Alternative für Deutschland Spenden

 

Sternstunden und Schicksalsschläge

Fast genau sieben Monate nach dem Tod von Ray Charles am 10. Juni 2004 kommt mit Taylor Hackfords brillanter Inszenierung „Ray“ ein Film über die bewegende Lebensgeschichte jenes blinden schwarzen Jungen aus Albany in Georgia, der zum wohl bedeutendsten Swing-, Blues- und Soul-Musiker seiner Zeit und einer einzigartigen und unvergessenen Musiklegende werden sollte, in die Kinos. „Ray“ beginnt dort, wo auch in Wirklichkeit alles begann. In einer ärmlichen Schwarzensiedlung im tiefen Süden Georgias wird Ray Charles Robinson am 23. September 1930 geboren. Während der Vater sich irgendwo im Land herumtreibt, versorgt die Mutter liebevoll den Jungen, der ein Jahr später noch einen Bruder bekommt. Schon im Alter von drei Jahren ist er von Boogie-Woogie- und Blues-Songs so fasziniert, daß er stundenlang auf dem Schoß des Pianisten in der schäbigen Kneipe gegenüber sitzt und herumklimpert. Zwei Jahre später erlebt er die erste große Tragödie seines Lebens. Vor seinen Augen ertrinkt sein kleiner Bruder in einem Waschbottich. Ein paar Monate später kommt der nächste große Schicksalsschlag, sein Sehvermögen verschlechtert sich derart, daß er alles nur verschwommen sieht. Der Augenarzt diagnostiziert grünen Star. Innerhalb eines Jahres verliert Ray sein Augenlicht vollständig. Sein erstes Engagement als Pianist und Sänger bekommt er ausgerechnet bei einer rein weißen Country-Band in Florida. Zwar gefallen ihm die Geschichten, die in den Liedern erzählt werden, doch lange hält es ihn hier trotzdem nicht. In Seattle versucht der Achtzehnjährige erneut sein Glück, spielt in den Clubs und Kneipen der Schwarzen und gründet schließlich seine eigene Combo. Seinen Nachnamen läßt er von nun an weg. Seine erste Platte „Baby, let me hold your hand“ erscheint und wird sogar ein kleiner Hit. Doch der Erfolg hat auch seine Schattenseiten. Wie so viele Musiker kommt er in Kontakt mit Drogen, und er beginnt neben den üblichen Mitteln Alkohol und Marihuana nun auch Heroin zu spritzen. Anfang der fünfziger Jahre beginnt Ray Charles seinen Musikstil zu ändern, seine Imitationen von Nat King Cole und Charles Brown befriedigen ihn nicht mehr. Er kommt bei einer New Yorker Agentur unter und wechselt auch die Plattenfirma. In dieser Zeit entstehen die ersten großen Hits: „Mess around“, „I got a Woman“, „What’d I say“, „Hit the Road, Jack“ und „Unchain my Heart“. Neun Monate im Jahr ist er jetzt auf Tournee, und das Publikum liegt ihm schon zu Füßen. Aber mit dem Erfolg steigt auch sein Heroinkonsum. Während seine Frau mit den beiden Söhnen in einem wunderschönen Haus in Los Angeles auf ihn wartet, hat er zahllose Affären. Ein neuer musikalischer Stilbruch in den sechziger Jahren: In der Zeit der Rassentrennung erscheint die LP „Modern Sounds in Country- and Western Music“. Ein schwarzer Musiker singt die Musik der Weißen und hat damit auch noch einen Riesenerfolg. Und was noch viel wichtiger ist, mit der Single „I can’t stop loving you“ schafft er den absoluten Durchbruch bei allen ethnischen Gruppen. Aber auf diesem Höhepunkt seiner Karriere schlägt die Drogenfahndung zu. Um nicht eingesperrt zu werden, unterzieht er sich einem quälenden Entzug in einer psychiatrischen