Joachim Kuhs

 

Leitkultur auf dem Narrenschiff

Mit dem Lieto fine, dem glücklichen Ende, ist es folgendermaßen bestellt: Die dramatischen Konflikte, in welche die handelnden Personen schuldlos oder schuldig oder schuldlos schuldig verstrickt sind, haben alle ihre Versuche, sie zu lösen oder auszusitzen, nur immer weiter geschürzt und ihre Handlungsfreiheit immer weiter eingeschränkt; Einzel- und Gesamtinteressen sind nicht mehr vermittelbar, und wenn es denn ein Ende nehmen soll, dann ein böses.

Weil es aber mit Herrschern kein böses Ende nehmen darf, und ehe das Volk auf falsche Gedanken kommt, muß ein noch höherer Herrscher den Knoten durchschlagen, die Ansprüche ausgleichen, die Parteien versöhnen, die Affekte befrieden: ein Deus ex machina, ein Gott aus der Maschine, notfalls ein Orakel.

Ein Lieto fine der Opera Seria macht sich um so notwendiger, als unter der mythologischen Verkleidung doch immer die politischen und gesellschaftlichen Zustände der Gegenwart behandelt werden. Es sichert den Klassenerhalt. Also Ende gut, alles gut?

Am letzten Montag, eigentlich kein kassenträchtiger Operntag, wähnte sich, wer die Deutsche Oper Berlin betrat, an Bord eines ein Narrenschiffs. Berlin hatte wieder einmal eines seiner feudalen Opernereignisse, und wieder einmal ging es nicht um die Sache, hier Mozarts Dramma per musica "Idomeneo", nicht einmal um die umstrittene Inszenierung von Regisseur Hans Neuenfels, sondern einzig und allein um die Selbstdarstellung der politischen Klasse. Die blieb in dem nicht ausverkauften Haus weitgehend unter sich.

Draußen umlagerte die Rundfunk- und Fernsehmeute, Kameras und Mikrophone im Anschlag, die Besucher und Antibesucher, dabei eine christliche Gruppe, die auf Plakaten "Christus statt Idomeneo" forderte, ein Friedens- und Konfliktforscher, der durch die Schlußszene der Inszenierung die deutsche Ratspräsidentschaft der EU gefährdet sah, ein Musikwissenschaftler, der die Ergebnisse seiner vierzigjährigen Mozart-Forschung bewarb, und ein Leierkastenmann. Drinnen staute sich die Menge an den Sicherheitsschleusen, hatte ein Kulturmagazin sein Studio aufgebaut, gab die Intendantin des Hauses im reinweißen Unschuldskostüm Interviews, erfuhr ein deutscher Innenminister am eigenen Leibe, wie es ist, eine Oper vom Rollstuhlplatz in Randlage verfolgen zu müssen, mußten die Herren vom Personenschutz vier Stunden Hochkultur über sich ergehen lassen, einige stehend.

Proteste bisher einzig von christlicher Seite

Mit der ersten der beiden kurzfristig angesetzten "Idomeneo"-Vorstellungen kam eine deutsche Posse zu ihrem Höhe- und hoffentlich Schlußpunkt, die im Sommer dieses Jahres mit einem anonymen Hinweis an die Polizei ihren Anfang, mit einer "Gefährdungsanalyse" des Landeskriminalamts und dem gut- bis böswilligen, auf jeden Fall dilettantischen Agieren von Innen- und Kultursenator und Intendantin ihren Fortgang genommen hatte (JF 41/06). Kirsten Harms hatte die Neuenfels-Inszenierung vom Spielplan genommen, weil die Schlußszene Proteste oder gar Anschläge islamistischer Kreise auslösen könnte. Eine reale Bedrohung hat es nie gegeben.

Der bizarre Fall von Selbstzensur löste weltweit Kopfschütteln und deutschlandweit bizarre Versuche aus, den Schaden zu begrenzen. Schnell wurde offenbar, daß die Konfliktlinien nicht zwischen christlicher Toleranz und islamistischer Intoleranz, sondern zwischen Toleranz und Intoleranz innerhalb des christlichen Einflußraums verlaufen und der Konflikt Kunstfreiheit versus Religionsfreiheit im Kern die in Deutschland nur halbherzig vollzogene Trennung von Kirche und Staat betrifft. Gegen die Schlußszene des "Idomeneo" erfolgten Proteste bisher einzig von christlicher Seite, zu Unrecht übrigens, ist sie doch nur im christlichen Kontext verständlich. Die Drohbriefe jedenfalls, die Neuenfels seit neuestem wieder erhält, haben nicht etwa muslimische, sondern christliche Eiferer verfaßt.

Harms gab dem öffentlichen Druck nach und setzte kurzfristig zwei außerplanmäßige Vorstellungen der Inszenierung an, zu deren erster Schäuble die Vertreter muslimischer Verbände einlud, um interkulturellen Dialog zu demonstrieren und deutsche Leitkultur zu servieren. Einmal mehr also hatte das Morgenland als Projektionsfläche für die ungelösten Probleme des Abendlandes herzuhalten und sollten die in Deutschland lebenden Muslime politisch instrumentalisiert werden.

