Gruppentherapie für die Besiegten

Die Sicht auf die unmittelbare Nachkriegszeit im frisch befreiten Deutschland ist bis heute durch zwei Lehrsätze verstellt: zum einen durch das liberale Dogma von der „Stunde null“, die mit dem Untergang des NS-Regimes eingetreten sei, und zum anderen durch den Gemeinplatz, daß die Chancen dieses Neubeginns nur unzureichend genutzt worden seien, da man, wenn nicht die NS-Größen, so doch die Handlanger und Wegbereiter des Dritten Reiches weitgehend in ihren Ämtern belassen habe. Aus diesem Grunde sei eine wirkliche Neuorientierung oder die „geistige Gründung“ der Bundesrepublik, erst in den sechziger Jahren durch die revoltierende studentische Jugend und ihre Vorbilder erfolgt, die eine tiefgreifende „Vergangenheitsbewältigung“ angemahnt hätten. Es ist das Verdienst von Caspar von Schrenck-Notzings „Charakterwäsche“, diese groben Vereinfachungen und Fehldeutungen nicht nur als solche benannt, sondern in ihrer historischen Genese als Ergebnisse der amerikanischen „re-education“-Politik aufgewiesen zu haben. Als sein Buch 1965 erstmals erschien und trotz einschlägiger Empfehlungen, es „totzuschweigen“ nach kürzester Zeit weit über hundert, meist positive Besprechungen – darunter viele in renommierten Medien – erfuhr, stellte es eine Pionierarbeit dar: Noch im Februar 1964 wurde seinem Verfasser von den Archivaren des World War II Centers, in dem sich die Akten der amerikanischen Militärregierung befinden, versichert, daß sie dort noch keinen deutschen Forscher zu Gesicht bekommen hätten; mittlerweile ist die immer wieder aufgelegte und zuletzt in erweiterter Form im Grazer Ares-Verlag vorgelegte Untersuchung das Standardwerk zu diesem Thema. Akribisch und doch mit der dem Autor eigenen Ironie spannt es den Bogen von den Wurzeln des amerikanischen „democracy“-Begriffs als eines „way of life“ über die skurrilen ökonomischen Heilslehren der krisengeschüttelten Zwischenkriegszeit und die verschiedenen Konzepte von Roosevelts „New Deal“, beleuchtet die Auseinandersetzungen um den Kriegseintritt Amerikas und zeichnet minutiös die verschiedenen Phasen der „re-education“-Politik nach, um schließlich am Beispiel des „Historikerstreits“ die Heraufkunft jenes moralisierenden, nicht auf Wahrheitsfindung, sondern auf Stigmatisierung des Gegners abzielenden Umgangs mit der Vergangenheit – oder einem eng begrenzten Ausschnitt derselben – zu demonstrieren, der historische Debatten stets aufs neue zu ideologischen Schlachtfeldern der Geschichtspolitik werden läßt. Wesentlich für die amerikanische Form der Demokratie ist nach Schrenck-Notzing das „frontier“-Bewußtsein, das auch zu einer Zeit noch fortbestand, als längst das letzte Stück „freien“ Landes verteilt war und sich während beider Weltkriege mit der Vorstellung eines globalen Kampfes um „Fortschritt“ und „Zivilisation“ sowie dem Gedanken der prinzipiellen Machbarkeit „richtiger“ humaner Lebensverhältnisse verbinden konnte. Ging die erste große Meinungsschlacht in Amerika zu Beginn des Zweiten Weltkriegs um die Frage des Kriegseintritts, so wurde, nach dem Sieg der Interventionisten, die zweite darum geführt, wie die USA das besiegte Deutschland zu behandeln hätten. Zwei Lager standen sich, grob vereinfacht, gegenüber: die radikale Position des „Antigermanismus“, der beinahe alle Übel der neueren Weltgeschichte den Deutschen anlastete und Deutschland daher – durch Deindustrialisierung und Agrarisierung, durch territoriale Aufteilung und womöglich sogar durch Massensterilisation und Zwangumsiedelungen – für immer ausschalten wollte, und die gemäßigte, namentlich von Emigranten und europäisch geprägten Intellektuellen vertretene Lehre von den „beiden Deutschland“, nach der einem offiziellen nazistisch-reaktionären Deutschland ein anderes, besseres (oder „geheimes“) gegenüberstehe, das von den Mächten des ersteren zu befreien sei und sich dann aus freien Stücken der friedlichen Weltgemeinschaft eingliedern werde. Zwar gingen die Meinungen auseinander, welches die treibenden Kräfte der deutschen Verschwörung gegen die übrige Welt seien – verdächtigt wurden vor allem die „Junker“ als Exponenten der traditionellen Ordnung, der Generalstab als Träger des „Militarismus“, die angeblich auf Weltherrschaft abzielende Schule der Geopolitiker und schließlich die deutschen Philosophen, die seit der Reformation und zugespitzt seit der „irrationalistischen“ Romantik die aufklärerisch-universalen Ideen des Westens bekämpft und einen mystisch-metaphysisch verbrämten Sonderweg verfochten hätten, doch wurde man sich schließlich einig, daß Deutschland