Pankraz, Landgräfin Henriette und das Alte Reich

Kultureller Glanz und politische Macht gehen selten überein. Nirgendwann aber – so eine weitverbreitete Überzeugung – klafften sie weiter auseinander als im Deutschland des 18. Jahrhunderts, im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation in den Dezennien nach dem Dreißigjährigen Krieg.

Auf der kulturellen Seite ein Musentempel ohnegleichen, in der Musik die Bachs, Händel, Mattheson, Telemann, Mozart, Haydn, der junge Beethoven, in der Literatur Gleim und Lessing, Klopstock, Wieland, Herder, Goethe, Schiller, Lenz, die Jenaer Frühromantiker, in der Philosophie der alte Leibniz, Wolff, Kant, Justus Möser, Fichte, Schelling, Hegel und noch einmal Schiller.

Und auf der anderen, der politischen Seite? Lange wußten die Historiker nur Verächtliches zu vermelden: Kleinstaaterei, Fremdbestimmung, exekutive Ohnmacht der Reichsinstanzen, wüstes, einzig auf Verschwendung und Kleintyrannei abgestelltes Verhalten der Regionalfürsten, "deutsche Misere", wohin das Auge auch blickte. Erst neuerdings ändert sich das allmählich. Jüngere Forscher treten auf den Plan, die den Klischees mißtrauen und genauer hinsehen.

Was ihnen – ökonomistisch geprägt, wie sie nun einmal sind – zuerst ins Auge fällt, ist die erstaunlich rasche und kräftige demographische und wirtschaftliche Erholung, die das Reich in fast allen seinen Provinzen nach dem Westfälischen Frieden erfuhr. Deutschland hatte im Dreißigjährigen Krieg etwa zwei Drittel seiner Bevölkerung verloren, gerade noch vier Millionen krebsten 1648 herum. Danach aber kam es geradezu zu einer Bevölkerungsexplosion. Die "Peuplierung" machte rasante Fortschritte, wozu nicht ganz unwesentlich auch der Zuzug der aus Frankreich vertriebenen protestantischen Hugenotten beitrug.

Sachsen, Böhmen, Schlesien, Köln, Hamburg, Augsburg wurden schnell wieder reich, und es war kein durch die Ausbeutung überseeischer Kolonien beflügelter Reichtum, sondern alles wurde "vor Ort" erarbeitet. Gewerbefleiß blühte, gefördert durch einen maßvollen, die finanziellen Experimente des Pariser Absolutismus sorgsam vermeidenden Merkantilismus der lokalen Fürsten bzw. Patrizier.

Sicher, die Zollbestimmungen der einzelnen Staaten gegeneinander waren scharf, wer im Reich umherreiste, mußte allzu oft seine Koffer öffnen und Inspektoren Einblick gewähren. Aber umhergereist wurde trotzdem viel, die Straßen waren europäische Spitze, und die Thurn- und Taxis’sche Post zeigte sich ohnehin wie eh und je auf der Höhe ihres Könnens. Buchstäblich jeder von ihr beförderte Brief kam beim Adressaten an, und kein Siegel war erbrochen, kein Zensor hatte seines Amtes gewaltet.

Es herrschte eine Briefkultur höchster Intensität und Akkuratesse und als Folge davon ein gegenseitiges Sich-Kennen und Miteinander-Diskutieren der geistigen Kräfte und Bestrebungen, wie es absolut einmalig ist in der deutschen Geschichte. Als heutiger, voll verkabelter und medial angeschlossener "Diskursteilnehmer" kann man nur vor Neid erblassen angesichts des damaligen Niveaus intellektueller Auseinandersetzungen und angesichts des leidenschaftlichen Interesses, das ein gebildetes Publikum, darunter viele Frauen, diesen Auseinandersetzungen entgegenbrachte.

Vielerorts erschienen länderübergreifende "Musenalmanache", in denen die Poeten ihre neuesten Schöpfungen abdrucken ließen. "Journale" schossen seit Beginn des Jahrhunderts aus dem Boden und reizten zur Diskussion, "Moralische Wochenblätter", Zeitschriften "Zur Belustigung des Verstandes und Witzes", Wielands "Teutscher Merkur", Boies "Deutsches Museum". Die "Öffentlichkeit", die dadurch entstand, gewann sehr wohl politischen Einfluß, sie prägte bald den Zeitgeist, dem sich kaum ein Landesherr und kaum eine Bürgerschaft entziehen konnten.

Die von Liberalisten und Sozialisten des 19. Jahrhunderts in die Welt gesetzte Mär, daß das Gros der deutschen Landesherren aus ignoranten Abzockern bestanden habe, die allesamt nur den großen Ludwig in Versailles nachäffen wollten, trifft in ihrer Plattheit nicht einmal auf den württembergischen Herzog Carl Eugen zu, der gern als "typisches" Beispiel herangezogen wird. Die meisten Fürsten respektive Fürstinnen ahmten nicht Ludwig XIV. nach, sondern den klassischen Perikles und seine Aspasia.

Weimars Carl August, Herzoginmutter Anna Amalia, Münsters Fürstin Gallitzin, Hessen-Darmstadts Landgräfin Henriette, Preußens Königin Sophie Charlotte, Dessaus Friedrich Franz – sie alle strebten mit Eifer danach, aus ihrem Land bzw. Ländchen ein zweites Athen zu machen, einen Musenhof und eine "Gelehrtenrepublik", wie sie Klopstock gefordert hatte, dem klassischen Kanon verpflichtet, wie er von Winckelmann, Lessing und Schiller aufgerichtet wurde. Man verstand das ausdrücklich als "echt vaterländisches Anliegen", welches der Mehrung und Ermächtigung und Sicherung des Reiches dienen sollte.

Das Aufkommen der absolutistischen Großmächte Preußen und Österreich, die Französische Revolution von 1789 und die anschließenden Aggressionen Napoleons haben diesem Alten Reich den Garaus gemacht. Doch das muß nicht unbedingt gegen dieses Reich sprechen, vielleicht im Gegenteil. Die Weltgeschichte ist nie und nimmer das Weltgericht.

Ob das Alte Reich, wäre es erhalten geblieben, die Herausforderungen des anbrechenden Industriezeitalters besser, humaner gelöst hätte als die Konkurrenten außerhalb und innerhalb seiner Grenzen – darüber darf durchaus diskutiert werden. Typische Repräsentanten des Alten Reiches wie die Staatsrechtler Justus Möser oder Adam Müller haben früh schon äußerst bedenkenswerte Vorschläge zur "vaterländischen Einhegung" (Müller) von modernem Kapitalismus gemacht. Keine dieser Quellen ist wirklich versiegt.

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