Sehnsucht nach einer politischen Heimat

Gerhard Zwerenz, der in der vergangenen Woche seinen achtzigsten Geburtstag feiern konnte, verließ 1957 zusammen mit seiner Frau Ingrid die DDR, um seiner drohenden Verhaftung zu entgehen. Im Westen blieb er seinen sozialistischen Idealen treu. Als Schriftsteller waren ihm literarische Erfolge beschieden. Dennoch wurde er in der Bundesrepublik geistig und politisch nie heimisch. Dem real existierenden Sozialismus in der DDR konnte er nicht verzeihen, daß er so gar nicht seinem Bild vom menschlichen Sozialismus entsprach, der Bundesrepublik nicht, daß dort der „Klassenfeind“ herrschte, die Bourgeoisie, die Hitlers Generälen sowie dem NS-Juristen Hans Globke eine Heimstatt bot und den Kapitalismus hochhielt. Der Sozialdemokratie wirft Zwerenz vor, ihre „Blutsäufer Noske und Zörgiebel“ hätten eine größere „schuldhafte Geschichtslast erreicht“ als die „peinliche sächsisch-berlinische Ulbricht-Brigade“. Außerdem habe sie die Wiedervereinigung, ein weiteres Unglück, mitgetragen. Vor allem aber gab und gibt es in der Bundesrepublik „Rechte“, deren Gedankengut zu bekämpfen für Zwerenz und seine Frau Ingrid immer noch der eigentliche Lebensinhalt ist. Dem dient auch dieses Buch, selbst wenn sich die Autoren gelegentlich mit eher „linken“ Erscheinungen wie etwa dem PEN-Club beschäftigen. Die wichtigste Waffe in diesen Kampf gegen das „rechte“ Böse in jeder Form ist ein in fünfzig Jahren angesammeltes Archiv. Es speist sich vor allem aus der Frankfurter Allgemeinen und wird laufend aktualisiert. So bekommen auch Hubertus Knabe, Manfred Kanther, Vera Lengsfeld und Martin Hohmann ihr Fett ab. Günter Zehm, der in den 1950er Jahren ebenso wie Gerhard Zwerenz dem Philosophen Ernst Bloch nahestand, wird vorgeworfen, er bemühe sich, in der JUNGEN FREIHEIT „den seriösen Rechtspopulisten darzustellen“, nachdem er sich vorher bereits im Rheinischen Merkur in der Verlängerung von „Kaltkriegszeiten“ gefallen habe. Das alles ist so geschwätzig wie langweilig. Aber was hat es mit Ernst Bloch zu tun? Der Philosoph Bloch („Das Prinzip Hoffnung“, 1954/55) muß sich gefallen lassen, von Zwerenz als Verbindungsstück bei seinen Rundumschlägen, die mal diesen, mal jenen treffen, mißbraucht zu werden. Das Vehikel ist dabei die „Sklavensprache“, ein Phänomen, das – so Zwerenz – laut Ernst Bloch Schriftsteller, Journalisten und Geisteswissenschaftler bedienen müssen, wollen sie Sachverhalte darstellen und Meinungen artikulieren, die den Herrschenden mißfallen und Verfolgungen auslösen könnten. Hierfür findet Zwerenz immer neue Beispiele. Angeblich habe Bloch sein Leben lang versucht, ihn als Schriftsteller dazu zu bewegen, das Phänomen „Sklavensprache“ genauer zu untersuchen. Zwerenz läßt durchblicken, Bloch selbst sei dafür ungeeignet gewesen, weil er vor seiner systemkritischen Zeit Elogen auf Stalin veröffentlicht habe. Das mag ja sein. Aber als Bindemittel für die Darstellung all dessen, was das Ehepaar Zwerenz in dieser Welt stört, sind Bloch und die Sklavensprache kaum ausreichend. Insgesamt ist die Lektüre des Buches unbefriedigend. Vieles wird angerissen, nichts richtig ausgeführt. Der Ton der Darstellung ist meist eifernd, selbst dann, wenn Zwerenz behauptet, altersbedingt abgeklärt zu sein. Wohlwollen bringt er nur gegenüber den Protagonisten der PDS auf, für die er als parteiloser Abgeordneter einige Jahre im Bundestag saß. Irgendwo möchte auch ein Zwerenz politische Heimatgefühle entwickeln. Aber muß man deshalb gleich ein Buch schreiben? Ingrid und Gerhard Zwerenz: Sklavensprache und Revolte. Der Bloch-Kreis und seine Feinde in Ost und West. Schwartzkopff Buchwerke, Berlin 2004, geb., 552 Seiten, 15 Euro

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