Dagegen verwahrten die sich zu Recht und schwänzten Wolfgang Schäubles Unterrichtsstunde in abendländischer Kunstfreiheit reihenweise. "Ich gehe sehr gern in die Oper und war und bin entschieden gegen die Absetzung von ‚Idomeneo’", kommentierte der Generalsekretär des Zentralrats der Muslime, Aiman Mazyek. "Ich gehe in die Oper, um mich zu entspannen und nicht, um Religion, Kunst und Politik in einen Topf zu werfen", sagte Mazyek weiter. "Als Vertreter einer Religionsgemeinschaft bin ich weder Kunstkritiker noch zuständig für Geschmacksfragen. Auch für Politiker ist das übrigens nicht der richtige Job."

Das Verbrechen liegt in der Erfüllung des Gottesgebots

Einen derart politisch aufgeladenen Opernabend hat es in Berlin seit den großen Berghaus-Premieren nicht mehr gegeben. Neuenfels‘ Inszenierung traf auf ein waches Publikum, das auf jede szenische Handlung, auf jeden kleinsten Fingerzeig des Regisseurs lauerte, der es aber immer wieder auf Mozart verwies. Wer den Skandal suchte, der wurde enttäuscht.

Ein Vater erkauft sich sein Leben, indem er leichtfertig ein anderes hinzugeben sich bereit erklärt. Die Frage danach, warum Väter ihre Töchter und Söhne opfern, bewegt selbstverständlich nicht allein, aber spätestens seit Jephtas Opfer sehr wohl auch den christlichen Kulturkreis. Sie bewegt Mozart wie Neuenfels gleichermaßen. Neuenfels zeichnet mit strenger Regie, manchmal mit didaktischem Zeigefinger, Idomeneos argen Weg der Erkenntnis nach, daß nicht die Verweigerung, sondern die Erfüllung des Gottesgebots ein Verbrechen ist, und er tut dies – einer Forderung des Mozartforschers Stefan Kunze entsprechend -, indem er "sich einerseits um den festlich-statuarischen Gestus des Seria-Theaters nicht herummogelt, andererseits das sinnbildliche Moment des Geschehens derart hervorhebt, daß die Wahrheit der musikalischen Aussage zum Tragen" kommt, und indem er versucht, unter Beibehaltung des streng formalisierten Rahmens Bühnenbild und Regie "aus den Impulsen der Musik zu entwickeln".

So schlüssig und lapidar inszeniert, so klar arrangiert wie hier, hat man das Es-Dur-Quartett, eines von Mozarts ersten großen Ensembles, in dem der König und der zu opfernde Sohn, die kriegsgefangene Trojanerin Ilia und die griechische Emigrantin Elettra am Leben verzweifeln und sich zum Tod bereiten, noch nicht gesehen.

Ob die Willkür Poseidons, der, um sein Menschenopfer durchzusetzen, ein ganzes Volk in Geiselhaft nimmt, ihre Entsprechung im Verhalten der Religionsstifter Jesus, Buddha und Mohammed findet, wie Neuenfels unterstellt, ist durchaus eine offene Frage. Neuenfels behauptet es, kann sie aber in die Auseinandersetzungen zwischen Idomeneo und Poseidon szenisch nicht sinnvoll einbeziehen, weil ihm Mozarts Musik dazu die Impulse nicht liefert.

Der "Fall Idomeneo" ist ein Fall der Intendantin Harms

Und nun das Schlußbild: Mozarts Musik ist verklungen, und von der Hinterbühne hat ein abgedankter König seinen Königsauftritt. Im blutverschmierten Kittel, ein zum Sack geknüpftes Tuch in der Linken, tritt Idomeneo vor und plaziert auf jeden der vier Stühle das abgeschlagene Haupt desjenigen der vier menschengemachten Götter, der darauf und über die Menschen zu Gericht zu sitzen sich angemaßt hatte. (In der französischen Vorlage für Varescos Libretto, der Tragédie "Idomenée" von Antoine Danchet, die 1712 mit der Musik von André Campra in Paris aufgeführt worden war, wird Idomeneo am Ende wahnsinnig und tötet seinen Sohn Idamante mit dem Opferbeil.) Idomeneo streckt die Rechte gen Himmel aus, mit irrem Lachen, das auch ein Weinen sein könnte, da trifft ihn der Schlag. Er faßt sich ans Herz und erstarrt. Vielleicht ist da oben doch noch ein vergessener, schweigender Gott oder gar kein Gott und das eine zu denken so tödlich wie das andere.

Daß Kirsten Harms den verkürzten Darstellungen und Deutungen der Schlußszene nicht entgegengetreten ist – das ist der eigentliche Skandal des Falls "Idomeneo", der in Wahrheit ein Fall Kirsten Harms ist. Die aufregendste Inszenierung an der Deutschen Oper in der Bismarckstraße ist dreieinhalb Jahre alt und stammt aus der kurzen Ära Udo Zimmermann. Vieles deutet darauf hin, daß Harms die sich unerwartet bietende Gelegenheit nutzen wollte, die Regiearbeit eines Konkurrenten elegant aus dem Spielplan zu entsorgen, zumal mit Mozarts früher Oper ohnehin keine Kasse zu machen ist. Nicht die Inszenierung von Hans Neuenfels, sondern die Intendanz Harms ist eine Gefährdungsanalyse wert, und zwar für den Bestand der Deutschen Oper als Ensembletheater. Und auf ein Lieto fine ist nicht zu hoffen.

Die letzte "Idomeneo"-Aufführung in der Deutschen Oper Berlin, Bismarckstr. 35, findet statt am 29. Dezember um 19.30 Uhr. Internet: www.deutscheoperberlin.de 

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