Nebulöse Anfänge einer Weltreligion

Ein neuer Sammelband über die Entstehungszeit des Islam, der von zwei Saarbrücker Koranforschern herausgegeben wurde, könnte der Islamforschung neue Wege weisen. Nicht zuletzt die Debatte um die Abbildungen des Propheten verleiht dieser Veröffentlichung des Berliner Hans Schiler Verlags ungeahnte Aktualität und könnte durchaus Proteste religiöser Eiferer zur Folge haben. Das Buch, das von zwei Koranforschern der Universität des Saarlandes herausgege­ben wurde und an dem Islamforscher der Universitäten Aix-en-Provence und Universittá Cattolica de Milano mitgewirkt haben, kommt zu erstaunlichen neuen Erkenntnissen über die bisher noch dunkle und von Legenden umflochtene Entstehungs­geschichte des Islam. Da es über die Person Mohammeds als Begründer des Islam keine unabhängigen zeitgenössischen Berichte gibt, wie etwa über Jesus (Flavius Josephus oder Tacitus), liegt die Quellenlage bezüglich der beiden ersten „islamischen“ Jahrhunderte im Dunkel der Geschichte, und es bleibt uner­klärlich, warum die Bildung eines islamischen Großreiches keine Zeugnisse hinterlassen haben soll, nicht einmal bei deren Gegnern. Die ersten historischen Schriftzeugnisse zur Person Mohammeds sind erst etwa zwei­hundert Jahre nach seinem angenommenen Tod 632 entstanden, wie etwa die Sira des Ibn-Hisham, gestorben 834. Sie wurden zusammengestellt zu einer Zeit, als Mohammed bereits die Identifikationsfigur eines mächtigen arabischen Großreiches war. Erst in diesen Quellen erscheint zum ersten Mal eine Lebensgeschichte eines Propheten Mohammed. Der Name Mohammed wird nur viermal im Koran erwähnt, es bleibt unklar, ob es sich um einen Personennamen oder, wie etwa bei den Bezeichnungen Bud­dha oder Christus, um einen Ehrennamen handelt. Erst in Schriften des neunten Jahrhunderts wird der Koran einem Mann mit diesem Namen zugeordnet; aus der gleichen Zeit stammen die „historischen“, in Wirklichkeit aber legendarischen Angaben zu seinem Le­ben. Herausgeber Karl Heinz Ohlig glaubt, daß der Islam, ähnlich wie das Judentum in den fünf Büchern Mose, „in eine kanonische Anfangszeit zurückprojiziert wurde, um von dorther begründet und legitimiert zu werden“. Die frühe Islamgeschichte wird neuerdings auch von numismatischer Seite neu betrachtet. Münzen können als objektive historische Zeugnisse gelten. In einem Beitrag des Orientalisten und Numismatikers Volker Popp werden arabische Münzen gedeutet, die mit christlichen Symbolen versehen sind. Sie legen den Schluß nahe, daß die frühen arabischen Reiche, zumindest im palä­sti­nisch-syrischen Raum bis zum Ende der Omaiyadenzeit (750), noch nicht dem Islam zugeordnet werden können. Popp kann unter anderem auf eine Inschrift Muawi­jas (um 605 bis 680, Stammvater der Omaiyaden) verweisen, die sogar mit einem Kreuzzeichen beginnt. Daraus zieht er den Schluß, daß die Omaiyaden erst später ihren Ver­wandten, den zunächst ganz unbedeutenden Lokalpropheten Muhammad, zu einem Religionsgründer gemacht haben. Untermauert und unterstützt werden Popps Erkenntnisse durch die Arbeit des sicherheitshalber unter dem Pseudonymen Christoph Luxenberg schreibenden Autors über die Inschrift im Felsendom zu Jerusalem. Mit seiner philologischen Methode, die er bereits in seinem Buch, „Die syro-aramäische Lesart des Koran“ angewandt hatte, analysiert Luxenberg die bisher als antichristlich einge­stuften Texte an der Kuppelinnenseite des Fel­sendomes. Der Felsendom, der