Medienmann der ersten Stunde

Die Furcht ging um, „entlichs verderbens und des bettelstabs“ zu werden: Reformation, Bildersturm und Bildverbote in Kirchen ließen in den Auftragsbüchern Straßburger Maler, die sich am 3. Februar 1525 unter Klagen an den Rat ihrer Stadt wandten, existenzbedrohliche Lücken klaffen. Rheinaufwärts schien die Kunstwelt hingegen (noch) in Ordnung. So malte der in Basel lebende Hans Holbein der Jüngere 1528 zwei große die Langschifforgel flankierende Flügelbilder mit Heiligendarstellungen für das Münster der Stadt. Beide Arbeiten sind erhalten geblieben. Sie gehören zu den rund 40 Gemälden und 100 Zeichnungen Holbeins, die das Basler Kunstmuseum aus eigenem Bestand und mit Leihgaben aus München, Paris und Oxford zu einer umfassenden Retrospektive unter dem Titel „Hans Holbein der Jüngere – die Jahre in Basel“ zusammengetragen hat. Die Basler Schau, zugänglich noch bis zum 2. Juli, ist wiederum Teil einer umfassenden Würdigung Holbeins, die ab dem 18. September mit einer Ausstellung der Londoner Tate Gallery fortgesetzt wird – dann liegt der Schwerpunkt auf jenen Arbeiten, die während Holbeins Engagement in England entstanden sind. Holbeins Orgelflügel waren noch kein Jahr alt, als die Reformation auch Basel erreichte. Allein im Münster wurden im Februar 1529 rund 40 Altäre und unzählige Skulpturen geschleift. Die im Land Zwinglis und Calvins vorerst funktionslose Orgel blieb unangetastet – wahrscheinlich klappte man einfach die Flügel ein und schlug so zwei Fliegen mit einer Klappe, denn das Instrument war damit ebenso den Blicken entzogen wie Holbeins Heiligendarstellungen. Derweil konnten einige weitere Werke des Malers in Basel vor dem vernichtenden Zugriff der Bilderstürmer gerettet werden. Darunter zählen die Flügel des berühmten „Oberried-Altars“ (um 1520), welche – die Geburt Christi und die Anbetung der Könige in Szene setzend – mit phantasiereich ausgedachten Schauplätzen, einer dezidierten Lichtmetaphorik und mit Reichtum in der Figurenerfindung aufwarten und im Freiburger Münster eine neue Heimat fanden, nachdem der Basler Ratsherr Hans Oberried vor der Reformation das Weite suchte und in seine Heimatstadt zurückkehrte. Dazu zählt die im extremen Querformat ausgeführte Darstellung des „Leichnams Christi im Grabe“ (1521/22), dessen unverstellte Imagination eines in den Tod Geschundenen beinahe Verwesungsgeruch evoziert und weiland Dostojewski zur Annahme verleitete, der Maler müsse ein Atheist gewesen sein. Die italienischen und altniederländischen Stil vereinigende „Solothurner Madonna“ (1522) ist quasi nur das auf einen Höhepunkt dessen, was in Basel zusammengetragen wurde, hinführende Gemälde: Die zwischen 1525 und 1528 entstandene „Darmstädter Madonna“ gehört zu den Hauptwerken der europäischen Malerei des 16. Jahrhunderts – keinen Zoll überließ Holbein an diesem detailreichen Bild dem Zufall, die Interaktion der sich unter den Mantel Mariens flüchtenden Stifterfamilie des einstmaligen Basler Bürgermeisters Jacob Meyer zum Hasen untereinander und mit der himmlischen Schutzherrin ist ebenso atemberaubend beziehungsreich wie unverwunden liebenswürdig. Es war aber nicht nur die Reformation, die Holbein antrieb, Basel – trotz erworbenem Bürgerrecht, eigener Werkstatt und Familie – immer wieder für längere Zeit zu verlassen. Holbein wollte seine Karriere vorantreiben, sich von der einengenden städtischen Zunft-ordnung befreien, am höfischen Leben teilhaben. Die Höfe der Renaissance eröffneten Möglichkeiten, die weit über die einengende Auftragslage in Sachen Bürger- und Humanistenporträtierung oder kirchlichen Weihegaben hinausgingen. Und Holbeins Ehrgeiz zeigte sich bereits in jungen Jahren, als er mit seinem Bruder Ambrosius die väterliche Werkstatt in Augsburg verließ und beide 1515 gen Basel zogen, damals eine Art „Zentrum der neuen Medien“, wo der Buchdruck in voller Blüte stand und sozusagen „junge Kreative“ anzog: Als Illustratoren wollten die Gebrüder Holbein ihr Glück versuchen. Holbeins Talent legte freilich zusehends die Berufung zu Größerem nahe. 1524 reiste der Maler nach Frankreich, an dessen Hof damals das Leonardo-Fieber grassierte. Unter Umständen bemühte sich der Künstler – erfolglos – um eine Anstellung bei König Franz I. Immerhin entstand unter dem Einfluß des in Frankreich Gesehenen 1526 in Basel das verführerische Gemälde der „Laïs von Korinth“, eine von Holbeins stärksten Reminiszenzen an den gefragten italienischen Stil seiner Zeit. Nachdem sich die Frankreichpläne zerschlagen hatten, versuchte Holbein ab 1426 – mit zwei Empfehlungsschreiben des mehrfach von ihm porträtierten Humanisten Erasmus von Rotterdam in der Tasche – sein Glück in England. Mehrmals kehrte er jedoch nach Basel zurück, ehe er 1536 in den Dienst Heinrichs VIII. trat. Doch die Aufträge des englischen Hofes füllten Holbein künstlerisch kaum aus – auf einem Selbstporträt kurz vor seinem Tod in London 1543 bezeichnetet er sich als „Ioannes Holpenivs Basileensis“ – als den Basler Johannes Holbein. Die Ausstellung im Kunstmuseum Basel, St. Alban-Graben 16, ist noch bis zum 2. Juli täglich außer montags von 10 bis 17 Uhr, Mittwoch bis 20 Uhr, zu sehen. Ein reichhaltiger Katalog kann im Museum erworben werden (75 CHF) oder im deutschen Buchhandel bezogen werden. Internet: www.kunstmuseumbasel.ch Hans Holbein, „Darmstädter Madonna (1526/28): Nichts an diesem Bild ist dem Zufall überlassen

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