Klaus-Rüdiger Mai Die Zukunft gestalten wir!

 

Von List zu Starbatty

Die Tübinger Eberhard-Karls-Universität nahm unter den wirtschaftswissenschaftlichen Ausbildungsstätten in der alten deutschen Hochschullandschaft nie einen Spitzenplatz ein. Neben Kiel mit seinem Institut für Weltwirtschaft, Köln oder selbst im Vergleich mit der nur temporär, zu Zeiten von Walter Euckens „Freiburger Schule“, glänzenden badischen Alma Mater zog ihre schwäbische Nachbarin mehr die Theologen denn die Ökonomen an. Trotzdem haben die Tübinger nun ausgerechnet ihre Wirtschafts- und Staatswissenschaftler dazu auserkoren, ein singuläres universitätshistorisches Monument zu errichten. 1.600 Seiten umfassend, als Frucht einer vierzehnjährigen, herkulischen Materialsammlung, legen die Herausgeber und Hauptbearbeiter Helmut Marcon und Heinrich Strecker ihre zweibändige, die Zeit von 1817 bis 2002 umspannende Fakultätsgeschichte vor. Eine „schier unglaubliche Titanen-Arbeit“ sei hier geleistet worden, jubelt das Schwäbische Tagblatt, mit dessen Rezension der Verlag wirbt. Da aber nur dieses journalistische Echo aus dem „Ländle“ als bislang vielleicht einzige Reaktion zum Mammutwerk in die Rubrik „Im Spiegel der Fachpresse“ des jüngsten Verlagsprogramms Aufnahme fand, wird sogleich die Problematik des Unterfangens deutlich. Denn selbstverständlich ist der Rezipientenkreis eng begrenzt. Und das gleich in mehrfacher Hinsicht: durch die regionale wie durch die disziplinäre Beschränkung, durch die bio-bibliographische Konzeption wie schließlich auch durch den Preis. Wäre der kleine Interessentenkreis nicht eventuell mit einer CD-ROM wesentlich kostengünstiger zu bedienen gewesen? Eine Publikation also, deren Schicksal als Staubfänger vorherbestimmt ist und die bestenfalls ihren Gebrauchswert noch als Geschenk zur Emeritierung Tübinger Wirtschaftswissenschaftler erhält? Nach dem ersten Durchblättern könnte man zu diesem Schluß kommen. Vor allem der zweite Band liefert dafür manchen ärgerlichen Anhaltspunkt. Über hundert Seiten zur Entwicklung der 1922 eingeführten Diplomprüfungsordnung samt ihrer faksimilierten, kaum mit der Lupe zu entziffernden Versionen, dazu sechzig Seiten über die Verleihung von Urkunden über Promotion, Habilitation und Immatrikulation – eine dröge Materie, in der hier die beiden Herausgeber schwelgen, ohne daß der Funken ihrer Begeisterung auf den Leser überspringen will. Von Sylvia Paletschek, mit ihrer Habilitationsschrift zur jüngeren Tübinger Universitätsgeschichte als Fliegenbeinzählerin eher in unguter Erinnerung (vergleiche JF 27/02), nehmen Marcon und Strecker einen älteren Aufsatz zur „Geschichte der Habilitation“ auf, der mit nicht eben aufregenden Erkenntnissen von der Art lockt, daß sich zwischen 1884 und 1918 das durchschnittliche Habilitationsalter von 28 auf 31 Jahre erhöhte. Und fünfzig teure Druckseiten partout mit Faksimiles ministerieller Erlasse und Fakultätssatzungen zu vergeuden, mag auch nicht im Sinne der großherzigen Spender sein. Wer sich jedoch bei diesem ersten Durchblättern nicht im zweiten Band festliest, um viel Stoff für kritische Einlassungen zu sammeln, der kommt im wesentlich umfangreicheren ersten Band, dem illustrierten „Professorenkatalog“, doch noch auf seine mehr als bloß wissenschaftshistorischen Kosten. Das gilt vornehmlich für die umfangreichen biographischen Artikel über die Dozenten des 19. Jahrhunderts. Ausgenommen Friedrich List, den geistigen Vater des Deutschen Zollvereins, der 1817 zu den ersten Lehrstuhlinhabern zählte und der auch eher Wirtschaftspolitiker als magistraler Theoretiker war, sein Ordinariat zudem nur zwei Jahre bekleidete, finden sich zwar keine Köpfe, die das disziplinäre Normalmaß überragen. Denn von Albert Schäffle, dem sozialpolitischen Berater Bismarcks, darf man das sowenig sagen wie von „Kathedersozialisten“ der zweiten Reihe wie Gustav von Schönberg oder Friedrich Julius von Neumann. Die Großen des Faches, die Exponenten der älteren wie der jüngeren Historischen Schule, Wilhelm Georg Heinrich Roscher oder der an der Eberhardina lediglich ausgebildete Gustav von Schmoller, lehrten nie in Tübingen. Aber die Verflechtung zwischen Lehre und Praxis, der starke politische Bezug des Faches, das politische Engagement der Tübinger Staatswirtschaftler vor und nach 1848 – das findet in jedem biographischem Artikel hinreichend