Joachim Kuhs

 

Erdnah dem Luftreich des Traums verhaftet

Am 17. Februar 1856 starb Heinrich Heine, in diesem Jahr begehen wir seinen 150. Todestag. Dies ist Grund genug, über ihn und sein Werk nachzudenken und seine literarische Leistung zu würdigen. Wenn wir ihn als „deutschen Dichter“ bezeichnen, lösen wir vielerorts im deutschen Kulturbetrieb Kopfschütteln aus. Heine war Jude, er liebte Frankreich, verspottete das preußische Deutschland und war kosmopolitisch orientiert. Was also war an ihm deutsch? Die Antwort ist einfach: Alles! Er war mit Haut und Haaren ein Sohn Deutschlands, seiner Kultur, seiner Widersprüche, seiner Probleme, Unzulänglichkeiten und Einmaligkeiten. Wir sollten also stolz auf ihn sein und ihn nicht nur mit einem „Sonderstatus“ versehen, der dann zur Vereinnahmung von außen reizt. Sicherlich war er Jude, das verschaffte ihm den geschärften Blick von zwei Kulturen. Er konnte die kulturellen Räume immer auch von „außen“ beobachten und damit stärker als andere Kritik formulieren. Doch dieses partielle Außerhalb führte nicht nur zur Kritik insbesondere an den damaligen bornierten politischen Verhältnissen in Deutschland, es führte auch zur Kritik am Judentum. Heine lehnte jeden religiösen Fundamentalismus – und damit auch den jüdischen – ab. In seinen Gesprächen mit Pastor Grimm anläßlich seiner 1825 erfolgten Konvertierung zum Protestantismus erinnerte er diesen immer wieder an „Nathan den Weisen“ und das Gleichnis von den drei Ringen, also an die Gleichwertigkeit der großen Weltreligionen. Es läßt sich nur tautologisch und paradox formulieren: Als deutscher Jude war er natürlich ein Deutscher, sosehr er auch darunter litt, daß „deutsch sein“ und „Jude sein“ nicht ohne weiteres zusammengefügt werden konnte. Er litt auch persönlich an den erfahrenen Diskriminierungen, so wenn Kommilitonen in Göttingen das gehässige „Hep-hep“ riefen oder wenn Professoren antijüdische Äußerungen von sich gaben. Er selbst war aber bereits in seiner Studentenzeit darum bemüht, das Deutsche und Jüdische zu versöhnen, ohne die Differenzen einzuebnen. So erteilte er Unterricht im Verein für Kultur und Wissenschaft der Juden. Dieser Verein half jungen Männern aus jüdischen Familien, die studieren wollten, in der deutschen Kultur heimisch zu werden. Wie sich einer seiner Schüler später erinnerte, war Heine voll des Enthusiasmus für die deutsche Kultur und „von seinem engeren Vaterlande, dem Rheinlande, sprach er mit Begeisterung und schilderte es als ein Paradies auf Erden“. Geldsorgen hatte er, weil er es mit vollen Händen ausgab Wie jeder Jude litt er an den kollektiven Diskriminierungen der damaligen Zeit (Verstoßung aus einer Studentenverbindung, Nichtzugänglichkeit von Universitäts- und Beamtenlaufbahnen etc.). Es wäre aber falsch, daraus den Schluß zu ziehen, Heines Leben wäre eine einzige Geschichte der Diskriminierung: Heine lebte dank seines Onkels und Bankiers Salomon über weite Passagen seines Lebens wie ein Bohemien, und hätte er, wie sein Onkel es wünschte, die Karriere eines Bankers eingeschlagen, so hätte er wohl in gesichertem Wohlstand sein Leben verbringen können. Geldsorgen hatte Heine nur deshalb, weil er phasenweise das Geld mit vollen Händen ausgab und sich wenig Gedanken über seine finanzielle Zukunft machte. Heine mit Fug und Recht als deutschen Dichter zu bezeichnen, ergibt sich aus seiner durchaus im positiven Sinne verstandenen „Sprachgefangenschaft“. Er konnte und wollte nur deutsch dichten. In seinem Pariser Exil erlernte er ein durchaus fließendes Französisch, allerdings kam er nie auf den Gedanken, etwa französisch dichten zu wollen. Für ihn war klar, daß nur die Muttersprache die Subtilität des Ausdrucks erlaubt, um wirkliche Dichtung entstehen zu lassen. So liebte er die deutsche Sprache als unerschöpflichen Schatz von Liedern, Märchen, Parabeln, mystischen Bildern und Metaphern aus alten Chroniken und Legenden. 