Genie und Stumpfsinn

Die Zusammenarbeit von Gwyneth Paltrow als Hauptdarstellerin und Regisseur John Madden für den Kinofilm und Kassenschlager „Shakespeare in Love“ bescherte beiden große Popularität: Paltrow, die hübsche und talentierte Großbürgertochter – mittlerweile zweifache Mutter – ist aus den Fotostrecken der Hochglanz- und Klatschmagazine nicht mehr wegzudenken, und Madden dürfte den kleinen Makel, für seine Regiearbeit an jenem Film nicht ausgezeichnet worden zu sein, auch leicht weggesteckt haben: Immerhin hatte die Liebesgeschichte in anderen Rubriken sieben Oscars eingebracht. Nun tritt Paltrow erneut als Hauptdarstellerin unter Maddens Regie auf. Sie spielt die eigenbrötlerische Catherine, Tochter des genialen Mathematikers Robert (Anthony Hopkins). Fünf Jahre, bis zu seinem Tod, hatte Catherine den demenzkranken Vater aufopfernd gepflegt und dabei, im Gegensatz zu ihrer karrierewütigen Schwester Claire, die eigenen Mathe-Studien zurückstellt. Jetzt ist Robert, der zwischendurch lichte, geradezu luzide Momente hatte, gestorben, und Catherine sieht sich sogleich dem Begehr zweier Menschen ausgeliefert: Zum einen drängt die ebenso pragmatische wie durchgestylte Claire darauf, das Elternhaus rasch zu verkaufen; Catherine soll zu ihr nach New York ziehen. Dort soll sie, das psychisch offenbar labile Mauerblümchen, seelisch wieder „auf die Reihe gebracht“ werden und sich vor allem dem professionellen Style-Managment der rührigen Schwester unterwerfen. Druck kommt auch von Hal (Jake Gyllenhaal): Der Kommilitone und ehemalige Schüler des Vaters möchte Roberts zahlreiche Notizbücher systematisch durchforsten, da der Ausnahme-Professor auch während seiner dementen Phase besessen an der Lösung eines Primzahl-Problems tüftelte: Genie und Wahnsinn liegen eben auch hier nah beieinander. Eigentlich will Catherine beides nicht: weder die väterlichen Kladden preisgeben noch aus Chigago fortziehen, sie ist jedoch zu schwach, um sich den Wünschen von Claire und Hal entgegenzustellen. Während die Schwester also mit Hochdruck an der Übergabe des Hauses arbeitet, macht sich Hal auf die Suche nach dem mathematischen Beweis – und hat bald die entsprechenden Seiten in den Arbeitsheften gefunden: eine wissenschaftliche Sensation! Catherines leiser Anmerkung, dies seien in Wahrheit ihre eigenen und nicht des Vaters Notizen, wird allenfalls negative Aufmerksamkeit gezollt – ließ doch ihr peinlicher Auftritt auf der Beerdigung erahnen, daß auch sie nicht ganz ernst zu nehmen ist. Inmitten dieser Qual, die es bedeutet, für verrückt gehalten zu werden und am Ende selbst am eigenen Verstand zweifeln zu müssen, verlieben sich Jake und die einzelgängerische Stubenhockerin Catherine ineinander. Wie das geht, weiß nur Regisseur Madden; allein, er vermag es nicht zu zeigen. Der Versuch, das dieser Geschichte zugrunde liegende Theaterstück David Auburns auf die große Leinwand zu bringen, scheitert kläglich und bringt einen alles in allem höchst dämlichen Film hervor. Nicht eine der schwerwiegenden Fragen, die hier thematisiert werden sollen – von der Innensicht eines Genies über weibliche Selbstentwürfe, die Implikationen von „Glaube“ und „Beweis“ bis hin zum Themenkomplex Pflege und Demenz – wird hier ausgeschöpft, es bleibt bei banalen Annäherungen, die in ihrer Summe den Film wirr und nichtssagend erscheinen lassen. Ein gedankenarm hingeworfener Ami-Schinken: Kinozeit, die man sich sparen kann. Foto: Catherine (Gwyneth Paltrow) mit ihrem demenzkranken Vater (Anthony Hopkins): Mauerblümchen, welke nicht!

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