Joachim Kuhs

 

Globalisierung als Büfett

Globalisierungskritik hat Hochkonjunktur: Naomi Klein, Noreena Hertz, José Bové, Attac, Massenproteste in Seattle und Genua – allesamt sind sie Indikatoren einer neuen Bewegung, deren Evangelium sich in folgenden Glaubenssätzen kondensiert: Globalisierung mache weltweit die Reichen reicher und die Armen ärmer, führe zu einer unausweichlichen Abwärtsspirale in sozialen und ökologischen Standards in den Industrieländern, dies außerdem begleitet von zunehmender Arbeitslosigkeit und schwindenden Gestaltungsmöglichkeiten der Politik, welche zwischen protestierenden Massen auf der Straße und zunehmend flüchtigem Kapital aufgerieben werde. Zweifelsohne muß man konstatieren, daß desorientierte Linke nun in der Globalisierung freudig ein adäquat dämonisierbares Substitut entdeckt haben. Jedoch auch am rechten Rand herrscht Aufbruchsstimmung: Globalisierungskritik ist ein ideales Trojanisches Pferd für anders kaum mehr vermittelbare rückwärtsgewandte Abschottungstendenzen jeder Art. Die Segnungen des neuen Feindbildes wissen jedoch nicht nur Politclowns von linksaußen bis rechtshinten zu nutzen: Auch Politiker und Lobbyisten aller Couleur lasten nun mit Vorliebe unpopuläre Entscheidungen vermeintlichen Sachzwängen in einer globalisierten Welt an. Wem dieser Umgang mit der Globalisierungsthematik bislang intellektuell zu anspruchslos war, dem dürfte es jetzt ähnlich gehen wie Martin Wolf von der Financial Times: “ Wir haben lange gewartet. Aber endlich ist ein gutes Buch über Globalisierung erschienen.“ Die Rede ist von „Open World – The Truth About Globalisation“. Der junge Autor Philippe Legrain, ein Brite französisch-estnisch-amerikanischer Abstammung, weiß, worüber er schreibt: Als studierter Ökonom, Wirtschaftsjournalist für angesehene internationale Zeitungen wie The Economist, Financial Times und das Wall Street Journal Europe und davor Assistent bei Mike Moore, dem Chef der Welthandelsorganisation (WTO), kennt er den Leviathan der internationalen Wirtschaftsbeziehungen aus eigener Anschauung. Faktengesättigt, dabei jedoch stets in unterhaltsamem Plauderton führt Legrain in dreihundert Seiten die Argumente der Globalisierungsphobiker ad absurdum. Erfrischend an der Lektüre ist zweierlei: angelsächsische Liberalität und ein erstaunliches Maß an Ideologieabstinenz. Nahezu jedes Kapitel beginnt mit ausführlichen Zitaten renommierter Globalisierungskritiker und einer Einführung in deren Argumentation, welcher anschließend mit einer Unmenge an Fakten genüßlich zu Leibe gerückt wird. Gestützt auf Studien, welche allen handelsoffenen Ländern – auch den Entwicklungsländern – im Gegensatz zu abgeschotteten ein erheblich größeres Wachstum und Wohlstand bescheinigen, unterstützt Legrain freien Handel von Waren und Dienstleistungen. Er nimmt jedoch den globalen Kapitalverkehr aufgrund seines Hangs zur Instabilität ausdrücklich davon aus, fordert gar Besteuerung und Kontrolle volatiler, kurzfristiger Kapitalflüsse seitens der Regierungen zur Krisenprävention. Diese Ausgewogenheit des Urteils durchzieht Legrains gesamte Arbeit: In wohltuender Äquidistanz zu marktradikaler und sozialistischer Einseitigkeit porträtiert er Globalisierung nicht als unentrinnbares Fatum, sondern weist nationaler Politik mehr denn je die Gestaltungsverantwortung zu. Beispiel Steuern, Umweltauflagen und soziale Standards: Ins Reich der Mythen verweist Legrain die Annahme, globaler Wettbewerb führe zu einer diesbezüglichen Abwärtsspirale. Regionen mit hohen Auflagen und Abgaben wie Skandinavien seien durchaus erfolgreiche Globalisierungsgewinner, ein weltweiter sozial-ökologischer Abwärtstrend sei wissenschaftlich nicht zu belegen. Wesentlich sei hier eine simple Kosten-Nutzen-Rechnung: Wenn hohe Steuern und Auflagen mit entsprechendem Nutzen wie überdurchschnittlicher Qualifikation der Arbeitnehmer, niedriger Kriminalität und hoher Wohn- und Lebensqualität einhergehen, gewinnt der betreffende Standort deutlich an Attraktivität gegenüber öko-sozialen Dumpingregionen. Daher betrachtet Legrain Globalisierung eher als ein Buffet ökonomisch gleichwertiger Optionen denn als ein vorgeschriebenes Menu: „Man kann einen typisch amerikanischen Nachtwächterstaat oder das schwedische Hochsteuermodell mit Wiege-bis-Bahre-Wohlfahrt wählen. Man kann Freihandel für Software haben, aber nicht für Filme. Man kann mehr Einwanderer willkommen heißen, oder weniger.“ So ist in China ökonomisch erfolgreiches Agieren auf dem Weltmarkt und gleichzeitige Zensur des Internets nebeneinander möglich. Legrain weiß allerdings mit Fakten gut zu belegen, daß alle beteiligten Nationen von einer größeren Offenheit profitieren würden: Jeden Europäer kostet der Protektionismus der EU allein in der Agrarpolitik jährlich im Durchschnitt unglaubliche 276 Dollar; diese Summe setzt sich zusammen aus den EU-Agrarsubventionen – die Hälfte des EU-Budgets – und gemessen am Weltmarktpreis erheblich teureren Lebensmittelkosten. Zucker beispielsweise kostet in Europa das Zweieinhalbfache des Weltmarktpreises; Butter, Rind- und Lammfleisch etwa das Doppelte! Die Profiteure dieses Wahnsinns sind die Landwirte, welche in beispielsweise in Deutschland nur 2,8 Prozent der Bevölkerung stellen und europaweit nur subventionsbereinigte 0,9 Prozent der Wirtschaftsleistung beisteuern. Weitere Verlierer im Brüsseler Protektionismuspoker sind die Landwirte der Entwicklungsländer, die nicht in die EU exportieren können; auch ihre Verelendung wird via Entwicklungshilfe dem europäischen Steuerzahler aufgebürdet. Legrains fundierte und unaufgeregte Analyse sollte besonders jenen empfohlen werden, welche nicht länger gewillt sind ihren gewählten Vertretern jedes Versagen unter dem Hinweis auf angebliche globale Sachzwänge durchgehen zu lassen. Philippe Legrain: OpenWorld – The Truth About Globalisation. Abacus Verlag, London 2005, gebunden, 374 Seiten, 21,69 Euro

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