nicht nur militärisch und ökonomisch, sondern auch geistig ab- und umzurüsten sei. Für dieses, durchaus als gewagt und neuartig empfundene Experiment war eine neue Verbindung von Psychoanalyse und Sozialwissenschaft notwendig, denn Freuds Lehre vom Unbewußten, das in Bewußtsein überführt werden muß, um ihm seinen unter der Oberfläche schwelenden, traumatisch wirkenden Charakter zu nehmen, war auf Individuen und nicht auf Gesellschaften bezogen. Eine Reihe von theoretisch waghalsigen Übertragungen war also vorzunehmen, um „Kollektivpersonen“ analog zu Individuen in gesunde und kranke zu unterteilen und ihnen die im Widerstreit befindlichen Persönlichkeitsschichten zuzumessen. Besonders konsequent wurde die Politisierung der Psychoanalyse von Wilhelm Reich betrieben (neben dessen naivem Schematismus Adornos Negative Dialektik tatsächlich so subtil erscheint, wie es dem feinsinnigen Image des feuilletonistischen Übervaters entspricht). Reich „ordnete die politischen Hauptströmungen den drei Schichten des menschlichen Charakters zu. Die oberste Schicht sei die Schicht der Kooperation, der Vernunft, der Rücksichtnahme; die unterste Schicht sei die der schöpferischen Triebe, denen alle geistigen und künstlerischen Leistungen entsprängen; die unterste Schicht könne sich jedoch nicht mit der obersten durchdringen, da sie durch eine mittlere Schicht abgeleitet werde, in der alle Egoismen, Sadismen, Selbstsucht und Brutalität zu Hause seien. Der obersten Schicht sei der Liberalismus – der folglich zu einer elitären Angelegenheit weniger aufgeklärter Geister, nicht aber des gesamten Volkes mutiert ist – zuzuordnen, der untersten die revolutionäre Linke, der mittleren der Faschismus.“ Letzterer sei folglich nicht in erster Linie eine politische Idee, sondern Ausdruck der durchschnittlichen menschlichen Befindlichkeit oder – griffig formuliert – des „autoritären Charakters“, der in seiner „sado-masochistischen“ Ausprägung letztlich eine sexuelle Perversion darstelle. Schuld daran sei die auf Triebunterdrückung beruhende patriarchale Familie, die durch eine „sexuelle Revolution“ aufgesprengt und beseitigt werden müsse. Bevor sich die Achtundsechziger anschicken konnten, diese Lehren – oder das, was an Utopien immer am praktikabelsten ist: ihre destruktive Seite – in die Tat umzusetzen, gab es jedoch gewisse konservative Hemmnisse, die mit den unterschiedlichen Zielsetzungen der Siegermächte in ihren Besatzungszonen bzw. dem Zerbrechen der „antifaschistischen“ Kriegskoalition und dem Heraufkommen des westlichen Antitotalitarismus der McCarthy-Ära zusammenhingen. Ging es den Sowjets darum, möglichst umfängliche Reparationsleistungen aus ihrer Zone herauszupressen (was mit einer Deindustrialisierungspolitik unverträglich war), so entwickelten die westlichen Besatzungsmächte ein zunehmendes Interesse daran, daß Deutschland, anstatt am Tropf des amerikanischen Steuerzahlers zu hängen, möglichst bald wieder auf eigenen Beinen stehen könne, nicht zuletzt um ein „Bollwerk“ gegen den seine gewachsenen Möglichkeiten ungeniert ausnutzenden sowjetischen Imperialismus zu bilden – und doch sollten diese Beine nicht so lang sein, daß die Deutschen bald wieder allzu große Schritte machen könnten. Die „re-education“ konzentrierte sich auf die politischen Institutionen sowie auf die medialen „Lizenzträger“ und unterließ es entgegen der ursprünglichen Zielsetzung, sämtliche Bereiche im Sinne einer neuen „antifaschistisch-demokratischen“ Geisteshaltung zu durchdringen. Politische Macht und öffentliche Meinung blieben in den fünfziger Jahren noch verhältnismäßig getrennt und einander durchaus feindlich gesonnen, woraus sich das aus heutiger Sicht erstaunliche Spektrum an Meinungsvielfalt in jener Zeit erklärt. Mit der Spiegel-Affäre trug die „Meinungsseite“ erstmals einen Sieg über die „Macht“ davon, die in der Folgezeit immer weiter zurückwich, bis sie, nach dem Marsch der Meinungsträger durch die Instanzen, in den Dienst der „emanzipatorischen“ Sache gestellt werden konnte. Allein, der dadurch entstandene Macht-und-Medien-Block zeigt heute in seinem Mauerwerk manche Risse, in denen zarte Pflänzlein keimen. Foto: Frankfurter Frauen nehmen 1947 an der Veranstaltung „Deutschlands neue Erziehung“ der US-Besatzungsmacht teil: Deutschland nicht nur militärisch, sondern auch geistig ab- und umrüsten Caspar von Schrenck-Notzing: Charakterwäsche – Die Re-education der Deutschen und ihre bleibenden Auswirkungen. Erweiterte Neuausgabe. Ares Verlag, Graz 2004, 350 Seiten, gebunden, 19,90 Euro

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