vom Kalifen Abd al-Malik (685-705) erbaut wurde, gilt als das älteste islamische Kultgebäude. Nach Ana­lyse der Inschriften im Felsendom kommt Luxenberg zu dem Schluß, daß die Omai­yaden noch gar keine Muslime waren. Danach wurde der Felsendom auch nicht im Andenken an die vermeintliche „Nachtreise und Himmel­fahrt“ (isra‘ und mi‘ rag) des Propheten Muhammad erbaut, von der in den Inschriften keine Rede ist, sondern als Reverenz an Jesus, Sohn der Maria. Luxen­berg weist nach, daß der in der besprochenen Inschrift vorkommende Ausdruck „mu­hammad“ kein Eigenname, sondern als eine auf die folgende Bezeichnung „‚Abd allah“ (Knecht Gottes) bezogene Eulogie („zu loben ist“, was bedeutet „gelobt sei der Knecht“ Gottes) zu verstehen ist. Die Bezeichnung „Knecht Gottes“ ist eine unter anderen Bezeichnungen Jesu Christi in der frühen Theologie des syrischen Christentums. In dieser Inschrift wird Jesus Christus wiederholt als der „Messias“ und als „Sohn der Maria“ be­zeichnet. Von einem Propheten des Islam mit Namen Mohammad könne daher in dieser Inschrift des Felsen­doms kei­ne Rede sein. Luxenberg hält diese Inschriften für ein Glaubensbekenntnis syrisch-arabisch-christlicher Theologie, das lautet: „Gott ist ein einziger und gepriesen ‚muhammadun‘ sei sein Diener/Knecht ‚abd allah‘ (Jesus)“. Der erste christliche Theologe, der von „Ismaeliten“, also nicht von „Muslimen“ spricht, war der heilige Johannes von Damaskus (670-753), der selbst am Omaiyadenhof in Damaskus lebte. In seinem Werk „Über die Häresien“ bezeichnet er die Ismaeliten als eine „christliche Sekte“, welches sie nach den Erkenntnis­sen dieser neuesten Studie damals wohl noch waren. In dem dreisprachigen (Deutsch, Englisch, Französisch) Sammelband sind auch Beiträge enthalten, die sich mit sprach- und religionsgeschichtlichen Ge­sichtspunkten der Entstehungsgeschichte des Korantextes und der arabi­schen Schrift und Sprache beschäftigen. Ferner werden unklare Koranstellen, darunter Eigen­namen neu analysiert, die bislang noch keine eindeutige Zuordnung erfahren konnten. Sehr beachtlich ist auch der Beitrag des tunesischen Koranforschers Mondher Sfar, der aus einer islamischen Sicht die Kontroverse um die Koranforschung bereichert und einen Ausweg anbietet, indem er die im Koran mehrfach erwähnte Urschrift des Koran, die sich bei Gott befindet, als einzig wahres Gotteswort zuläßt. Diese Urschrift hat je­doch den Nachteil, daß kein Wissenschaftler und auch kein Gläubiger sie je gesehen hat. Nach den Worten seiner Herausgeber „versteht sich dieser Sammelband als eine Anre­gung zur Diskussion und zu weiteren Forschungen, nicht als Entwurf eines schon fertigen Konzepts. Aber er kann deutlich machen, daß die Anfänge des Islam nur dann verstan­den werden können, wenn sie frei von Ideologie, nicht von späteren Rückprojektionen, sondern auf der Basis der historischen Quellen und von den sich auf sie stützenden historischen und philologi­schen Fragestellungen her untersucht werden.“ Mohammed (in Weiß), seine Tochter Fatima, sein Vetter Ali ibn Abi Talib und seine Enkel al-Hasan und al-Husain. Miniatur aus einer arabischen Handschrift, 18. Jahrhundert: Keine eindeutige Zuordnung Foto: Picture-alliance / akg Karl-Heinz Ohlig, Gerd-Rüdiger Puin, Hrsg.: Die dunklen Anfänge. Neue Forschungen zur frühen Geschichte des Islam. Hans Schiler Verlag, Berlin 2005, 408 Seiten, gebunden, 58 Euro

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