1824 bekannte er in einem Brief: „Ich weiß, daß ich eine der deutschesten Bestien bin, ich weiß nur zu gut, daß mir das Deutsche das ist, was dem Fische das Wasser ist, daß ich aus diesem Lebenselement nicht heraus kann, und daß ich – um das Fischgleichnis beizubehalten – zum Stockfisch vertrocknen muß, wenn ich – um das wäßrige Gleichnis beizubehalten – aus dem Wasser des deutschthümlichen herausspringe. Ich liebe sogar im Grunde das Deutsche mehr als alles auf der Welt, ich habe meine Lust und Freude daran, und meine Brust ist ein Archiv deutschen Gefühls, wie meine zwei Bücher ein Archiv deutschen Gesanges sind.“ Walter Hinck stellt in seiner Biographie Heines („Die Wunde Deutschland. Heinrich Heines Dichtung“) fest: „Ein Großteil des Werks von Heine, selbst die Deutschland-Satire, ist Konfession der Liebe zu Deutschland, wenn auch einer enttäuschten“. Wir dürfen ergänzen: und in dieser enttäuschten Liebe ist Heine wieder typisch deutsch! Geht es uns – also all denen, denen das Schicksal dieses Landes am Herzen liegt – nicht ebenso wie Heine, was im übrigen seine wahre Aktualität ausmacht: daß wir dieses Land lieben und gleichzeitig an seinem Zustand verzweifeln? Um wieder Walter Hinck aufzugreifen: Heine erlebte Deutschland als „Wunde“, weil er zerrissen war zwischen zwei Identitäten, er konnte diesen Widerspruch nicht auflösen. Durch diese innere Zerrissenheit konnte er dieses Land nicht nur von innen, sondern auch von außen beobachten, was die Schärfe seiner kritischen Analyse beflügelte. Das „Denk ich an Deutschland in der Nacht, so bin ich um den Schlaf gebracht“ ist ein Grundmotiv seiner Deutschlandbetrachtungen. Immer wieder beklagte er die Zerrissenheit des Landes in Duodez-Fürstentümer und die daraus folgende kleingeistige Politik: „Wenn ich auf die Karte Deutschlands blicke und die Menge von Farbklecksen schaue, so überfällt mich ein wahres Grauen. Man fragt sich vergebens, wer regiert eigentlich Deutschland?“ Die Heine’sche Grunderfahrung der Zerrissenheit findet sich nicht nur in seiner Beziehung zu Deutschland, sie muß als Grundmotiv und Triebkraft seines gesamten dichterischen Schaffens angesehen werden. So war er einerseits von der Romantik geprägt, nutzte deren Formen der Stilisierung, war aber immer schon über sie hinaus, indem im klassisch getragenen Gedicht plötzlich Ironie aufblitzt oder dissonante inhaltliche Elemente in formvollendeter Poesie vorgetragen werden. Wie die Kerze sich auslöscht, indem sie brennt, so konnte Heine sich von der Romantik nur trennen, indem er sich ihrer Stilmittel bediente. Ludwig Marcuse spricht von der typischen Heineschen Tonfolge: erhabener Beginn und das Abrutschen in Satire und Selbstironie, „ein Posaunenstoß gleitet ab in ein Kinderplärren; eine Orgelkantate rutscht ab in einen Leierkasten-Gassenhauer“. Die Kunst hat sich auf die Wirklichkeit einzulassen Heine setzte sich so zwischen alle Stühle: Den Apologeten dichterischer Reinheit hatte er sich durch seine Erdnähe mit Schmutz besudelt und den Polit-Asketen, die Heine für ihre revolutionäre Sache gewinnen wollten, blieb er zu sehr dem Weltreich des Traumes verhaftet. Heine ließ sich auch nicht von Links instrumentieren, so sehr er für viele Ideen aus diesem Lager Sympathie hegte. Heine war ein Dichter des Widerspruchs, der sich