Joachim Kuhs

 

Einerlei Zunge

Der Herbst rückt näher, die Tage werden kürzer, der menschliche Geist füllt die um sich greifende Dunkelheit mit Träumen und tieferen Gedanken. Es kommt die hohe Zeit des Lesens und der Sprache ganz allgemein. Nicht von ungefähr findet die weltweit größte Buchmesse im Oktober in Frankfurt statt, und bereits im September lenken zwei Gedenktage den Blick auf die Sprache als wichtigstes kulturelles Medium: Der Tag der deutschen Sprache am 9. und der Europäische Tag der Sprachen am 26. September. Letzterer wurde 2001 anläßlich des damals von Europäischer Union und Europarat ausgerufenen Jahres der Sprachen eingeführt. Mit dem Gedenktag soll das Bewußtsein für das vielfältige sprachliche Kulturerbe Europas geschärft und der Sinn des Erlernens von Fremdsprachen verdeutlicht werden. Der international mit zahlreichen Veranstaltungen begangene Sprachentag regt Überlegungen an, die in ihrer Mehrheit alles andere als erfreulich sind. Da ist zunächst die Sorge um die kleinen, im Extremfall vom Aussterben bedrohten Idiome unter den rund hundert verschiedenen europäischen Sprachen. Ob es das nur noch von wenigen hundert Menschen gesprochene Livisch in Lettland ist, das praktisch verschwundene Manx auf der Insel Man, das zunehmend gefährdete Sorbisch, das sich langsam erholende Bretonisch, oder ob es bedrohte hiesige Dialekte sind – angefangen vom Niederdeutschen über das Schlesische bis zum Bairischen -, jede dieser Sprachen bzw. Mundarten spiegelt eine bestimmte Weltsicht. Denn Denken und Sprechen hängen untrennbar miteinander zusammen. Oder, wie es Wilhelm von Humboldt ausdrückte: „Die Sprache ist gleichsam die äußerliche Erscheinung des Geistes der Völker, ihre Sprache ist ihr Geist und ihr Geist ihre Sprache“. Sprache ist das geschichtlich gewachsene kulturelle Fundament unseres Daseins und erfährt in einer rationalistisch-technizistischen, von massenmedialen Verunglimpfungen, Kommerz und Bildersprachen geprägten Zeit außergewöhnliche Bedrohungen. Mit dem Sterben von Sprachen, deren Vereinheitlichung oder der Übermacht einer einzigen Sprache schwinden die unterschiedlichen Bedeutungsstrukturen. Die Welt wird gleichförmiger – und langweiliger. Der von Wissenschaftlern für das 21. Jahrhundert vorhergesagte fünfzigprozentige Rückgang der zur Zeit rund um den Globus gesprochenen 3.000 bis 10.000 Sprachen ist deshalb äußerst alarmierend. Alarmierend ist auch der besonders in Europa immer stärker zu beobachtende Einfluß des Englischen oder, besser gesagt, des amerikanischen Englisch. Gerade Deutschland ist seit Jahrzehnten dem raschen Vordringen von Anglizismen in fast alle Lebensbereiche ausgesetzt. Diese gelten als modern, sind „in“. Organisationen wie der 1997 gegründete „Verein Deutsche Sprache (VDS) reden bereits vom Aufkommen einer neuen Mischsprache namens „Denglisch“. Tatsächlich gibt es für das Ausmaß dieser sprachlichen Entfremdung, der die gesamte Bevölkerung ausgesetzt ist, in unserem Raum keine historischen Beispiele. Die deutsche Sprache wird vor allem in der Werbung, der Unterhaltungsmusik, den Naturwissenschaften und im Sport massiv verdrängt; in einzelnen Bereichen wie der Computer- (Rechner-) Technik spielt sie gar keine Rolle. Gründe für diese Entwicklung gibt es viele; am wichtigsten ist wohl die Identitätsschwäche der heutigen Deutschen, die den ungarischen Linguisten Csaba Földes von der „Sprach-illoyalität eines Großteils der Deutschsprachigen“ reden ließ. Der durch den VDS ergänzend zum Europäischen Tag der Sprachen und dem von der Unesco geförderten Internationalen Tag der Muttersprache (21. Februar) ins Leben gerufene Tag der deutschen Sprache soll den Sinn für die Schönheit und Ausdruckskraft des Deutschen schärfen, der kulturellen Selbstvergessenheit entgegenwirken und den Fremdwörterwahn bekämpfen. Doch während man in Polen, Lettland, Finnland, Rußland und insbesondere Frankreich gesetzliche Maßnahmen gegen die Amerikanisierung der Muttersprachen beschlossen hat und selbst in England von sprachlicher „Überfremdung“ die Rede ist, beherrschen hierzulande die Verharmloser das Bild – trotz Pisa-Pleite, wachsender Leseunlust und unübersehbarem Bedeutungsschwund des Deutschen im Ausland. Immerhin zählt der VDS mittlerweile über 27.000 Mitglieder. Öffentlichkeitswirksame Maßnahmen wie die Verleihung des Kulturpreises Deutsche Sprache oder die Kür des „Sprachpanschers des Jahres“ sorgen neben zahllosen Protestbriefen an Unternehmen, Behörden, Medien usw., Infoständen, Diskussionsveranstaltungen sowie der Herausgabe der gut gemachten Vereinszeitung Sprachnachrichten für ein allmählich wachsendes Problembewußtsein. Der VDS startet aber auch ganz konkrete Vorhaben, etwa wenn er im Rahmen der „Aktion lebendiges Deutsch“ nach Ersatzbegriffen für Anglizismen wie „No-go-area“ (Meidezone), „Website“ (Netzauftritt), „Airbag“ (Prallkissen), „Blackout“ (Aussetzer) oder „Event“ (Hingeher) sucht. Mit Eindeutschungsvorschlägen für das Begriffspaar „online/offline“ geht die Aktion derzeit in ihre 8. Runde. Gert Ueding, ein Vordenker des Vereins, mahnt, die gegenwärtige bundesdeutsche Sprachpolitik sei geprägt durch „Ignoranz, Gleichgültigkeit, Unentschiedenheit und eine grenzenlose Anbiederungslust (…), die bis zur Selbstaufgabe reicht.“ Kontakt: Verein Deutsche Sprache (VDS), Postfach 10 41 28, 44041 Dortmund, Tel: 02 31 / 7 94 85 20, www.vds-ev.de

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