Langen Müller Josef Kraus Der deutsche Untertan

 

Der Erfinder der „verspäteten Nation“

Als 1913 das erste Buch des Heidelberger Studenten Helmuth Plessner erschien, schrieb ein Rezensent, daß der begriffsdichterische Autor sich auch deswegen in den luftigen Höhen der Abstraktion wohlfühle, weil er nur sein eigenes Denken wahrnehme. So übergehe er die Resultate von Vorläufern, ignoriere die einschlägige „fachmännischer Literatur“ seiner Zeitgenossen. Ein so krasser Solipsismus ist dem 1920 in Köln habilitierten Plessner nie wieder nachgesagt worden, doch wirkt das stattliche Gesamtwerk des 1985 verstorbenen Denkers eigentümlich verkapselt, schwer zugänglich. Kein Wunder, daß Plessners Name zwar stets fällt, wenn von deutschen Pionieren der „Philosophischen Anthropologie“ die Rede ist, er aber ebenso reflexhaft hinter den beiden Hauptkonkurrenten auf diesem Feld, Max Scheler und Arnold Gehlen, zurücktritt. Eine Biographie Plessners scheint also überfällig und – zumal mit sechshundert Seiten – bestens geeignet, um den Philosophen endlich heller ins Licht zu rücken. Der Umweg über die Lebensgeschichte könnte auch manchen Leser dazu verleiten, einmal einen Blick in die vor kurzem in zehn Suhrkamp-Taschenbuchbänden erschienene Werkausgabe zu riskieren. Zumindest im Idealfall – denn ob Christoph Dejungs Plessner-Biographie so animierend wirkt, muß bezweifelt werden. Die Reaktion der Fachkritik fiel mit guten Gründen wenig enthusiastisch aus. Den Ton gibt Matthias Schöning im Philosophischen Literaturanzeiger (5/2004) vor: Dejung springe in der Chronologie des Gesamtwerkes vor und zurück, widme kleineren Texte Plessners umfangreiche Betrachtungen, während Hauptschriften stiefmütterlich behandelt würden. Unvermittelt streue der Biograph des Jahrgangs 1943, der noch bei Plessner in dessen Zürcher Zeit (1966-1970) studierte, „Geschmackurteile“ ein, messe seinen Helden und dessen Lebenskontext am „dezidierten Gegenwartsstandpunkt“ und lasse die Spekulation ins Kraut schießen, wo ihm Quellen fehlten. Folglich stehe der Lektüreaufwand zu den Details, um die Dejung die Plessner-Forschung bereichere, in keinem Verhältnis. Mit anderen Worten: Auf den Erfolg der Philosophen-Biographien Rüdiger Safranskis dürfte Dejung vergeblich warten. Dabei hat Schöning noch nicht einmal herausgestrichen, was das eigentliche Ärgernis dieser Arbeit ist: die Hilflosigkeit in der Beurteilung zeithistorisch-politischer Zusammenhänge, in denen Plessners Werk entstand. „Zusammenhänge“ dieser Art gab es in Plessners Leben zuhauf. Der Sohn aus großbürgerlichem Hause hat sich 1918 in Erlangen im Soldatenrat und im Umfeld der Münchner Räterepublik umgetan, bezog als Kölner Privatdozent publizistisch linksliberale Positionen, schrieb sozialphilosophische Bücher über die „Grenzen der Gemeinschaft“ und „Macht und menschliche Natur“, in denen sich gedanklichen Übereinstimmungen mit der politischen Anthropologie Carl Schmitts nachweisen lassen. Gleichwohl brachte der Göttinger Doktorvater nach 1945 seinen Schüler Christian Graf Krockow gegen die auf ihren „Dezisionismus“ reduzierten Carl Schmitt und Ernst Jünger in Stellung. Außerhalb der philosophischen Fachwelt ist Plessner, der 1952 das Fach wechselte und einen Ruf auf einen Göttinger Lehrstuhl für Soziologie annahm, nicht zufällig als Verfasser eines Buches bekannt, dessen Titel zum Schlagwort und zeitweise zum geschichts- und bewältigungspolitischen Universalschlüssel wurde. Gemeint ist „Die verspätete Nation“, seit den fünfziger Jahren immer wieder aufgelegt, aber bereits im holländischen Exil geschrieben und 1935 unter dem weniger zugkräftigen Titel „Das Schicksal des deutschen Geistes im Ausgang der bürgerlichen Epoche“ publiziert. Ähnlich wie schon der Rezensent des Erstlings von 1913 nahm ein prominenter Kritiker dieses Großessays, Herbert Marcuse, Plessners Grundschwäche ins Visier: den Hang zu abstrakt-spröder Konstruktion, den Mangel an historischer Konkretion. Plessners These, die politisch-ökonomisch gegenüber dem Westen zurückgebliebenen Deutschen hätten fester staatlicher Tradition entbehrt, einen „Sonderweg“ beschritten und ihr Heil in „Ersatzautoritäten“, mit innerer Folgerichtigkeit dann 1933 im NS-Totalitarismus gesucht, nannte Marcuse eine ahistorische, „geistesgeschichtliche Phrase“. Stoff genug also für die intellektuelle Biographie eines politisch zwar höchst engagierten, aber der politischen Welt trotzdem eigentümlich fern stehenden Philosophen, wie sie Kersten Schüßlers Berliner Dissertation (Philo Verlag, 2000, JF 12/01) präsentierte. Wie hilflos demgegenüber Dejung von diesem Stoff überwältigt wird, signalisiert nicht nur der penetrant aktualisierende Moralismus, sondern sein Bestreben, die Widersprüchlichkeit dieses politischen Philosophierens in einem faden „Humanismus“ zu neutralisieren. Foto: Helmuth Plessner (1892-1985): Gesamtwerk schwer zugänglich Christoph Dejung: Helmuth Plessner. Ein deutscher Philosoph zwischen Kaiserreich und Bonner Republik, Rüffer&Rub Sachbuchverlag, Zürich 2003, 644 Seiten, Abbildungen, 59 Euro

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