heute als „verlorener Klassiker“ gilt, sahen sich damals genötigt, die sprichwörtlichen Segel zu streichen. Dabei ließ sich alles so gut an. Sowohl das Debütalbum „Winger“ (1988) als auch sein gefälligerer Nachfolger „In the Heart of the Young“ (1990) waren Verkaufsschlager in den USA wie in Japan. Singles wie „Seventeen“ oder „Miles Away“ schafften es bis nach hoch oben in die Charts. Die Musiker taten sich jedoch schwer damit, auf der Höhe der Zeit zu bleiben. Da wer den kommerziellen Schaden hat, für den kollegialen Spott nicht zu sorgen braucht, wurden Winger alsbald zum Inbegriff einer Zukunftshoffnung von gestern: Im Metallica-Video „Nothing Else Matters“ dient Lars Ullrich ein Poster von Frontmann Kip Winger als Dartscheibe, während Waschlappen Stewart aus der populären MTV-Zeichentrickserie „Beavis und Butthead“ bevorzugt im Winger-T-Shirt herumlief. Derart auf die Schippe genommen, entschloß man sich, getrennter Wege zu gehen. Kip Winger, von Hause aus klassischer Pianist und Gitarrist, nahm drei sehr hörenswerte akustische Soloalben auf. Sein Gitarrist Reb Beach kehrte zu seinem alten Chef Alice Cooper zurück und griff später für Whitesnake in die Saiten. Schlagzeuger Rod Morgenstein trommelte für die Jazz-Rock-Combo The Dixie Dregs, um dann eine Juniorprofessur am Berkeley College of Music anzutreten. Die neue Platte „Winger IV“ (Frontiers) vereint diese drei mit John Roth, der Paul Taylor bereits auf der „Pull“-Tournee an der Rhythmusgitarre ablöste, und dem Keyboardspieler Cenk Eroglu. Das durchweg überzeugende Ergebnis knüpft an den progressiven Sound von „Pull“ an, ohne die sanfteren Einflüsse zu verleugnen, die Kip Wingers Solowerke auszeichnen. Abgesehen von dem unwiderstehlichen Ohrwurm „Four Leaf Clover“, der als Single prädestiniert scheint, und dem melodischen Rocker „Your Great Escape“ mit seinen treibenden Gitarrenriffs haben sich Kip und seine längst erwachsen gewordenen Jungs fast völlig von ihrem früheren poppigen Klang gelöst. Die erste Nummer „Right Up Ahead“ weist in der Tat den Weg mit einem gefühlvollen, geradezu kammermusikalisch anmutenden Intro, das schließlich ein Schwall schmutziger E-Gitarre überspült: Klangexperimente, die diese Platte von anderen Neuerscheinungen des Genres abheben. Wer eine Hardrock-Version des Evergreens aus Carl Perkins‘ Feder erwartete, den Elvis zum Welterfolg machte, muß sich auch bei „Blue Suede Shoes“ auf Überraschendes gefaßt machen. Eher nach Klassik als nach klassischem Rock’n’Roll klingen die fein gezupften Akustikgitarren (allenfalls denke man an The Moody Blues um 1968/69), und die Gesangsstimmen werden teils durch einen Sprachdecoder gefiltert, um einen halluzinogen-ätherischen Effekt zu erzeugen. Von ähnlich träumerischer Qualität ist die sechsminütige Ballade „On a Day Like Today“, die genausogut von Paul McCartney stammen könnte. Ganz ohne Decoder erhebt sich hier kristalliner, wehmütig gestimmter Gesang über akustische und elektrische Gitarrenschnörkeln. Bei aller Experimentierfreude hat „Winger IV“ für jeden Geschmack etwas zu bieten: „Short Flight to Mexico“, ein schweißgetränkter Blues-Rocker über eine mörderische Beziehung, und die Power-Ballade „Can’t Take it Back“, Wingers gitarrenlastiger Protest gegen die Invasion des Irak, mit ihren düsteren Themen und durch Mark und Bein gehendem Sound dürften selbst dem unverbesserlichsten Headbanger ordentlich einheizen.

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