Berücksichtigung. Bei 190 Personen, darunter 88 bei Abschluß des Forschungsprojekts (2003) noch lebenden Hochschullehrern, konnte diese Einbettung in den zeithistorisch-politischen Kontext natürlich nicht mit gleichmäßiger Sorgfalt vorgenommen werden. Sobald die Herausgeber sich der Dozentengeneration nähern, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts zu wirken beginnt, nehmen solche Hintergrundinformationen ab. Zusätzliche Erläuterungen, etwa zum komplizierten Verhältnis mancher Dozenten zum Nationalsozialismus, wurden daher in die Einleitung verlagert. Für die Zeit nach 1945 und erst recht für die letzten Jahrzehnte seit 1968, wo die meisten Personalartikel ohnehin keine Biographien mehr, nur noch Karrieren ausweisen, scheint diese Zurückhaltung gerechtfertigt. Obwohl es Ausnahmen gibt: einige Exponenten des Typus „politischer Professor“ wie den späteren Lord Ralf Dahrendorf, der von 1960 bis 1966 an der Tübinger Fakultät Soziologie lehrte, seinen Nachfolger Friedrich H. Tenbruck, neben Ernst Nolte und Hermann Lübbe ein Initiator des Bundes Freiheit der Wissenschaft, oder den als „Eurogegner“ bundesweit bekannt gewordenen, seit 1983 in Tübingen Volkswirtschaft lehrenden, jetzt kurz vor der Emeritierung stehenden Joachim Starbatty, der sich, ausweislich der schier endlosen Bibliographie seiner Tagespublizistik für FAZ, Focus oder Handelsblatt, hinter dem politischen Hyperaktivismus des „Stammvaters“ List nicht verstecken muß. Im Falle Tenbrucks finden die Herausgeber sogar Raum für eine kleine 68er-Milieustudie. Tenbruck war in Tübingen der Lieblingsfeind des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS). „Ab WS 1968/69 wurde ihm von linksradikalen Studenten und von diesen aufgehetzten anderen Kommilitonen die Lehrtätigkeit weitgehend unmöglich gemacht.“ Den Vorschlag des Rektors, auf „harmlose“ Themen auszuweichen, habe der über die mangelnde Unterstützung von Kollegen (von denen nicht wenige mit den Studenten sympathisierten) ohnehin verbitterte Soziologe abgelehnt, „da dies für ihn ein Nachgeben gegenüber erpresserischer Gewalt bedeutet hätte“. Als Tenbruck im Wintersemester 1969/70 den vakanten Heidelberger Lehrstuhl des vor dem SDS-Terror nach Graz ausgewichenen Ernst Topitsch vertrat, hinderte ihn der studentische Mob am Betreten des Hörsaals und stellte ihm noch in einer bizarren Verfolgungsfahrt bis zur Autobahn nach. Man mag darüber spekulieren, ob die Geschichte der Tübinger Wirtschaftswissenschaften in einer monographischen Darstellung nicht schärfere Konturen gewonnen hätte – muß der Leser sich doch in der vorliegenden bio-bibliographischen Präsentation das jeweilige „Zeitbild“ recht mühsam aus den einzelnen Artikeln zusammensuchen. Da viele Gelehrte, unter ihnen Koryphäen wie Bernhard Harms, Heinrich Triepel, Gerhard Anschütz, Richard Thoma, Rudolf Smend oder Walter Eucken zudem nur sehr kurze Zeit in Tübingen amtierten, ungeachtet dessen aber mit ebenso mustergültig akkuraten Literaturverzeichnissen berücksichtigt werden wie die „altgedienten“, fachlich weniger bedeutenden Kollegen Carl Fuchs, Hans Teschemacher oder Hero Moeller, geraten die Proportionen etwas ins Rutschen, und es fällt schwer, das eigentümlich-unverwechselbare Gesicht der Staats- und Wirtschaftswissenschaften an der Eberhardina unter den Faktenbergen noch zu erkennen. So darf man den Herausgebern zwar bescheinigen, eine bewunderungswürdig fleißige, wahrhafte „Titanen-Arbeit“ geleistet zu haben, doch mag man zweifeln, ob dieses im Geleitwort des Tübinger Rektors zu Recht „einmalig“ genannte Opus wirklich als Vorbild für ein noch unabgeschlossenes „gesamtuniversitäres Projekt“ dienen sollte. Falls ja, käme demnächst von Tübingen aus ein Daten-Tsunami auf uns zu. Friedrich List (1789-1846), Friedrich H. Tenbruck (1919-1994) und Joachim Starbatty (geb. 1940): Bis auf wenige Ausnahmen lehrten viele der ganz großen Namen der Wirtschafts- und Staatswissenschaften nie in Tübingen Helmut Marcon und Heinrich Strecker (Hrsg.): 200 Jahre Wirtschafts- und Staatswissenschaften an der Eberhard-Karls-Universität Tübingen. Leben und Werk der Professoren. Die Wirtschaftswissenschaftliche Fakultät der Universität Tübingen und ihre Vorgänger (1817-2003). Franz Steiner Verlag, Stuttgart 2004, 2 Bände, Abbildungen, 1.596 Seiten, 142 Euro

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