nicht auf eine politisch gestanzte Weltanschauung beispielsweise eines Ludwig Börne reduzieren ließ. Dieses Festhalten am Widerspruch zeichnet Heine in seiner von Widersprüchen gekennzeichneten Zeit aus, er ließ die Widersprüchlichkeit der Wirklichkeit nicht in der Schönheit der Formgebung untergehen, wie er die Beschreibung der Wirklichkeit nicht zum Mittel degradierte, um die Möglichkeit der Versöhnung durch politischen Hurra-Optimismus vorzugaukeln. Er widersetzte sich den Absolutheitsansprüchen, von bestimmten ideologischen Fixpunkten aus, seien sie politischer oder ästhetischer Natur, die Universalität des Daseins als Mittel oder bloßen Stoff in der jeweiligen Zweckbestimmung aufgehen zu lassen. Beides, die idealistische Abgeschiedenheit des Kunstwerkes von der Realität im „interesselosen Wohlgefallen“ als auch die Instrumentierung der Kunst durch die Politik lehnte Heine strikt ab. Die Kunst hat sich auf die empirische Wirklichkeit einzulassen, aber nicht um den Preis, daß sie gleichsam als Medium der Politik wie Propaganda ihr Telos außer sich hat. Bei Heine wurde Politik zum Inhalt und Gegenstandsbereich der Kunst, nicht Kunst zum Gegenstandsbereich und Mittel der Politik, wie dies die Linke bis hin zu den Niederungen des „sozialistischen Realismus“ intendierte. Mit Karl Marx war Heine lange Zeit befreundet. Eine der besten Biographien über Heine („Ein Dichter kam vom Rhein“, dtv) stammt von Lew Kopelew. Der russische Germanist gibt sehr detailliert die Konversationen zwischen Heine und Marx wieder. Heine mißtraute dem Sozialismus aufs heftigste und hatte Angst vor der Anarchie der Revolution. Insbesondere dem Proletariat traute er nicht die Wunderwirkung zu, eine freie und klassenlose Gesellschaft schaffen zu können, wie sie Marx vorschwebte. Er fürchtete (wie wir heute wissen, völlig zu Recht) eine totale Uniformierung und Funktionalisierung der Gesellschaft durch den Sozialismus und Kommunismus: „Sie ( die Proletarier, d. Verf.) werden gottlob alles vernichten, was ich hasse: die Macht der Reichen und die Macht der Aristokraten. Aber sie werden auch alles zerstören, was ich liebe: Poesie und Kunst, die Freuden des Lebens …“. Heine wirft Marx vor, er verfahre nach dem Baron-Münchhausen-Prinzip, wenn er glaube, daß das Proletariat sich an seinem eigenen Zopf ziehend aus dem Sumpf der kapitalistischen Gesellschaft befreien könne, zu sehr sei es durch das Elend der eigenen Existenz sittlich und moralisch verdorben, es werde auch die schützenswerten Kulturleistungen der bürgerlichen Gesellschaft zerstören. „Und da hoffen Sie, daß diese unglücklichen Menschen, sobald sie die Staatsmacht vernichtet, Paläste, Museen, Bibliotheken im Handstreich genommen und, versteht sich, geplündert haben, sogleich drangehen werden, sich selbst als Klasse aufzuheben? Ich aber glaube, daß sie mich für meine frivolen Verse oder für meine weißen Hände, die den Nichtstuer verraten, an der nächsten Laterne aufhängen. Oder werden Sie vielleicht dafür sorgen, daß Ihre Kampfgenossen mich mit Lorbeer und Rosen bekränzen und mir eine goldene Leier überreichen, damit wir uns gemeinsam in die Tuilerien begeben, um dort beim Fest der freien Vernunft zu singen und zu tanzen?