Klaus-Rüdiger Mai Die Zukunft gestalten wir!

 

Unverlierbare Deutungen der Zeitalter

Nachdem vor genau einem Jahr die ersten beiden Bände der Edition der Jenaer Vorlesungen von Günter Zehm vorgelegt wurden, sind nun, wiederum in ausgezeichneter äußerer Gestaltung unter Verwendung von Mattheuer-Bildern, zwei weitere Bände erschienen. Wieder wird ein eher philosophiehistorisches Werk, eine geistreiche Geschichte des Rationalismus in der frühen Neuzeit, von einer phänomenologisch und systematisch grundlegenden ethischen Untersuchung über „Das Böse und die Gerechten“ sekundiert. Zehm läßt Respekt vor den großen Systemgebäuden des Rationalismus erkennen. Dies hindert ihn aber nicht, mit der Feinhörigkeit des großen Stilisten Disproportionen zwischen den Spektakeln und Inszenierungen und den realen Leistungen der als groß und zugleich schön geltenden Epoche sichtbar zu machen. Subtil und diskret, sind doch bei Zehm Signale der Melancholie unüberhörbar. Sie gelten den Verlusten, die der Rationalismus mit sich brachte: Er beschnitt den Blick auf die lebendige All-Natur, auf den Glauben, aber auch die phänomenale Erfahrung der Leiblichkeit. Zehm beginnt mit der Skizze eines grandiosen Panoramas: den höfischen Festen, Wasserspielen, der Pyrotechnik, der Realrepräsentation des absolutistischen Staatsuhrwerks. Die Renaissance begreift er als „Vorspiel“ voller faszinierender Widersprüche. Die Differenzen zwischen dem Votum des Renaissance-Humanismus „Ad fontes!“ und der die Überlieferung verachtenden Experimentalphilosophie, der Epoche der Universitäts- und Gesellschaftsreformen und Entwürfe, sind jedoch gravierend. Wie Zehm in dem Kapitel über Bacon und Galilei zeigt, unterzieht das Experiment die Natur einer peinlichen Befragung, es spannt sie auf das Streckbett; und peinlich ist auch der Wiederholungszwang, der dem methodengeleiteten Experimentator jedweden heuristischen Enthusiasmus austreibt. Descartes gelten überaus kritische Erwägungen. Das Ideal demonstrativer Genauigkeit war nicht durch die mathematischen Fähigkeiten seiner Exponenten gedeckt. Descartes‘ Gott ist ein Ingenieur im Ruhestand, der die Welt als hydraulisches System anlegt. Das Modell seiner Weltrepräsentation bilden jene Maschinen, die die Fontänen im Garten des Königs mit ihren kunstvollen Wasserspielen betreiben. Cartesianismus, so zeigt Zehm, ist ein großer Reduktionismus. Spinozas „Ethica more geometrico demonstrata“: die Lehre von der einen Substanz, erscheint geradezu als Zentralmetapher des Jahrhunderts. Hobbes‘ „Leviathan“ im Zusammenhang seiner politischen und anthropologischen Physik hat ebenso wie Leibniz‘ Monadologie und die Äquilibristik der besten aller möglichen Welten in der „Theodizee“ ihren Auftritt. Mit Leibniz‘ und Newtons Entdeckung der Infinitesimalrechnung – unabhängig voneinander und mit erbitterten Streitigkeiten um die Urheberschaft – fand das Jahrhundert spät den methodischen Schlüssel, dessen es bedurfte. Im letzten Akt treten John Locke und Isaac Newton auf, die Tabula rasa und eine Physik, die sich bei Newton aus dem engen Korsett der Mechanik löst und den unhintergehbaren Vorrang des Ganzen vor dem kalkulatorischen Zusammenhang der Teile in der Gestalt eines „Pantokrator“-Gottes festhält; ein höchst ambivalenter Ausklang. Zehms Rationalismus-Geschichte zeichnet sich durch zwei Tugenden aus, die sich selten verbinden: den Blick für die große Linie und den Sinn für das Detail, an dem Epochensignaturen oft am sprechendsten sichtbar werden. Er führt in ein Weltalter ein, in dem die großen Philosophen, mit Ausnahme des im Verborgenen lebenden Leibniz, zugleich große Herren waren, Ratgeber und Berater an den Höfen. Die Universitäten waren den Minores vorbehalten. Diese Vorlesungen bereiten hohes intellektuelles Vergnügen, ohne je ins Gefällige abzugleiten. Zehm entwirft dabei ein exemplarisches Modell der Philosophiegeschichte, das zeigt, daß es möglich ist, die unverlierbare Bedeutung eines Zeitalters – im Rationalismus durch Bibelkritik, Festschreibung der Gewaltenteilung, mathematische Logik eindrucksvoll dokumentiert – festzuhalten