Was lange währt

Der ehemalige Oasis-Manager Alan McGee tat Coldplay einst als „Musik für Bettnässer“ ab. Derer gibt es scheint’s mehr, als man meinen sollte, sind doch die vormaligen Studenten am Londoner University College inzwischen zur erfolgreichsten Band der Welt aufgestiegen. Ihre Plattenfirma EMI sah sich sogar genötigt, eine Profitwarnung an die Aktionäre auszugeben, weil sich der Erscheinungstermin des neuen Albums um ein paar Wochen verzögerte. Als die Platte dann fertig war, ging der Hype erst richtig los. Musikjournalisten mußten sich an geheime Treffpunkte begeben, wo ihnen ein EMI-Bote ein versiegeltes Rezensionsexemplar mit fiktivem Bandnamen aushändigte, nachdem sie sich schriftlich zur Geheimhaltung verpflichtet hatten. Hatte Coldplay musikalisch „das Rad neu zu erfinden“ versucht, wie Frontmann Chris Martin in Interviews andeutete, oder bemühte sich EMI lediglich um Schadenbegrenzung, weil „X&Y“ doch nicht die erhofften Dividenden versprach? Alle Gerüchte sprachen für letztere Hypothese: Während der achtzehnmonatigen Entstehungsphase sollen insgesamt sechzig Stücke und mindestens ein Produzent auf der Strecke geblieben sein. Doch wenn Fans – wie diesen Frühling in San Francisco geschehen – von Sex bis zu einem Honda Accord Baujahr ’94 alles für eine Konzertkarte im Wert von 26 Dollar zu geben bereit sind, um ihre Helden live zu erleben, haben sie mit Sicherheit ein bißchen Kleingeld für die neueste CD übrig. Und so stieg „X&Y“ denn auch in den britischen wie den US-Albumcharts ganz oben ein. Die Auskopplung „Speed of Sound“ schaffte es als erste britische Single seit „Hey Jude“ 1968 auf Anhieb in die amerikanischen Top Ten. Nachdem jedoch alle Geheimnisse gelüftet sind und sich der erste Kaufrausch gelegt hat, muß sich die Platte an ihrem musikalischen Wert messen lassen. Zeugten die beiden früheren Alben noch von einer gewissen Experimentierfreude, hat sich Coldplay mit „X&Y“ auf klassische Stadionrocker eingespielt, die getragen balladesk beginnen, sich im mittleren Teil zum Crescendo steigern, um dann ruhig auszuklingen. Das Radio liebt dieses Strickmuster, im Zwölferpack wirkt es leicht monoton. Es gibt keine wirklichen Nieten auf „X&Y“, aber auch keine Glanzlichter wie „Yellow“ auf dem Erstling „Parachutes“ (2000) oder „Clocks“ auf „A Rush of Blood to the Head“ (2002). Bei Liedern wie „Square One“, „White Shadows“, „Talk“ oder „The Hardest Part“ könnte man glatt meinen, U2s Gitarrist The Edge habe Johnny Buckland die Klampfe entwendet. An anderen Stellen ist der Einfluß der Beatles unüberhörbar. Die Pianoballade „What If“ erreicht ihren Höhepunkt in einem Wirbel von Instrumenten à la „Day In The Life“, im Titelsong treibt Martin begleitet von weinenden Gitarren und Streichern mal „auf einer Flutwelle“, mal „ins Weltall“. Bei „Speed of Sound“ mit seinen hymnischen Riffs bleibt kein Auge im Stadion trocken und kein Feuerzeug in der Tasche. Schöne Melodien machen aber noch keine große Platte. Eins konnte man U2 noch nie vorwerfen: Ihre Texte strotzen vor Bildkraft, entwerfen träumerische und vor allem alpträumerische Landschaften, von Feuerfliegen erleuchtete Städte. Schade, daß dem studierten Historiker Martin als Reimeschmied jeglicher Wortwitz abgeht. Coldplays Lieder verleihen einem diffusen Weltschmerz Ausdruck – und kränkeln dabei an hinkenden Vergleichen, krummen Bildern, lahmen Klischees. Martin versprach seinen Fans eine „Mischung aus Oldplay und Boldplay“. Tatsächlich bietet „X&Y“ wenig Neues, viel Gewagtes allerdings auch nicht, und so läßt das Ergebnis anderthalbjähriger Liebesmüh zumindest diesen Hörer kalt.

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