Die letzte Bastion der Gewißheit

Je ne suis pas national, je suis nationaliste.“ – Auf Ernst Jünger, heimkehrender Soldat aus dem Ersten Weltkrieg und auf der Suche nach geistiger Orientierung, wirkte dieser Satz elektrisierend. Noch 70 Jahre später bezeichnete er ihn als Initialzündung für seine nationalrevolutionäre Publizistik während der Weimarer Republik. Autor dieses wegweisenden Satzes war der Franzose Maurice Barrès. Schon Jahre zuvor, in früher Jugend, hatte Jünger dessen Buch „Du Sang, de la Volupté et de la Mort“ (Vom Blut, von der Wollust und vom Tod, 1894) in deutscher Übersetzung gelesen. Spuren daraus lassen sich in Jüngers gesamtem literarischen Werk wiederfinden. Maurice Barrès wurde 1862 in Elsaß-Lothringen geboren. Schon als 19jähriger begann er, parallel zum Jurastudium, seine publizistische Tätigkeit. In Paris fand er einflußreiche Gönner, darunter Victor Hugo, Anatole France oder Hippolyte Taine. In seinen frühen Werken kritisierte Barrès den Intellektualismus und die „morbide Psychologie“ der zeitgenössischen Literatur. Dem stellte er Kant, Goethe und Hegel als Vorbilder entgegen. Nach dem Zusammenbruch religiöser Ideologien und Gewißheiten erschien ihm das eigene Ich als letzte Bastion der Gewißheit, als das einzige, an dem nicht zu zweifeln war. Der daraus entwickelte „Le Culte du Moi“ – so der Obertitel seiner frühen Romantrilogie – beinhaltet nicht nur die psychologische Sezierung des Ichs, sondern versucht dessen radikale Einsamkeit zu überwinden: durch seine Aufhebung in der Nation, die im Gegensatz zum Einzel-Ich eine beständige Konstante im Fluß des Werdens und Vergehens darstelle. Dies wiederum impliziert einen Kult der nationalen Landschaft, in Barrès eigenem Fall Lothringens. In dessen Bergen, Wäldern und Dörfern fand er die eigene Seele gespiegelt, mit den dort gestorbenen Vorfahren fühlte er sich verbunden. Der „Culte du Moi“ verbindet sich mit einem „Culte de la Terre et des Morts“. Es war dieser Boden- und Ahnenkult, den Barrès fortan als seine „Frömmigkeit“ bezeichnen sollte. Daß Elsaß-Lothringen im Krieg 1870/71 von Deutschland erobert wurde, ließ ihn zum erbitterten Deutschenhasser und Revanchisten werden, eine Position, die er erst nach dem Ersten Weltkrieg, nach der Niederlage des Feindes, mildern sollte. So in dem konzilianten Spätessay „Le Génie du Rhin“ (1921), den Jünger gleich nach seinem Erscheinen las. Barrès‘ Krisendiagnostik traf den Zeitgeist, sprach vor allem die Jugend an, so daß er den Titel „Prince de la Jeunesse“ erhielt. Aber die zunehmend politische Radikalisierung des „Culte du moi“ ließ bald viele Anhänger zurückschrecken. So forderte Barrès, daß die Selbstfindung auch den Ausschluß von fremden Einflüssen beinhalte. Das Ich, untrennbar mit der Nation verbunden, solle das Nicht-Ich ausschließen. Das meinte alles Nichtfranzösische, von ihm als „barbarisch“ Bezeichnete. Hier nahm seine Position rassistische und antisemitische Züge an, ließ seinen Nationalismus zum Chauvinismus mutieren, der sich vor allem in Barrès‘ Publikationen zur Dreyfuß-Affäre mit aller Gehässigkeit austobte. Einige dieser Essays brachte er 1902 in dem Band „Scènes et doctrines du nationalisme“ zur Neuauflage. Anregung für ekstatische Schlachtenbilder Dabei war Barrès war keineswegs nur ein Mann der Feder. So trat er Anfang der Achtziger in die Partei des revanchistischen Generals Boulanger ein und wurde Abgeordneter in der Deputiertenkammer von Nancy. Nach dem Zweiten Weltkrieg verglich Ernst Jünger – wie schon manche vor ihm – General Boulanger mit Hitler und kam nach einem Gespräch mit Barrès‘ Sohn Philippe zu dem Schluß, daß Barrès sich seines Engagements für Boulanger „später geniert haben“ müßte (Kirchhorster Blätter, 7. Mai 1945). 