Markus Krall Freiheit oder Untergang

 

Behende

Im Tonstudio wird ein „Klavierkonzert für die linke Hand“ aufgenommen. Bei der Kontrolle einer besonders schwierigen Passage fordert der Toningenieur den Pianisten auf, die rechte Hand deutlicher hervortreten zu lassen. Das Gelächter der Orchestermusiker ruft ihm schlagartig in Erinnerung, daß der Pianist einarmig ist. Seine Bitte um Entschuldigung wird großmütig ausgeschlagen, denn ein größeres Kompliment hätte er dem einarmigen Pianisten nicht machen können. Die Anekdote ist mit wechselnden Protagonisten in Umlauf. Zwei Weltkriege haben zwar hoffnungsvolle pianistische Karrieren zerstören, nicht aber Künstler von ihrer Sendung abbringen können. Paul Wittgenstein, ein Bruder des Philosophen Ludwig Wittgenstein, war der berühmteste. Während des Ersten Weltkriegs mußte sein rechter Arm amputiert werden. Nach dem Krieg setzte Wittgenstein seine Karriere fort und erreichte mit der linken Hand eine aufsehenerregende Meisterschaft. Ravel, Korngold, Schmidt, Prokofjew, Hindemith, Britten schrieben für Wittgenstein Konzerte. Und Richard Strauss komponierte neben dem „Parergon zur Sinfonia domestica“ den „Panathenäenzug op. 74“, die Wittgenstein 1925 und 1928 uraufführte. Jedoch konnten sich beide Werke im Repertoire nicht durchsetzen. Es war der junge Pianist Kurt Leimer, der den „Panathenäenzug“ wieder in die Konzertsäle zurückbrachte. Er hatte Richard Strauss in dessen Haus in Garmisch das Konzert vorgespielt, und Strauss überließ ihm für drei Jahre das alleinige Aufführungsrecht. Nachdem es Leimer 1947 bei den Salzburger Festspielen mit einer eigenen und von Strauss sanktionierten Kadenz aufgeführt hatte, widmete ihm der Komponist das Werk. Auf Initiative der Zürcher Kurt Leimer Stiftung wurde Leimers Schallplatteneinspielung von 1972 mit den Nürnberger Symphonikern unter Günter Neidlinger jetzt auf CD neu veröffentlicht, zusammen mit Leimers Klavierkonzert für die linke Hand (Colosseum Classics COL 9200.2). Der feierliche Aufzug der gesamten athenischen Bürgerschaft, Höhepunkt des großen religiös-politischen Fests der Athener zu Ehren ihrer Schutzgöttin, kommt bei Strauss urgesund bayerisch und mit ausgreifenden Schritten einher. Immer dann, wenn der griechische Germane zu großer Form auflaufen will, droht sie ihm zu koloristischer Soße zu zerlaufen. Das verhindert hier die Form der Passacaglia, die Variation eines Themas über einem festen Basso ostinato. Die Einhändigkeit des Soloparts wird durchaus nicht thematisiert, sondern kaschiert, indem er als obligate Stimme des Orchesters behandelt wird. „Leimer hat eine Technik, die einen glauben macht, das Konzert sei für beide Hände komponiert“, sagte Herbert von Karajan über Leimers Spiel und dessen 1944 komponiertes „Konzert für Klavier (linke Hand) und Orchester in einem Satz“. Dieses Klavierkonzert, sein drittes, brachte Leimer 1953 mit den Wiener Philharmonikern unter Karajan zur Uraufführung und spielte es 1954 mit dem Philharmonia Orchestra London, wieder unter Karajan, für die Schallplatte ein. Auf Leimer selbst trifft die eben erzählte Anekdote nicht zu. Er hatte ansehen müssen, wie einem Studienkollegen im Kampfeinsatz der rechte Arm von einer Granate abgerissen wurde. Doch scheint in das Werk, das durch dieses Erlebnis ausgelöst wurde, wenig von ihm eingegangen zu sein. Im Vergleich beider Konzerte scheint das des Konservativen Strauss unter hoffnungslos positiver Oberfläche mehr vertrackte Modernismen zu enthalten als das des gemäßigten Modernisten Leimer, der so ziemlich alles auffährt, was in den diatonischen Grenzen des Dritten Reichs bekannt, zugänglich und möglich war – mehr, als gemeinhin angenommen wird.

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