Joachim Kuhs

 

Alles schon mal gesehen

Die Erwartungen sind hoch, wenn Produzent Jerry Bruckheimer und Regisseur Tony Scott zusammen einen Film machen. Immerhin entsprangen ihrer Kollaboration Leinwandhelden wie Tom Cruise als junger Überflieger in "Top Gun" (1986) oder Denzel Washingtons unbestechlicher Marineoffizier in "Crimson Tide" (1995).

So löst schon die Vorfreude auf einen neuen Thriller mit Washington in der Hauptrolle, Scott im Regiesessel und Bruckheimer am Geldhahn zumindest bei Action-Fans Adrenalinschübe aus. Daß "Déjà vu – Wettlauf gegen die Zeit" diese Hoffnungen in keiner Weise erfüllt, ist so unverständlich wie seine unnötig verworrene Handlung um Mord, Zeitreisen und Terrorismus.

Dabei beginnt alles recht vielversprechend. Wir schreiben das Jahr 2006, wie meistens, wenn Hollywood nach New Orleans kommt, ist Mardi Gras. Die Stadt und ihre Bewohner haben die katastrophalen Auswirkungen von Hurrikan Katrina noch nicht verwunden, da reißt die Explosion einer Fähre über 500 weitere Menschen in den Tod: kleine Kinder, fröhliche alte Damen und Marinesoldaten auf dem Weg zu den Festivitäten am anderen Ufer des Mississippi. Abgesehen von der ärgerlichen, weil allzu manipulativen Kameraführung, deren Fokus zwischen dem Schauplatz und den Passagieren in Nahaufnahme hin und her schwenkt, ist diese neunminütige Montage, die ohne Worte auskommt, eine packende Anfangssequenz.

Mit der Aufklärung des Verbrechens, das eindeutig nach Terrorismus aussieht, wird Doug Carlin (Denzel Washington) betraut, ein übermenschlich cooler Veteran des Anschlags von Oklahoma City. Die nächsten Szenen sind unmittelbar der Beliebtheit von Serien wie "CSI" geschuldet: Mit forensischer Genauigkeit sichtet Carlin sämtliche Indizien und findet eine Verbindung zwischen dem Bombenanschlag und dem Mord an Claire Kuchever (Paula Patton). Carlins sicherer Instinkt und sein Auge für jedes noch so kleine Detail beeindrucken den FBI-Agenten Andrew Pryzwarra (ein ungewohnt pummeliger Val Kilmer), der ihn für seine geheime Eliteeinheit rekrutiert: ein Team aus den üblichen Technikfreaks, die stets einen dummen Spruch auf den Lippen haben.

Eher unüblich ist, daß sie durch die Entwicklung eines Überwachungssystems namens "Schneewittchen" die Kunst des Zeitreisens gemeistert haben. Damit kann Carlin Ereignisse verfolgen, die sich genau vier Tage und sechs Stunden zuvor abgespielt haben. In der Hoffnung, ihren Mörder zu Gesicht zu bekommen, richtet er sein Augenmerk auf die letzten Stunden im Leben der Claire Kuchever.

Daß die junge Schönheit mit Vorliebe ausgiebig duscht oder in Unterwäsche durch ihre Wohnung wandert, hilft Carlin bei der Spurensuche nicht wirklich weiter, ist ihm aber sicher sowenig unwillkommen wie der Zielgruppe, für die dieser Film gedreht wurde. Es kommt, wie es kommen muß: Wie einst Dana Andrews, der in Otto Premingers unvergeßlichem Noir-Klassiker "Laura" (1944) nur ein Gemälde zum Begaffen hatte, verliebt sich Carlin in das Objekt seiner Ermittlungen.

Der Agent von morgen und das Opfer von gestern: Das kann ja nur schiefgehen. In der bis hierhin fesselnden Krimihandlung reißen nun Löcher auf, die nicht einmal die "Einstein-Rosen-Brücke" zu überspannen vermag: Zwecks völliger Verwirrung des Publikums versucht sich der Film an einer wohl ungewollt komischen Erläuterung dieses der Quantenphysik auch als "Wurmloch" tatsächlich bekannten Phänomens mit Hilfe eines Blatts Papier und einer Schultafel.

Doch Bruckheimer wäre nicht Bruckheimer, wenn seine Produktionen die Zuschauer nicht durch spektakuläre Action-Szenen von dem fehlenden Spannungsbogen abzulenken vermöchten. Bei der unvermeidlichen Autojagd rast Carlin nicht nur gegen die Uhr, sondern stiftet Verkehrschaos in zwei Zeitschleifen zugleich – womöglich eine Premiere in der Filmgeschichte. Alles andere hat man tatsächlich schon mal gesehen, und zwar besser.

Fotos: Claire Kuchever (Paula Patton) und Abby (Elle Fanning); Agent Doug Carlin (Denzel Washington): Mit veralteter Technik wie dem Mobilfunk kommt er nicht weit

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