1894 schrieb Barrès „Du Sang, de la Volupté et de la Mort“: Prosaskizzen und Reiseberichte über Spanien, Italien und nordische Länder, durchzogen von Reflexionen über Einsamkeit, Ekstase, Geschlecht, Kunst und Tod. Die räumliche Enge des Barrès’schen Nationalismus fand hier ihre Sprengung. Keine Landschaft wird kultisch privilegiert, sondern jede symbolisiert unterschiedliche Leidenschaften und Befindlichkeiten. Hier erhielt Jünger inhaltliche wie sprachliche Anregung für die ekstatischen Schlachtenbilder seiner frühen Kriegsbücher. Aus diesem Werk übernahm er den Begriff des Blutes, der nicht biologistisch, sondern als Symbol für Raserei und Leidenschaft zu verstehen ist. Aber auch Barrès‘ farbige Landschaftsschilderungen finden noch in Texten wie „Aus der goldenen Muschel“ (1944) ihren Nachhall. Maurice Barrès starb 1923. Wenig ist von ihm ins Deutsche übersetzt worden, zuletzt der Essay „Allerseelen in Lothringen“ (1938). Nach dem Zweiten Weltkrieg gab es weder Neuübersetzungen noch einen Nachdruck der älteren. Schließlich galt und gilt er als einer der intellektuellen Väter des Faschismus. Nachdem er 1906 in die Académie Française aufgenommen wurde, hat seine Rehabilitierung als Romanautor, von Louis Aragon schon am Ende des Zweiten Weltkrieges gefordert, auch in seinem Heimatland erst seit kurzem begonnen. Jünger durchschaute Barrès‘ Nationalismus als überholt Jüngers Begeisterung für den französischen Nationalisten war nicht von langer Dauer, ab Mitte der Zwanziger verlagerten sich die literarischen Vorlieben. Direkte Erwähnung in Jüngers früher Publizistik erfährt Barrès, der sie maßgeblich inspirierte, nur einmal. In „Vom absolut Kühnen“ (1926) gesteht Jünger, ihm sei das „Frankreich eines Maurice Barrès lieber als das eines Barbusse“, um sich gegen den Pazifismus des letzteren abzugrenzen. Spätere Erwähnungen des einstigen Vorbildes haben rückblickenden Charakter. Keine neue Inspiration geht mehr von ihm aus. Der alte Jünger verglich sein Gefühl der Niederlage am Ende des Ersten Weltkrieges mit der Verzweiflung junger Franzosen nach 1871 (Siebzig verweht IV, 23. Oktober 1988) und gestand Barrès wiederholt starken Einfluß auf die Bildung der eigenen Person zu – eine Prägung, von der er sich zum Teil schon früh distanzierte. 1945 notierte Jünger, daß er und seine Generation „in vielem zu spät kamen, so auch darin, daß der Weg, den Barrès noch gehen konnte, für uns nicht mehr gangbar war“. Seit Beginn der dreißiger Jahre hatte Jünger den Barrès’schen Nationalismus als überholtes Konstrukt des 19. Jahrhunderts durchschaut. Diese Erkenntnis bewahrte ihn davor, einem chauvinistischen Politiker à la Boulanger, nämlich Hitler, auf den Leim zu gehen. In Jüngers Wilflinger Bibliothek fanden sich zwei Werke des Franzosen: „Amori et Dolori Sacrum. La mort de Venise“ und die vierzehnbändigen „Mes Cahiers“. Diese „Hefte“ werden in einer Notiz an Alfred Andersch erwähnt: „Sie rechnen mich nicht den Konservativ-Nationalen, sondern den Nationalisten zu. Rückblickend stimme ich dem zu. Ich darf selbst sagen, daß ich das Wort erfunden habe; neulich bei der Lektüre seiner ‚Cahiers‘ entdeckte ich eine merkwürdige Parallele zu Maurice Barrès. Er sagt dort: ‚… je suis né nationaliste. Je ne sais pas si j’ai eu la bonne fortune d’inventer le mot, peut-être en ai-je donné le premier définition.'“ (Siebzig verweht II, 7. Juni 1977) Solche gelegentlichen Lektüren können aber nicht darüber hinwegtäuschen, daß die meisten der 14 Bände von „Mes Cahiers“ von Jünger kaum benutzt, manche nicht einmal aufgeschnitten wurden. Sein Ausspruch von 1971 – „auch Barrès hatte ich hinter mir“ – sollte bis zum Tod unrevidiert bleiben. Maurice Barrès (1862-1923): Von dem französischen Intellektuellen übernahm Ernst Jünger den Begriff des Blutes Zeit seines Lebens war der Schriftsteller Ernst Jünger (1895-1998) ein großer Leser. Mehr noch: Lektüre stellte einen Teil seiner Existenz dar. Spuren dieses Lesens sein Werk – von den „Stahlgewittern“ bis zu „Siebzig verweht V“. Um Jünger zu verstehen, muß man diesen Spuren folgen, leiten sie doch zu Bedeutungsräumen, die hinter dem Text verborgen liegen. Jünger lesen heißt also „Spuren-Lesen“. Diese JF-Serie versucht, einige Fährten aufzunehmen und ansatzweise zu entziffern. Und sie will natürlich auch zur Lektüre von Jüngers Lektüren anregen. Harald Harzheim , Schriftsteller, Dramaturg und Filmhistoriker, lebt in Berlin. Derzeitig schreibt er an einer Abhandlung über Ernst Jüngers „Dämonologie des Films“. Im Rahmen dieser Serie erschienen bisher Beiträge von Alexander Pschera über Hermann Löns (JF 05/05), Léon Bloy (JF 09/05), Franz Kafka (JF 14/05) und Aldous Huxley (JF 18/05).

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