Kein Anschluß unter dieser Nummer

Tante Do, Tante Lina, Tante Marthel, Tante Rosa, Onkel Hägar, die Nachbarin Frau Nietenbach, Schulfreund Lukas, Bademeister Schorschi und sein Berufskollege Gildemeister aus dem Nachbarort, Heizungsmonteur Gegenbauer, Bäcker Linke, Schustermeister Seligmayr, der Inhaber des Fotoladens Bangemann, Fischer Mühlacker, Teichbesitzer Zippel, Bauer Michel, Stadtbrandinspektor Uecker, Pastor Kuchatschik – bevor einem jetzt ganz die Puste ausgeht und man die Lust am Weiterlesen verliert, beenden wir hier lieber die Auflistung. Gezeigt werden sollte nur dies: In Florian Illies‘ neuem Büchlein „Ortsgespräch“ (JF 41/06) tritt eine Fülle von Personal auf, gewissermaßen Gott und die Welt, es wimmelt geradezu von Leuten, einschließlich derer, die zwar ebenfalls vorkommen, aber nicht namentlich genannt sind. Die Großmutter. Die Mutter. Der Bruder. Die Schwester. Der Patenonkel. Florian Illies läßt buchstäblich jeden aus seiner Verwandtschaft, dem Freundes- und Bekanntenkreis aufmarschieren. Wirklich buchstäblich jeden? Nein, die Menschenansammlung in Illies‘ heimatlicher Provinzbeschreibung kann nicht darüber hinweg täuschen, daß eine Person konsequent ausgespart ist: der Vater. Professor Joachim Illies, Biologe und Chef des Max-Planck-Instituts für Fließgewässerforschung in Schlitz, 1982 im Alter von nur 57 Jahren an Herzversagen gestorben, taucht im Buch seines Sohnes einfach nicht auf. An keiner Stelle. Nirgends. Die Leerstelle sticht um so deutlicher ins Auge, als die interessierte Öffentlichkeit der Schriftstellerin Gudrun Pausewang, die als Grundschullehrerin auch den kleinen Florian unterrichtete, die Mitteilung verdankt, Illies‘ Vater habe als der „ungekrönte König von Schlitz“ gegolten. Aber womöglich hat das Verschweigen des Vaters ja mit dessen geistig-politischer Statur zu tun. „Er war ein Konservativer vom gediegensten Zuschnitt, dabei völlig furchtlos und niemals bereit, dem Götzen ‚Zeitgeist‘ Opfer zu bringen“, hieß es in einem Nachruf in der Welt, verfaßt übrigens von keinem anderen als Günter Zehm. Tatsächlich gehörte Joachim Illies 1981 zu den Mitunterzeichnern des „Heidelberger Manifests“, mit dem namhafte Wissenschaftler vor einer Überfremdung Deutschlands warnten. Sollte das dem zeitgeistschnittigen Illies junior vielleicht peinlich sein? Welchen Vater/Sohn-Konflikt sucht der Erfinder der „Generation Golf“ zu verbergen? Hierüber hätte man doch gern Aufklärung.

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