und zugleich sehr deutlich zu machen, daß sein Triumphzug zugleich eine Schatten werfende Machteroberung bedeutet. Ein solcher Blick ist gleichermaßen weit von naivem Fortschritts- und von Dekadenzgeschichten entfernt. Als Einführung in das Zeitalter des Rationalismus kann man Zehms Werk nur empfehlen. Doch auch der versierte Philosophiehistoriker und Ideengeschichtler ist bereichert. Er nähert sich der abgründigen, gefährlichen Dame fatale des Grand Siècle, wie man sich ihr nur nähern kann: indem er selbst ein hohes Spiel mit ihr veranstaltet. Der Diskurs zur Ethik ist von anderer Art. Zehm geht von dem überaus ernsten und besorgniserregenden Befund aus, daß Vita activa und Vita contemplativa sich immer weiter auseinanderentwickeln: In jener zeigt sich ein Verblassen der Grautöne, eine Wiederkehr des Fundamentalismus und ein faktisches Operieren mit dem Freund-Feind-Kriterium, das moralischer Selbsterkundung zu entheben scheint, im theoretischen Diskurs über Ethik hingegen eine argumentative Subtilität, die für lange Zeit die Frage nach dem guten Leben für obsolet erklärt. Zehms Absicht, diese Kluft zu überbrücken, ist nur allzu berechtigt, und sie ist akut. Dabei spricht er als Selbstdenker, wobei zwei gleichermaßen bestechende Eigenschaften zusammentreffen: der geschulte, phänomenologisch geschärfte Blick des Moralisten und die Wiederentdeckung der Dimension des Gebotes als einer Grundsphäre der Ethik. Das „ethische Minimum“ müßte auch noch inmitten eines tragischen Konfliktes tragfähig sein. Zehm hält indes fest, daß das Böse dem Guten vorausging. Untersucht werden sodann Versuche der Erziehung zur Sittlichkeit und der Umbruch zwischen Lessings Aufklärungstraum von der „Erziehung des Menschengeschlechts“ und Nietzsches „Umwertung aller Werte“ und der modernen Faszinationsgeschichte an den Blumen des Bösen, die besonders schön blühen. Ihren Gipfelpunkt aber erreichen die Darlegungen in den abschließenden Kapiteln, die am Leitfaden der Zehn Gebote das ethische Minimum explizieren. Einzigartig sind die Zehn Gebote, nach Zehm der einzige bündige Moralkanon der Weltgeschichte, bereits durch ihren Rahmen: die Bindung an den Einen Gott, die sie „aus dem Zeitfluß bloßer Lebensfristung“ heraushebt. In diesen Horizont fügen sich Obligationen ein, in denen es jeweils um das Ganze geht: Mord, sexuelle Gemeinheit, Diebstahl, Verleumdung, Neid sind die Grenzpfeiler des ethischen Minimums. Es ist faszinierend, wie Zehm diese ehernen Tafeln im Blick auf private und öffentliche Praktiken auch in Politik, Wirtschafts- und Medienwelt akzentuiert, nuanciert, bis in Aporien verfolgt, zugleich aber zeigt, daß die Gebote nicht Raum lassen für eine Metaebene „entzentrierender“, sophistischer Ausnahmen. Sie stecken ein Feld ab, in dem sich glückendes Leben und öffentliche Gerechtigkeit abspielen kann. Er vermag dabei eindrucksvoll zu zeigen, wie die Gebote in modernen Lebenswelten ihre Unterscheidungskraft bewähren können. Fundamentalistisch unzivilisierten Verdikten und der schlechten Schauspielkunst von „Tugendbolden“ wird zu Recht keinerlei Kredit eingeräumt. Die Strenge der Gebote verlangt zugleich, daß ihnen Gnade und Verzeihen entspricht. Jenseits dieses ethischen Minimums, das „uns Menschen verbindet und letztlich erst zu Menschen macht“, sind Handlungsanleitungen in Phasen ethischer Krisen und des Erschreckens vor den Aushöhlungen einer durch und durch permissiven Gesellschaft nur zu Phrasen fähig. Günter Zehm: Die große Schauspielerin Vernunft. Eine Geschichte des Rationalismus in der frühen Neuzeit. Edition Antaios, Schnellroda 2005, 275 Seiten, gebunden, 25 Euro Günter Zehm: Das Böse und die Gerechten. Auf der Suche nach dem ethischen Minimum. Edition Antaios, Schnellroda 2005, 311 Seiten, gebunden, 25 Euro Foto: Wolfgang Mattheuer, „Das tragische Ende eines Unbekannten“ (Ausschnitt; 1984): Feinhörigkeit des großen Stilisten

Probeabo JF 2021 Gratis lesen

Wenn Ihnen der Artikel gefallen hat: Unterstützen Sie die JF mit einer Spende.

Der nächste Beitrag

ähnliche Themen
Hierfür wurden keine ähnlichen Themen gefunden.
aktuelles