Ein Bild sagt mehr als tausend Formeln

E= mc2, wirres weißes Haar, ein Denker, der auf dem Lichtstrahl reitet, Pazifist, Nonkonformist, Jude und Vater der Atombombe. All das war Einstein. Und noch viel mehr. Er war der Mann hinter handgeschriebenen Briefen an Freunde, Kollegen, Präsidenten und Geliebte. Privat und persönlich war er schlicht Mensch. Und weil sich Wissenschaft in Forme(l)n pressen läßt, nicht aber Persönlichkeit, versucht ein neuer Band das Genie als Mensch durch Fotos und Originaldokumente einzufangen. Daß Einstein ein Genie ist, bestätigt einem rechtzeitig zum Einsteinjahr 2005 eine Flut an Neuerscheinungen: „Einstein in Berlin“ von Hubert Goenner, „Einstein für die Westentasche“ von Ernst Peter Fischer, „Auf den Schultern von Riesen und Zwergen – Einsteins unvollendete Revolution“ von Jürgen Renn. Es gibt Romanbiographien (David Chotjewitz), die Erklärung seiner Theorien (Stephen Hawking) und Aufschlußreiches über Einstein und die Frauen (Highfield/Carter). Welches Buch also könnte Einstein-Interessierte da noch vom Hocker hauen? Eines, das nicht viele Worte macht, sondern das Leben Einsteins in Bildern erzählt: „Albert Einstein. Privat und ganz persönlich“. Ursprünglich 1998 für eine Wanderausstellung des Albert-Einstein-Archivs zusammengestellt, bietet der Band Zugang zu Dokumenten aus dem Bestand der Jüdischen Nations- und Universitätsbibliothek der Hebräischen Universität in Tel Aviv. Handgeschriebene Briefe, Postkarten und Notizen – ebenso vergilbt wie altehrwürdig – wechseln sich mit Schwarzweiß-Fotos, Landkarten, Geburts-, Reife- und Einbürgerungsurkunden ab. Die Präsentation des biographischen Materials lebt in erster Linie von ihrem visuellen Charakter und kommt mit knappen, verständlichen Erklärungen aus. Gelegentlich eingestreute Zitate und Aussprüche Einsteins runden die Darstellung auf effektvolle Weise ab. Systematisch, kunstvoll und gefällig dokumentiert das heterogene Archivmaterial Bereiche aus seinem Privatleben ebenso wie sein wissenschaftliches Arbeiten. Der Autor hat dafür sechs Schwerpunkte gewählt: Einstein als Privatperson, seine weltumwälzenden Erkenntnisse, als Pazifist, als Jude, Einstein in seinen Mußestunden, Korrespondenz mit Kindern weltweit. Durch diese willkürliche Brechung durchschreitet der Leser wie der Besucher einer Einstein-Ausstellung die thematisch gebündelten Räume seines Lebens. Zu sehen ist Einstein als Student mit dichten, schwarzen Locken und im feschen Dreiteiler, an der Seite seiner Geliebten aus Studententagen und späteren Frau Mileva, im Arbeitszimmer neben seinem Fachkollegen Niels Bohr, aber auch beim Segeln. Durch den Zugang zum israelischen Archiv sind auch viele eher unbekannte Bilder zu sehen, die Einsteins Engagement in der zionistischen Bewegung im Palästina der zwanziger Jahre zeigen. Einsteins Kindheit, Heimatort, Schulzeit und Familienleben zeigen die frühesten erhaltenen Aufnahmen von Einstein – und wie ein Genie im Alter von drei Jahren aussieht. So anständig der kleine Einstein auf einem Klassenfoto auch posiert, beschreibt er Jahre später in einem Brief, wie wenig er von den geistlosen, mechanisierten Lehrmethoden und dem militärischen Drill in Wirklichkeit hielt. Daß Einstein schon früh ein lebhaftes Interesse an Mathematik und Naturwissenschaften entwickelte, belegt ein Reifezeugnis, das damit nicht nur über Einstein Auskunft gibt, sondern auch über die Zeit, in der er lebte. Der Band zeigt auch jenes wohl populärste Foto von Einstein, auf dem er Journalisten infantil die Zunge herausstreckt. Ohne ihn jedoch auf diese stereotypisierte Darstellung zu reduzieren, machte es aus dem Physiker und Nobelpreisträger eine Pop-Ikone einer anderen – antiautoritär orientierten – Generation. Diese immer noch aktuelle Rolle dürfte auch einer der Faktoren sein, die den Rummel um einen Wissenschaftler im Einsteinjahr begründen. Doch bekommt man auch einen lachenden Einstein zu sehen und einen, der nachdenklich mit vom Wind aufgewehtem Mantel durch die herbstlichen Alleen der Universität Princeton zu seinem Büro trottet. Diese grobkörnigen Schwarzweiß-Aufnahmen zeigen einen gealterten und ruhiger gewordenen Mann, dem mit der Heraufkunft des Atomzeitalters dämmert, welche zerstörerische Macht die Naturwissenschaft haben kann. Gleichzeitig bewahrte sich Einstein genug Humor, die Rolle des Wissenschaftlers ironisch sehen zu können. In einem Brief an einen Freund, mit dem er musizierte, schrieb er: „Mir geht es gut; ich bin ehrwürdiger eidgenössischer Tintenscheißer mit ordentlichem Gehalt. Daneben reite ich auf meinem alten mathematisch-physikalischen Steckenpferd und fege auf der Geige.“ Für die Biographie einer Persönlichkeit, mit deren Namen man eher Physik als Ästhetik assoziiert, ist dieses Buch unerwartet geschmackvoll ausgefallen. „Albert Einstein. Privat und ganz persönlich“ ist eine Wissenschaftler-Biographie für die Sinne und eher ein ästhetischer denn ein intellektueller „Ausflug“. Aufschlüsse oder Erklärungen seiner immer wieder als „weltbewegend“ und „revolutionär“ etikettierten Ideen, werden nicht vermittelt. Aber wer sollte diese auch verstehen? Wer sich dafür interessiert, wie Einstein als kleiner Junge, als schmucker Student, etablierter Professor aussah und in welch schwungvoller Handschrift er seine Briefe und Manuskripte verfaßte, für den ist dieser Band genau das Richtige. Fotos: Einstein während seiner Zeit in Princeton, um 1950: Zur Pop-Ikone einer anderen – antiautoritär orientierten – Generation geworden, Einstein in Variationen: Nobelpreis-Urkunde für Physik 1921, mit Fritz Haber 1914 in Berlin, mit Paul Ehrenfest, Paul Langevin, Heike Kamerlingh-Onnes und Pierre Weiss 1920 in Leiden, 1931 beim Musizieren mit Violine, mit dem späteren israelischen Staatspräsidenten Chaim Weizmann 1921 in New York Ze’ev Rosenkranz: Albert Einstein. Privat und ganz persönlich. Archiv Albert Einstein, Jüdische National- und Universitätsbibliothek, Historisches Museum Bern (Hrsg.). Verlag Neue Zürcher Zeitung, Zürich 2004, 231 Seiten, geb. Großformat, Abb., 38 Euro

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