LMV Diagnose PANikDEMIE

 

Pankraz, D. Kehlmann und der fechtende Teddybär

Sehr beeindruckt war Pankraz von der Lektüre der Dankesrede, die Daniel Kehlmann ("Die Vermessung der Welt") bei Entgegennahme des diesjährigen Kleist-Preises gehalten hat. Es ist schön zu lesen, wie genau und sympathetisch sich ein jüngerer Autor auf die literarische Tradition einzulassen versteht. Kehlmann redete nicht von sich selbst und wie er mit seinem neuen Ruhm zurechtkommt, sondern widmete sich mit Ernst und Stil ganz jenem berühmten "Bruch" Kleists mit den Weimarer Klassikern, der früh schon das Ende von deren hochgestimmten (und hochfahrenden) Idealismus einläutete.

Schiller, der Klassiker, hatte verkündet, daß der Mensch "göttliche Freiheit" gewinnen könne, nämlich im Spiel: Würde plus Anmut, Selbstreflexion plus Spontaneität, Wille plus Tat. Kleist nun dementierte das, und zwar auf drastischste Weise. In seinem berühmten Aufsatz "Über das Marionettentheater" pries er als Idealbild einer wirklich freien, mit wahrer Anmut und Würde agierenden Kreatur – ein Tier, einen Bären, einen fechtenden, in einen Wettkampf mit einem menschlichen Fechter verstrickten Bären.

Der Bär läßt sich durch keinerlei Finten des mit allen Wassern seiner Kunst gewaschenen menschlichen Fechters irremachen, pariert jeden seiner Stöße mit instinktiver, traumwandlerischer Sicherheit, weil er eben, wie Kleist schreibt, ein "unmittelbares" Verhältnis zur Wirklichkeit hat, "ein Verhältnis Aug‘ in Auge, als ob die Seele darin lesen könnte". Der Mensch seinerseits, so Kleist, verfüge nicht mehr über diese "göttliche" Spontaneität, diese "antigrave Schwerelosigkeit", diese vis motrix, Schiller zum Trotz.

Kein selbstreflektierender Klassiker und Idealist reiche je an den Bären heran, allenfalls ein Sportler, ein Kämpfer, eine menschliche Kampfmaschine. Es gibt einen weiteren Essay von Kleist, "Vergleich des Lebens mit einem Ringkampf", und dort heißt es denn auch ungeniert, daß nur, wenn es im Leben ums Ganze geht, um den finalen Kampf, der Mensch zum Bär werden, mit der Tat eins werden kann. Und dies gelte immer und überall, sogar in hochedlen Gesprächen.

Kleist: "Der Athlet kann, in dem Augenblick, da er seinen Gegner umfaßt hält, schlechthin nach keiner anderen Rücksicht als nach bloßen augenblicklichen Eingebungen verfahren, und derjenige, der berechnen wollte, welche Muskel er anstrengen und welche Glieder er in Bewegung setzen soll, um zu überwinden, würde unfehlbar den kürzeren ziehen und unterliegen … Wer das Leben nicht wie ein solcher Ringer umfaßt hält und tausendgliedrig, nach allen Widerständen, Drücken, Ausweichungen und Reaktionen empfindet und spürt, der wird das, was er will, in keinem Gespräch durchsetzen; viel weniger in einer Schlacht."

Der wahrhaft würdige Mensch, so die tiefinnere Überzeugung von Kleist, muß, wenn er "göttlich" werden will, zum Tier werden. Seine Tierhaftigkeit ist die Maske Gottes, und sie manifestiert sich – hier spürt man die Beeinflussung des gelernten Kantianers Kleist durch die damals mächtig wirkende Fichtesche Tatphilosophie -durch die Tat. Die Tat gerade des Würdigen ist blind, rational weder einsehbar noch kalkulierbar, und deshalb wird der würdige Täter von der Mit- und Umwelt nur als Tier wahrgenommen, das ist nach Kleist die tragische Situation. Der Täter gilt als Ungeheuer, auch wenn er Gutes bewirkt, man dankt ihm nichts, aber wenn es schiefgeht, ist er und niemand sonst der Sündenbock.

Diese tragische Täter-Situation speist sämtliche Tragödien des Heinrich von Kleist und auch seine sogenannten "Komödien", den "Zerbrochenen Krug" und nicht zuletzt den "Amphytrion". Das springt einem ja sofort ins Auge, wenn man den Kleistschen "Amphytrion" einmal mit der alten Sage vergleicht oder mit dem Stück Molières.

Bei Molière Commedia dell’arte: Ein Ehemann wird gehörnt, und dazu noch von Zeus, vom Lieben Gott persönlich; das ist für den Hofmann Molière, der die amourösen Abenteuer seines gottähnlichen Sonnenkönigs Ludwigs XIV. direkt begleitete, nichts weiter als ein göttlicher Spaß. Bei Kleist hingegen tragisches, allenfalls tragikomisches, Maskenspiel. Jupiter verführt Alkmene in der Gestalt ihres geliebten Gatten Amphytrion, und sie merkt dabei nichts. Gott Jupiter hat Amphytrion vollendet gespielt, ja, er war im Spiel besser, als Amphytrion in der Wirklichkeit je hätte sein können. Amphytrion beim Sex war eben nur Teddybär, aber Gott war Gott, auch in seiner Rolle als Amphytrion.

Was daran komisch sein soll, wissen wirklich nur die Götter, und Kleist bringt das dem Zuschauer auch mit Bitterkeit zu Bewußtsein. Amphytrion macht bei ihm gute Miene zum bösen Spiel, sagt zu Jupiter: "Was du, in mir, dir selbst getan, wird dir / Bei mir, dem was ich ewig bin, nicht schaden …" Also, nur Gott kann sich derlei Späße leisten. Und das auch nur bis zum nächsten Mal. Denn dann wird Amphytrion gegen Gott aufbegehren, auch wenn er von diesem zermalmt wird.

Daniel Kehlmann stellt sich ganz auf die Seite Gottes, und das ist der Schwachpunkt in seiner Rede. Er betrachtet den gehörnten Amphytrion gewissermaßen mit göttlicher Herablassung, wie er das in seinem Bestsellerroman auch mit Humboldt und Gauß tut. Es mag sich darin ein sehr verständlicher Überdruß an unserer aktuellen "Diskurs"-Gesellschaft artikulieren, die vor lauter anämischer Selbstreflexion gar nicht mehr zur Tat kommt; als Ausdruck solchen Überdrusses wird "Die Vermessung der Welt" zur Zeit ja auch ausführlich bejubelt. Aber ein Unbehagen bleibt.

Der reflektierende und moralisierende Mensch ist vielleicht tatsächlich ein unbeholfenes, sogar lächerliches Kopftier, ohne Anmut, ohne Spontaneität, möglicherweise eine Mißgeburt der Natur. Indessen, wahre Würde, Unabhängigkeit und Freiheit erlangt er dennoch nur als nachdenklicher Moralist, der gegebenenfalls zum heroischen Neinsager wird. Für Kehlmann also der Rat: Bitte demnächst etwas mehr Schiller, auch wenn der Kleist noch so gut ist.

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