Erste Liga

Schwaben und Schwermetall, geht das zusammen? Die Antwort heißt Brainstorm und ist Power Metal erster Güte mit gewaltigen Gitarrenriffs, einem druckvollen, treibenden Schlagzeug und vor allem großartigen Gesangsarrangements, wie sie in deutschen Landen ihresgleichen suchen. Ihr kürzlich erschienenes sechstes Album, „Liquid Monster“ (Metal Blade/SPV), gehört zum besten, was man derzeit auf dem Sektor Härte & Harmonie zu hören bekommen kann. Von der Musikzeitschrift Rock Hard zum Album des Monats April gekürt, läßt der Silberling gleich beim ersten Durchlauf im CD-Spieler aufhorchen. Das wuchtig-schleppende „Worlds Are Comin‘ Through“ bohrt sich nach nur wenigen Sekunden derart durch die Trommelfelle, daß einem Hören und Sehen vergeht. In diesem Stil – hartes, rhythmisches Riffing und melodische Gesangslinien verbinden sich zu mitreißenden Hooklines – geht es weiter, keines der folgenden zehn Titel unterschreitet das zu Anfang gesetzte Niveau. Bereits 1989 von den beiden Gitarristen Torsten „Todde“ Ihlenfeld (33) und Milan „Mille“ Loncaric (34) sowie dem Schlagzeuger Dieter Bernert (36) ins Leben gerufen, absolvierte die Band in wechselnden Besetzungen zunächst etliche Lehr- und Wanderjahre, inklusive einiger Demo-Aufnahmen. Die ersten beiden regulären Alben, „Hungry“ (1997) und „Unholy“ (1998), ließen zwar Potential erkennen, waren aber im Grunde doch kaum mehr als ein Versprechen. Der nächste Schritt auf dem Weg nach oben folgte im Oktober 1999 mit dem Einstieg des Sängers Andy B. Franck (34), von dem hier noch die Rede sein wird. Der Aufstieg in die erste Liga der deutschen Power Metaller gelang Brainstorm schließlich 2001 mit ihrem vierten Studioalbum „Metus Mortis“. Zwei Jahre später erschien „Soul Temptation“, mit der das schwäbische Quintett mühelos die Klasse halten konnte. Und mit ihrer aktuellen Veröffentlichung haben sie sich dieses Jahr nun auch verdientermaßen einen Platz in der internationalen Champions League erspielt. Maßgeblichen Anteil an dieser Entwicklung der Band hat Leadsänger Andy B. Franck, ein gelernter Versicherungskaufmann, der auch schon bei der von ihm 1998 gegründeten Power-Metal-Gruppe Symphorce am Mikrofon steht. Bis heute „bedient“ er beide Formationen virtuos und reagiert inzwischen nur noch genervt, wenn er in Interviews immer wieder danach gefragt wird, für welche Band er sich im Falle eines Falles entscheiden würde: „Symphorce ist mein Baby und Brainstrom meine Familie.“ Frontmann Franck gilt mit Fug und Recht als Ausnahmetalent. Daß Sänger von Metalbands praktisch alles können, schreien, grölen, röhren, kreischen, stöhnen, ächzen, grunzen, nur eben nicht singen – dieses ebenso verbreitete wie zuweilen zutreffende (Vor-)Urteil widerlegt Franck nachdrücklich. Man höre nur „All Those Words“, das höllisch eingängige, zweifellos „kommerziellste“ Stück der CD, das balladeske „Heavenly“ oder das rifflastige „Painside“. Metaller, die bei diesen Gesangsparts nicht ins Schwärmen geraten, leiden vermutlich unter akustischer Agnosie. Von dieser Krankheit – der sogenannten Seelentaubheit – Betroffene hören zwar, können die ans Gehirn übermittelten Eindrücke aber nicht verarbeiten. Als Ergänzung zum Album empfiehlt sich übrigens unbedingt die schon vorab ausgekoppelte Maxi-Single „All Those Words“. Neben dem Titelsong enthält sie drei nicht auf „Liquid Monster“ vorhandene Stücke: die Ballade „Before The Dawn“, eine Coverversion als Reverenz an Judas Priest, sowie die beiden massiven Doublebass-Brecher „Shades And Shadows“ und „(E.O.C.) Cross God’s Face“. Wer da nicht zugreift, ist wirklich selber schuld.

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