Pflegefall Altenpflege

Ein Buch, das auf Anregung von Günter Wallraff geschrieben und mit einem Vorwort von ihm versehen wurde, vermag die Kassen im Handel klingeln zu lassen, die „Bestseller-Liste“ heraufzuklettern und wird doch bei manchen potentiellen Lesern eher Skepsis aufkommen lassen. Zum einen, weil Wallraffs Reportagen in früheren Jahren zum Pentateuch der Betroffenheit hochstilisiert worden waren, zum anderen weil ihrem Autor seit einiger Zeit der Hautgout eines westlichen willigen Vollstreckers des realsozialistischen Geheimdienstes anhaftet. Aber solche Einwände sollten im Falle von Markus Breitscheidels Bericht „Abgezockt und totgepflegt. Alltag in deutschen Pflegeheimen“ hintangestellt werden, nicht zuletzt weil sich Wallraffs erhobener Zeigefinger auf das Vorwort beschränkt. Der Autor, der sein Buch zunächst unter dem Pseudonym Matthias P. veröffentlichte, war (nach seinen eigenen Worten) „erfolgreicher Manager“, studierter Wirtschaftswissenschaftler und im Marketing eines Werkzeugherstellers tätig. Unzufrieden mit seiner beruflichen Situation, beschloß er 1998 aus seinem bisherigen Leben „auszusteigen“ und sattelte um – zum Pflegehelfer. Vorausgegangen war die Bekanntschaft mit Günter Wallraff, für den Breitscheidel offensichtlich große Bewunderung hegte und dessen „Undercover-Reportagen“ ihn beeindruckt hatten. Gemeinsam mit Wallraff plante er, so Breitscheidel, den eigenen Berufswechsel und gleichzeitig die Aufzeichnung es dabei Erlebten. Insgesamt anderthalb Jahre hält er diese neue Tätigkeit durch, arbeitet in fünf verschiedenen Alten- und Pflegeeinrichtungen in München, Hamburg, Köln, Mainz und Berlin. Am Ende, resümiert Breitscheidel, fühlte er sich erschöpft und konnte kein Altenheim mehr sehen. Was er erlebte und dokumentierte, liest sich wie jeder „Insider“-Bericht spannend und erschütternd. Dort wird von überforderten, zum Teil nicht ausreichend qualifizierten Angestellten berichtet, von verwahrlosenden Patienten, die häufig erst durch mangelnde Pflege zu „Pflegefällen“ werden, von Abrechnungsbetrug und Geschäftemacherei mit der Not Hilfsbedürftiger. Um die ständige Zeitnot zu bewältigen, werden alte Menschen mitten in der Nacht geweckt und zum Frühstück gezwungen, es gibt zum Teil unzureichende Hygiene und nährstoffloses Essen, meistens diktiert vom chronischen Geldmangel. Fälle von versuchtem Selbstmord aus Verzweifelung weiß Breitscheidel ebenso zu berichten wie von Freiheitsberaubung und gewaltsamer „Ruhigstellung“ mit der chemischen Zwangsjacke. An Breitscheidels zeitweiligen Arbeitsplätzen verdichtet sich das Dilemma unserer „überalternden Gesellschaft“ wie unter einem Brennglas. Immer mehr Menschen werden immer älter und dabei immer pflegebedürftiger, gleichzeitig gibt es immer weniger Kinder, die diese Pflege in der eigenen Familie übernehmen könnten oder wollen, und es gibt immer weniger Einzahler, deren Beiträge die Kosten für eine teurer werdende Unterbringung der zu Pflegenden decken. Zwar ist der Bedarf an qualifiziertem Pflegepersonal immens, die Bezahlung für die dort Tätigen meist jedoch nicht. Die Folge ist eine Überlastung des Personals, was wiederum die Qualität der Pflege sinken und den Arbeitsplatz Altenheim noch unattraktiver werden läßt. Abhilfe wäre an diesem Punkt nur durch einen höheren finanziellen Aufwand zu schaffen – womit wieder der Ausgangspunkt des Teufelskreises erreicht ist. Daß durch die besseren Zustände an seinem letzten Arbeitsplatz in Berlin die überwiegend negativen Erfahrungen des Autors „etwas relativiert“ wurden, spricht für die Ausgewogenheit seines Berichts: Das Berliner Heim sei ein Beispiel dafür, daß sich „menschenwürdige Betreuung (…) realisieren läßt“, jedoch auf „hohem finanziellen Niveau“. Am Ende versucht Breitscheidel Alternativen aufzuzeigen und schließt zwei Interviews mit Fachleuten an. Die Thesen des Psychiaters Klaus Dörner über das Ende der „Verheimung“ und seine Forderung nach mehr Eigenverantwortung und „Nachbarschaftsmentalität“ – samt Seitenhieb auf die „68er Emphase“ – sind äußerst lesenswert. Zwei Dinge in diesem Buch wirken dagegen störend und überflüssig: Erstens das vermeintlich geschlechtsneutralisierende, alle orthographischen Regeln auf den Kopf stellende große Binnen-I, das zum Glück ansonsten weitgehend aus unserem Schriftgebrauch wieder verschwunden ist, hier jedoch bis zum Exzeß weiterbenutzt wird, und zweitens – das Vorwort von Günter Wallraff. Markus Breitscheidel: Abgezockt und totgepflegt. Alltag in deutschen Pflegeheimen.Econ Verlag, Berlin 2005, 240 Seiten, broschiert 16,95 Euro

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