Klaus-Rüdiger Mai Die Zukunft gestalten wir!

 

Dinosaurier im Garten Eden

Knapp die Hälfte der Amerikaner glaubt Umfragen zufolge, daß Gott die Welt in den letzten zehntausend Jahren erschaffen habe – eine Vorstellung, mit der ihr Präsident zumindest sympathisiert. „The jury is still out on evolution“, behauptet George W. Bush, das endgültige Urteil in dieser Frage sei noch nicht gesprochen. Wem als altem Europäer ob solcher Statistiken der Kinnladen herunterklappt, der kann sich nun beim nächsten USA-Urlaub davon überzeugen, daß das kreationistische Weltbild, dem zufolge die Entstehung der Erde im 1. Buch Mose und nicht etwa bei Darwin und Kollegen nachzulesen sei, wissenschaftlich Hand und Fuß hat. Oder jedenfalls Rückenwirbel und Schädel: Die stammen, immerhin darüber sind sich Bibeltreue und Wissenschaftsgläubige einig, von Dinosauriern und sind seit April im ersten „Museum of Earth History“ bei Eureka Springs im US-Bundesstaat Arkansas zu besichtigen. Das Museum steht auf dem Gelände eines evangelikalen Disneyland inmitten des Ozark-Gebirges, wo Jesus in einem riesigen Amphitheater mit 4.500 Sitzplätzen den ganzen Sommer lang jeden Abend von neuem ans Kreuz geschlagen wird. Für 49 Dollar Eintritt werden den Besuchern – laut eigenen Angaben über sieben Millionen, seit der Bibelpark 1968 seine Pforten öffnete – neben dem täglichen Passionsspiel auch andere Attraktionen geboten: ein Bibelmuseum; ein psalmverziertes Stück Berliner Mauer; eine zweistündige Tram-Rundfahrt durch das „lebensgroß reproduzierte Heilige Land“ mit „38 authentischen Exponaten“ (darunter Zwischenstopps an einer Krippe und beim Letzten Abendmahl sowie ein Spaziergang am See Genezareth mit Petrus); die weit mehr als nur lebensgroße, nämlich 22 Meter hohe „Christ of the Ozarks“-Statue. Das Restaurant mit Buntglasfenstern lädt zur Todsünde der Völlerei ein; im Souvenirladen können kesse T-Shirts mit Sprüchen wie „Satan, You’re Fired“, „C.I.A. – Christ In Action“, einem Gebet für die Truppen im Irak oder auch dem Konterfei George W. Bushs erworben werden. Bereits in den 1950er Jahren ließen Gegner der Evolutionslehre Propagandafilme drehen – heute als Kultklassiker in gut sortierten Videotheken erhältlich -, in denen sturköpfige Darwinisten ihr Heil schließlich im Kreationismus finden. Einen ähnlichen Anspruch verfolgt nun die Creation Truth Foundation mit dem von ihr finanzierten Museum, das „die Welten von Geschichte, Wissenschaft und Glauben vereinigen“ soll. Alle Exponate sind zweifach datiert, einmal bibel-, einmal naturkundlich. Mit Hilfe gründlicher Bibelexegese wird Wissensdurstigen auf Schautafeln und über Kopfhörer dargelegt, daß die Dinosaurier von Anfang an dabei waren: Wie alle anderen Landtiere wurden sie am sechsten Tag erschaffen, um dann friedlich mit Adam und Eva im Paradies zu leben. Sie starben auch keineswegs vor 65 Millionen Jahren aus, sondern weilten noch zu Hiobs Zeiten (1700 v. Chr., „300 Jahre nach der Sintflut“) unter uns, denn selbstverständlich habe Noah auf der Arche auch ein Dinosaurierpärchen gerettet. „Im Erwachsenenalter waren Dinosaurier ziemlich groß“, heißt es dazu und mit bestechender Logik: „Es wäre viel einfacher, junge Dinosaurier auf der Arche unterzubringen.“ Tatsächlich wimmele es im Alten Testament nur so von Dinosauriern. Bloß sei der hebräische Begriff „tanniym“, wörtlich „große Echse“, irrtümlich als „Drachen“ oder „Schlange“ wiedergegeben worden, da das Wort „Dinosaurier“ erst 1841, lange nach den ersten Bibelübersetzungen, von dem britischen Anatomen Richard Owen geprägt wurde. Der Behemot etwa im Buch Hiob entspreche „eindeutig der Beschreibung eines Brontosaurus“: „Er frißt Gras wie ein Rind. Siehe, welch eine Kraft ist in seinen Lenden und welch eine Stärke in den Muskeln seines Bauchs! Sein Schwanz streckt sich wie eine Zeder; die Sehnen seiner Schenkel sind dicht geflochten. Seine Knochen sind wie eherne Röhren, seine Gebeine wie eiserne Stäbe.“ Auch die „großen Walfische“, die Gott am fünften Schöpfungstag schuf (1. Mose, 21), seien in Wahrheit Dinosaurier gewesen. So wacker sich aber die beiden Jungdinos nach ihrem Abenteuer auf hoher See um die Fortpflanzung der Art bemühten, so schwer taten sie sich, auf dem Festland wieder Fuß zu fassen. Die Auswirkungen der Flut auf Klima und Lebensraum waren „für alle Tiere ungeheuerlich“, zumal Gott schon 110 Jahre später im Anschluß an den Turmbau zu Babel bekanntlich die Menschen in alle Länder zerstreute. Eine ähnlich traumatische Veränderung der Lebensbedingungen sei Amerika im 20. Jahrhundert widerfahren, genauer gesagt 1962/63. Seither, behauptet die Creation Truth Foundation, habe sich nicht nur die amerikanische Kultur von ihren „hebräisch-christlichen Ursprüngen“, sondern auch die Kirche von der wörtlichen Wahrheit der Schöpfungsgeschichte entfremdet. Die naturalistische Sichtweise der Weltgeschichte, so Thomas Sharp, Gründer und Präsident der Stiftung, zerstöre „den Glauben von Millionen junger Christen“. Stets bestrebt, ihren Todfeind, „den Islam“ (über den das Urteil selbstredend längst gefällt ist), als Kultur finsterster Höhlenmenschen darzustellen, an der die Neuzeit spurlos vorbeigegangen ist, scheint die selbsternannte one nation under God zunehmend entschlossen, sich ihrerseits auf dasselbe zivilisatorische Niveau zu begeben.

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