Klaus-Rüdiger Mai Die Zukunft gestalten wir!

 

Übrig bleiben verblüffend triviale Sedimente

Studienanfänger wie Doktoranden geisteswissenschaftlicher Disziplinen sollten zweimal jährlich ins Programm der beiden Stuttgarter Verlage Metzler und Kröner schauen. Dort erscheinen im Frühjahr und Herbst höchst nützlich Handbücher, die das Werk einzelner Dichter und Denker (Hölderlin, Heidegger) wie das Ideenreservoir geistiger Epochenbewegungen enzyklopädisch aufbereiten, wobei Kröners in zweiter verbesserter Auflage erschienenes Romantik-Handbuch besonders zu empfehlen ist. Neu im Programm des vor etwas mehr als hundert Jahren in Leipzig gegründeten Kröner Verlages (JF 42/04) ist der Band 343 in der fast ebenso alten Reihe „Kröners Taschenausgabe“ über „Politische Theorie der Gegenwart in Einzeldarstellungen. Von Adorno bis Young“, den die Freiburger Politologin Gisela Riescher herausgegeben hat. Der Band ergänzt ein von Theo Stammen und Wilhelm Hofmann ediertes Handbuch „Hauptwerke der politischen Theorie“ (1997), das auch schon ins zwanzigsten Jahrhundert führte, aber die Theoriegeschichte nach 1945 nur sporadisch abdeckt, so daß sich Überschneidungen (in Gestalt von zwei Habermas-Artikeln etwa) in engen Grenzen halten. Natürlich findet sich eine stattliche Zahl von „Klassikern“ wie Eric Voegelin, Helmuth Plessner, Leo Strauss, Hannah Arendt, Talcott Parsons, Raymond Aron, Karl Raimund Popper oder Isaiah Berlin, die sich schwer in den vorgegebenen knappen Raum pressen lassen. Ob der Kulturphilosoph Ernst Cassirer oder der Soziologe Norbert Elias wirklich unter die politischen Theoretiker gehören, mag immerhin zweifelhaft sein. Warum der bei Stammen berücksichtigte Carl Schmitt fehlt, Habermas aber zum zweiten Mal traktiert wird, leuchtet auch nicht ein. Die dezidiert katholische politische Theorie ist mit Oswald von Nell-Breuning sicher nicht ausreichend vertreten, ebensowenig das deutsche konservative Lager mit Arnold Gehlen und Ernst Forsthoff. Höchst erfreulich ist indes die starke Berücksichtigung des noch aktiven bundesdeutschen Personals – vom Berliner Politikwissenschaftler Herfried Münkler bis zu seinem dortigen Kollegen Claus Offe, von Otfried Höffe bis Ulrich Beck – wie der die aktuellen „Diskurse“ häufig genug dominierenden Denker aus dem angelsächsischen Raum. Hier reicht das Spektrum von den Theoretikern der internationalen Beziehungen wie Francis Fukuyama, Kenneth Waltz und Samuel Huntington bis zu Edward Said, Michael Walzer und Richard Rorty, von Seyla Benhabib, der Ikone des Multikulturalismus, über Benjamin R. Barber, der die „Weltdemokratie“ aus „Kommunikationsgenossenschaften“ erstehen lassen möchte, bis zur rührend naiven „politischen Ethikerin“ Martha C. Nussbaum und zur unvermeidlichen Radikalfeministin Judith Butler, die uns weismachen möchte, daß wir uns in einer durch die „heterosexuelle Matrix“ bestimmten Gesellschaft geschlechtlich jederzeit neu „erfinden“ könnten. Die Abbreviatur der zumeist umfangreichen Werke all dieser Modeerscheinungen politischer Theorie hat einen überraschenden Kondensierungseffekt: Viel heiße Luft wird freigesetzt, und übrig bleiben verblüffend triviale Sedimente. Gisela Riescher (Hrsg.): Politische Theorie der Gegenwart in Einzeldarstellungen von Adorno bis Young. Alfred Kröner Verlag, Stuttgart 2004, 508 Seiten, gebunden, Leinen, 25 Euro

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