Klinik. Ein ganzes Jahr steht er nicht mehr auf der Bühne, doch nach seiner triumphalen Rückkehr stellt sich der Erfolg sofort wieder ein. Und mit „Crying Time“ schafft er es an die Spitze der Charts. Bei einem großen Konzert in seiner Heimat Georgia kommt es zum Eklat. Vor der Halle demonstrieren schwarze Studenten gegen die Rassentrennung, die es ihnen nicht erlaubt, gemeinsam mit Weißen Ray Charles‘ Musik zu hören. Er ist zunächst wenig geneigt, auf ihren Protest einzugehen, aber nachdem der Veranstalter die Demonstranten beschimpft, weigert er sich, hier aufzutreten. Die Strafe folgt auf dem Fuß, er wird mit einem „Bann“ belegt und darf bis Ende der siebziger Jahre nicht mehr nach Georgia reisen. Erst 1979 wird das Urteil aufgehoben und Ray Charles in einem feierlichen und bewegenden Akt zum Ehrenbürger ernannt. Seine Version von „Georgia on my Mind“ wird zur offiziellen Hymne des Staates erklärt. Taylor Hackfords („Ein Offizier und Gentleman“, „When we were Kings“) Film ist eine einzige Liebeserklärung an die Soul-Ikone Ray Charles – voll von beeindruckenden Bildern aus jener legendären Zeit der pulsierenden Musik-Clubs in den vierziger und fünfziger Jahren, in denen seine Karriere begann und er den Sound prägte, der ihn zur lebenden Legende werden ließ. Wie es Hackford gelingt, diese unvergleichliche Atmosphäre einzufangen und zu visualisieren, darf als große Filmkunst bezeichnet werden. Und obwohl das Drehbuch von James L. White ein paar dramatische Stationen ausläßt – das Scheitern der zweiten Ehe des Musikers wegen seiner Drogensucht und seiner notorischen Seitensprünge findet beispielsweise keine Erwähnung -, wird dem Zuschauer dennoch bewußt, welch hohen Preis Charles für seinen Erfolg zahlen mußte. Von ewigen Schuldgefühlen wegen des Todes seines kleinen Bruders, aber auch seiner Familie gegenüber, gequält, von der Sucht nach Heroin gepeinigt, spielte er seine Musik und durchbrach dabei Schranken, die lange Zeit für unüberwindbar galten. Jamie Foxx spielt diesen Ray Charles mit fast beängstigender Intensität und so grandios, daß es nicht übertrieben ist zu sagen, Jamie Foxx ist Ray Charles. Selten noch sah und hörte man Mimik, Gestik und Sprache derart authentisch. Selbst die typischen schlingernd-schwankenden Bewegungen des Gangs – Ray Charles litt seit seiner Kindheit auch an einem schweren Hüftschaden -sind perfekt. Daß der Film Anfang der achtziger Jahre endet, hat seinen Grund. Andere Musiker setzten zu dieser Zeit neue Akzente, doch Ray Charles hat sie wohl alle auf irgendeine Weise beeinflußt. Noch im April 2003 stand er auf der Bühne, im Dezember desselben Jahres diagnostizierte man bei ihm ein Leberleiden, dem er ein halbes Jahr später in seinem Haus in Beverly Hills im Kreise seiner Familie erlag. Doch auch sein Tod konnte die Legende nicht zerstören. Taylor Hackfords Verdienst ist es, Ray Charles mit diesem Film ein Denkmal gesetzt zu haben, das seiner würdig ist. Foto: Jamie Foxx ist Ray Charles: Selten noch sah und hörte man Mimik, Gestik und Sprache derart authentisch

Probeabo JF 2021 Gratis lesen

Wenn Ihnen der Artikel gefallen hat: Unterstützen Sie die JF mit einer Spende.

Der nächste Beitrag

ähnliche Themen
Hierfür wurden keine ähnlichen Themen gefunden.
aktuelles