“ Heines Gegenrede machte Eindruck: Marx‘ Frau Jenny von Westfalen klatschte Beifall: „Bravo Doktor Heine! Keiner von Mohrs (so nannte sie ihren Ehemann) Gegnern hat so brillant pariert wie Sie“. Marx und Heine blieben trotz aller inhaltlichen Differenzen befreundet. In der ab 1844 von deutschen Emigranten in Paris herausgegebenen Zeitung Vorwärts blieb Heine weiter umworben: Ei, so nimm die alte Leier/ Singe uns mit altem Feuer/ Deine alten schönen Lieder/ Dann sinke auch dein Trübsinn nieder/ Alter Heine! Kehr uns wieder! Doch kurze Zeit später kippte die Stimmung. Bereits in der 28. Ausgabe dieser Zeitung wurde Heine in einem anonymen Epigramm boshaft parodiert: Herr Heinrich Heine, der Dichter/ Der ist wohl schon lange todt;/ Er starb am politischen Fieber,/ Erstickt im politischen Koth. Heine wußte im Gegensatz zu den abstrakten Utopisten des Volksaufstandes, daß das Proletariat oder Volk nicht automatisch gut ist, es ist nicht jene unverdorbene Kraft der Rechtschaffenheit, die negativen Folgen der jahrhundertelang währenden Tyrannis lassen sich nicht im Barrikadenbau eskamotieren. Es folgt, einmal gerufen, seinem eigenen, keiner politischen Arithmetik zugänglichen Weg. Es denkt nicht daran, Vehikel für die Tagträume der Politphantasten zu sein. „Die Köpfe, welche die Philosophie zum Nachdenken benutzt hat, kann die Revolution nachher zu beliebigen Zwecken abschlagen. Die Philosophie hätte aber nimmermehr die Köpfe gebrauchen können, die von der Revolution – wenn diese ihr vorherging – abgeschlagen worden wären.“ Heines Flucht in die Kultur bleibt uns heute verwehrt Besonders das deutsche Volk sieht Heine als besonders „duldsam“ an, es taugt nicht zur Revolution und erträgt mit Murren jede Tyrannis. Der Knecht singt gern ein Freyheitslied/ Des Abends in der Schenke;/ Das fördert die Verdauungskraft/ Und würzet die Getränke. Heine war politisch inkommensurabel, er floh vor der preußischen Zensur und ließ sich trotzdem nicht von den Oppositionskräften vereinnahmen. So blieb er bis zum Schluß seines Lebens ein für alle Parteiungen unabhängiger und unbequemer Geist. Mit dieser Unabhängigkeit kann er für uns heute noch Vorbild sein. In einer Zeit, in der die öffentliche Meinung mehr denn je medial gestaltet wird und als political correctness ein Klima des Kleingeistes schafft, das zumindest in seinen Folgen dem der alten Zensur ähnelt, täten uns einige Heines gut. Das können wir beklagen und uns mit Heines Prosa und Poesie trösten, dem Dichter vom Rhein, der die Schönheit der deutschen Sprache nicht nur in seinen Gedichten zum Klingen gebracht hat. Diese Reaktion wäre indes wieder typisch deutsch. Schon Schiller sah die „deutsche Würde“ in der Kultur und Sittlichkeit, die unabhängig vom politischen Schicksal diesem Land einen Eigenwert zumißt. Heine persifliert diese Flucht in die „Innerlichkeit“: Prof Dr. Jost Bauch lehrt Soziologie an der Universität Konstanz. Zuletzt schrieb er im Kulturteil über Arnold Gehlen (JF 5/06). Heinrich Heine Am 13. Dezember 1797 in Düsseldorf geboren, in Paris, wo er seit 1831 lebte, am 17. Februar 1856 gestorben. Heine gehört zu den meistübersetzten Dichtern deutscher Sprache. Begraben liegt er auf dem Friedhof Montmartre. Franzosen und Russen gehört das Land,/ Das Meer gehört den Briten,/ Wir aber besitzen im Luftreich des Traums/ Die Herrschaft unbestritten. Hier üben wir die Hegemonie,/ Hier sind wir unzerstückelt;/ Die anderen Völker haben sich/ Auf platter Erde entwickelt. Diese Flucht in die Kultur und schöngeistige Innerlichkeit bleibt uns heute allerdings verwehrt. Welches Kind kann noch ein deutsches Volkslied singen? Der Zustand des Landes hat sich längst auf seinen kulturellen Zustand übertragen: Billige Massenkultur mit permanenter denglischer Sprachvergewaltigung! Heine bleibt aktuell, da er uns daran erinnert, daß es auch anders sein könnte! Heinrich Heine (Zeichnung von Ludwig Grimm): Keiner parierte Karl Marx so brillant wie er

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