Notorisch kompliziert

Die Zeitschrift Hagal erscheint viermal im Jahr im Regin-Verlag und hat sich einem „Traditionalismus“ Evolascher Prägung verschrieben. Die „Studien zu Tradition, Metaphysik und Kultur“ sind das Schwesternblatt zum „Jungem Forum“, das Hagal-Herausgeber Markus Fernbach auf eine esoterische Linie gebracht hat. Die letzten Hefte würdigten den „Eurasien“-Ideologen Alexander Dugin, Corneliu Codreanu und die „Eiserne Garde“ sowie die Schöpferin eines „hinduistischen“ Hitler-Kultes, Savitri Devi. Dieses hemmungslose Schwelgen im Narrensaum politisch unkorrekter Philosophen und Phantasten ist auch konstitutives Element jener europaweiten Musikszene, der sich nun Hagal 1/2006 widmet: des sogenannten „Neofolk“. Dieser Ausdruck bezeichnet eine notorisch komplizierte Abspaltung der Gothic-Szene, deren Vorliebe für „faschistische“ Ästhetik, „schwarze Romantik“ und heidnische Mythologie heftige Angriffe seitens „antifaschistischer“ Autoren zur Folge hatte. Beispielhaft dafür ist der Schmöker „Ästhetische Mobilmachung“, dem nun die voluminöse Gegendarstellung zweier Szenekenner gefolgt ist: „Looking For Europe“. Ob der „Neofolk“ eine „dekadent-nihilistische Subkultur oder neue musikalische Avantgarde“ darstellt, beantwortet auch Hans-Georg Butte in seinem einleitenden Artikel nicht eindeutig. Der Genrebegriff selbst sei nicht mehr als ein Hilfsausdruck. Die Bandbreite der Stilmittel reicht von elektronischem Lärm über „klassische“ Orchestrierungen bis zu jugendbewegten Akustikgitarren.Was ursprünglich eine „Kernfamilie“ um Projekte wie Current 93 und Death In June bezeichnete, ist inzwischen zu einem komplexen Netzwerk angewachsen, das Außenstehenden Rätsel aufgibt. Für linke Kritiker hat sich hier ein metapolitischer, „rechter“ Untergrund etabliert. Diese Sicht wird jedoch vom Großteil der Musiker und ihrer Fans abgelehnt. Butte vergleicht die heterogene „Musikszene mit den vielen Widersprüchen“ mit einer „Erfahrungsreligion“: „Die von vielen hochgehaltene ‚Leistung‘ innerhalb der Neofolkszene ist das Selbsterfahren, das Nachforschen und die eigene Horizonterweiterung.“ Den Hauptteil des Heftes füllen Selbstdarstellungen von Protagonisten aus der „antimodernen“ Ecke des Spektrums. Ausführlich zu Wort kommen Michael Moynihan, der Kopf der berüchtigten Formation Blood Axis; Gregorio Bardini, Musikwissenschaftler und Guenon-Verehrer; Thierry Jolif von Lonsai Maikov über „Musik als Angriff der Tradition“; Marco Wertham-DePlano von der italienisch-britischen Gruppe Foresta di Ferro; schließlich natürlich auch Josef Klumb (Von Thronstahl); sowie „Parsifal“, deutsch singende Russen, die einen atemberaubend schwachsinnigen Text abgeliefert haben. Die Antifa wird dieses Heft mit Breker-Motiv auf dem Titel wie eine Trophäe hochhalten, scheint doch diesmal eine eindeutige „Vereinnahmung“ durch eine rechte Publikation gegeben zu sein. Eher noch zeigt sich darin die anarchische Weigerung der „Neofolker“, den Tabus der linksliberalen „Kulturhegemonie“ Folge zu leisten. Schließlich hatte auch diese Szene ihre Wurzeln im Punk. Anschrift: Regin-Verlag. Postfach 2129, D-47632 Straelen. Der Einzelpreis beträgt 3 Euro. Internet: www.regin-verlag.de

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