Pankraz, der kirgisische Hahn und das Ei von Stepnoi

Ein Huhn hat jetzt in Kasachstan ein Ei gelegt, auf dessen Schale in arabischer Schrift das Wort "Allah" steht. Ein Mullah hat dem Besitzer des Huhns die Wortbedeutung bestätigt. Kasachische Zeitungen triumphieren. Mit dem "Wunder von Stepnoi", so schreiben sie, sei ein ähnliches Ereignis im benachbarten Kirgistan "noch übertroffen" worden. Dort hatte kürzlich ein Hahn statt "Kikeriki" plötzlich "Allah ist groß" gekräht, allerdings nur einige wenige Male, aber ebenfalls auf Arabisch.

Die Sprache ist wichtig. In Kasachstan wie in Kirgistan wird an sich Türkisch gesprochen, doch Arabisch war die Sprache des Propheten, und daß sich die Hühner des Arabischen bedienten statt der einheimischen Turk-Dialekte, weist auf die Außerordentlichkeit der Ereignisse hin. Hahn und Huhn haben nicht einfach nachgeahmt, was ihnen tagtäglich vor die Sinne kam, sondern sie haben eine unmittelbare Eingebung erfahren.

Westliches Gekicher über solche "Ignoranz" wäre ein bißchen billig. Schließlich gibt es bei uns im christlichen Abendland weithin anerkannte und offiziell abgestempelte "Wunder" von noch ganz anderem Karat, die einen aufgeklärten Geist weit stärker herausfordern. Was da im fernen Asien passierte, war doch nichts weiter als dies: Ein Mullah kriegt eine Eierzeichnung vorgelegt, und er bestätigt, daß das tatsächlich wie Arabisch aussieht und wie ein Lobpreis Gottes. Es ist eine Frage der Auslegung.

Bei uns nennt man derlei "zufällige" Zeichnungen "Spiele der Natur" und gibt sie zur Besichtigung ins Naturkundemuseum. Auch in Stepnoi soll das Allah-Ei bald zur Besichtigung freigegeben werden, freilich nicht als Resultat eines zufälligen Spiels, sondern als freundlicher Wink Gottes. Man will eine kleine Moschee um es herum bauen und hofft auf touristischen Andrang. Ob nun wissenschaftliche Neugier oder gläubige Verehrung – der Effekt ist letztlich der gleiche: Stepnoi blüht auf, die Infrastruktur wird verbessert.

Sowohl Kasachstan als auch Kirgistan waren vor fünfzehn Jahren noch Sowjetrepubliken, und wenn es zu Sowjetzeiten ein Mullah gewagt hätte, Ei & Schrei derart unwissenschaftlich und konterrevolutionär auszulegen, wäre er wohl sofort ins Lager oder gleich in die Klapsmühle gekommen. Ähnliche Vorkommnisse sind noch in schlimmer Erinnerung. Die Grenze zwischen Zivilisation und Barbarei, so lehrt die Erinnerung an damals, verläuft eben nicht zwischen Glaube und Wissen bzw. Wissen und Glauben, sondern zwischen Interpretationsfreiheit einerseits und Interpretationsverbot andererseits.

Man kann das gar nicht energisch genug unterstreichen. Das sogenannte naturkundliche Wissen verfügt schon lange nicht mehr über die Kraft, sich als verbindliches Paradigma aufzuspielen und andere Lebensperspektiven "im Namen der Wissenschaft" zu unterdrücken. Je weiter die Wissenschaft fortschreitet, um so ungewisser werden ihre sogenannten Grundaussagen.

Wie sehr strampeln sich beispielsweise prominente Physiker ab, um eine sogenannte "Weltformel" zu entwickeln, die die schreienden Widersprüche, in die die Grundlagenforschung geraten ist, mit einer simplen mathematischen Gleichung aus der Welt schaffen könnte – vergebens. Unser menschlicher Erkenntnisapparat, so kam heraus, ist ab einer gewissen Dimension gar nicht mehr in der Lage, makrokosmische oder mikrokosmische Fragen zu lösen, er ist ein Instrument zur Lebensbewältigung hier auf Erden und nichts anderes.

Nichts ist gewiß, so weiß inzwischen sogar der leidenschaftlichste Wissenschafts-Fan. Vor allem die sogenannten letzten Fragen, um die es der Wissenschaft ja immer ging, verharren unenträtselt im dunkeln. Wir wissen, trotz aller modernen Quantenphysik und Molekulargenetik, nicht, was die Welt im Innersten zusammenhält, was Leben eigentlich ist und ob es eine wirkliche Willensfreiheit gibt oder ob wir nur Spielbälle in der Hand höherer, unerkannt bleibender Mächte sind.

Die Wirklichkeit ist für uns identisch mit unserer konkreten, sinnlich wahrnehmbaren Anschauungs- und Lebenswelt, und alles, was "davor" oder "dahinter" ist, bleibt Hekuba, Vermutung. Mathematik, der angebliche Passepartout für sämtliche höheren Probleme, ist nichts weiter als die schlichte Lehre von den Zahlen und den geometrischen Ordnungsbeziehungen, im Kern praktische Hilfs- und Lebensweisheit. Wenn ihre Gleichungen (was sehr oft der Fall ist) nicht in unser naturgegebenes Anschauungs- und Überlebenssystem hineinpassen, wird sie zu einem bloßen Glasperlenspiel zur Unterhaltung exklusiver Geister.

Im Hinblick auf "die Wahrheit" ist das kein Gran glaubhafter als eventuelle Botschaften, die auf Hühnereiern oder per Hahnenschrei transportiert werden. Glaubwürdigkeit erwächst weder aus mathematischen Formeln noch aus göttlichen Zeichen, sie erwächst letztlich aus der Haltung derer, die sie interpretieren. Entscheidend ist, wie man sein je eigenes Sprachspiel auf- und ausbaut, ob es "standhält" (um mit Nietzsche zu sprechen), d.h. ob man es voller Gelassenheit und Liberalität allen nur denkbaren Diskursen aussetzen kann.

Falls auch der andere gelassen und liberal bleibt, ist die (fast) ideale Sprech- und auch Handlungssituation erreicht. Das gilt für Hochschul- und Laborgespräche ebenso wie für Kulte, Zeremonien und alle möglichen anderen Gelegenheiten zur Verehrung oder Anrufung. Würde sich – zum Exempel – das "Ei von Stepnoi" zu einem jener Wallfahrtsorte entwickeln, an denen es immer nur Gezeter und Geschrei, Fanatismus, Mord und Totschlag gibt, so wäre das der kräftigste Beweis dafür, daß es nichts weiter als ein taubes Satans-Ei war, welches zertreten gehört.

Irgendwie wäre das übrigens schade. Denn ein Ei, und nun gar ein Ei mit rätselvoller, dennoch leicht ausdeutbarer Inschrift, ist per se ein schönes Symbol, das sich nicht nur als Motiv für Ansichtspostkarten eignen würde.

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