Ich bin geblieben

Auch an dieser Stelle muß wieder betont werden, daß ein Überleben für uns ohne die vielen kleinen, schlichten Gesten, manchmal auch sehr tatkräftige Hilfe nicht-jüdischer Berliner nicht möglich gewesen wäre. Lebensmittelgaben spielten eine Hauptrolle dabei. Nicht weniger wichtig aber war die moralische Hilfe, z. B. wenn ein Nichtjude sich mit einem jüdischen Mitbürger, der den Stern tragen mußte, offen und freundlich unterhielt oder nur so grüßte wie in früheren Zeiten. Dies alles war ja bereits lebensgefährlich und sollte auch manchem Helfer zum Verhängnis werden. Die Tatsache, daß, wie man heute weiß, über 5.000 Juden illegal in Berlin lebten, im Untergrund von Unterschlupf zu Unterschlupf hastend – manche hatten im Laufe dieser Jahre zwanzig bis dreißig verschiedene Quartiere -, zeigt, daß Tausende von Berlinern dem Gebot der Menschlichkeit auch unter den schwierigsten Verhältnissen folgten und halfen, wo es ging. 75 Prozent von den Untergetauchten wurden dennoch von der Gestapo aufgespürt, meist auf der Straße, aber auch durch Verrat. Nur 1.400 der versteckt Lebenden sollte es gelingen zu überleben. (…) Die Ereignisse der letzten Kriegstage sind rasch berichtet. Obwohl der Krieg längst verloren war, und zwar so total, wie es sich Goebbels bei seiner Hetzrede im Berliner Sportpalast am 18. Februar 1943 sicher nicht vorgestellt hatte, als er am Tag der Katastrophe von Stalingrad die fanatisierten Massen auf den „totalen Krieg“ einschwor, dauerte es noch bis zum 2. Mai, ehe die Kapitulationsurkunde der Hauptstadt unterzeichnet wurde. Rotarmisten hißten die Sowjetfahne auf dem zerstörten Reichstag. Erst am 4. Mai meldete das Oberkommando der deutschen Wehrmacht das Ende des Kampfes um die Reichshauptstadt. Am 7. Mai schließlich wurde in Reims im Hauptquartier des alliierten Oberbefehlshabers, General Eisenhower, die bedingungslose Gesamtkapitulation aller deutschen Truppen in West und Ost vollzogen; in der Nacht vom 8. auf den 9. Mai wurde dieser Kapitulationsakt im sowjetischen Hauptquartier in Berlin-Karlshorst wiederholt. Jetzt erst waren wir wirklich wieder frei – wie hatten wir diesem Schluß des grauenhaften Dramas entgegengefie-bert! Im tiefsten Innern zitterten wir immer noch, ob nicht doch noch etwas passieren würde, was unsere Freiheit zunichte machen könnte! Hatte sich auch am 30. April der Verbrecher Hitler seiner Verantwortung für die größte Katastrophe in Europa seit dem Dreißigjährigen Krieg durch Selbstmord entzogen und war ihm am 1. Mai dann Goebbels auf dem Weg zur Hölle gefolgt, so hatte dennoch erst die formelle Aufgabe des letzten militärischen Widerstandes das „Dritte Reich“ endgültig zerschlagen. Jetzt erst wußten wir, daß wir wirklich in Sicherheit und in Freiheit, der so sehnlichst herbeigewünschten Freiheit waren! In dem Moment, in dem unser Leben gerettet war, stand die bange Frage vor uns: Was nun? Es ist wohl nur zu verständlich, wenn wir nur den einen Wunsch hatten, schnellstens das Land zu verlassen, in dem uns, unserer Familie, unseren Glaubensbrüdern so Schreckliches angetan worden war und von dem so viel Unheil für die ganze Welt ausgegangen war. Wie sollten wir, so dachten wir damals, jemals wieder ein unbeschwertes Leben inmitten eines Volkes führen können, das sich so passiv verhalten hatte gegenüber seinen Mitmenschen jüdischen Glaubens. Obwohl wir noch nicht das ganze Ausmaß des millionenfachen Massenmordes an den europäischen Juden kannten, schien es uns undenkbar, in einem Land zu bleiben, von dem die diabolische Idee der „Endlösung“ ausgegangen war. Natürlich war uns bewußt, daß wir auch deshalb überlebt hatten, weil uns anständige Deutsche immer wieder geholfen hatten. Nicht für einen Augenblick konnte ich deshalb die These von der Kollektivschuld vertreten. Aber Verzeihung, Vergebung, Versöhnung gar – das schien in diesen Stunden wie ein Verrat an den Toten. Damals dachten wir alle gewiß so, wie der erste Präsident des Staates Israel Chaim Herzog, es formulierte, als er zweiundvierzig Jahre nach der Katastrophe zu einem Staatsbesuch nach Deutschland kam: „Nur die Toten haben das Recht zu verzeihen, und den Lebenden ist nicht erlaubt zu vergessen.“ Diese Maxime habe ich dann später mein ganzes Leben lang auch für jene gelten lassen, die ebenfalls Opfer von Krieg, Verfolgung und Vertreibung wurden, für die Millionen Opfer des Bolschewismus ebenso wie für die deutschen Opfer der Vertreibung – wenn auch weder Aufrechnung noch Vergleichbarkeit mit dem Mord an Millionen von Juden angebracht ist, weil alleine sie einer Vernichtung auf industriell organisierter Basis durch Klassenvergasung ausgeliefert wurden und nur deshalb sterben mußten, weil sie einen anderen Glauben hatten. Wie gesagt, in den ersten Tagen nach unserer, man könnte sagen „Wiedergeburt“, verspürten wir nur den unbändigen Drang, so schnell wie möglich zu gehen. Auch dann noch, als neues Leben aus den Ruinen aufzublühen begann – viel schneller übrigens, als wir uns das je vorzustellen gewagt hatten. Hatte ich doch, wenn ich den Zeitpunkt, an dem die akute, die tägliche Bedrohung begann, in das Jahr 1940 lege, bis zum 27. April des letzten Kriegsjahres 1.941 Tage oder 46.584 Stunden in permanenter Lebensgefahr geschwebt! Deshalb stand alles, was ich dennoch an Aktivitäten in Berlin entwickelte – Sonderkurs, um das Abitur nachzuholen, journalistische Gehversuche bei einem amerikanischen Rundfunksender, ja selbst Beginn des so heiß ersehnten Medizinstudiums – weiter unter dem inneren Vorbehalt, dieses Land zu verlassen. Aber zum zweiten Mal entschied ich anders, entschied so, wie auch 1939: Ich bin geblieben. (…) Aber ich kann auf die Erörterung der Kernfragen, die mich damals quälten und die im Mittelpunkt des Entscheidungsprozesses „Gehen oder Bleiben“ standen, nicht verzichten. Wichtige Kenntnisse über Planung, Organisierung und Durchführung des als „Endlösung“ getarnten Massenmordes erhielt ich schon während des ersten Hauptkriegsverbrecherprozesses in Nürnberg, der im November 1945 begann und dessen Verlauf wir Überlebenden naturgemäß mit brennendem Interesse verfolgten. Überdies konnte ich als junger Reporter für den amerikanischen Rundfunksender RIAS, für den ich ab November 1945 arbeitete, teilweise selbst an einigen Verhandlungen teilnehmen. Obwohl mir das zunächst besonders schwerfiel, weil ich mit den Urhebern und Planern, teilweise auch mit den Ausführenden des millionenfachen Mordes an meinen Glaubensgenossen direkt konfrontiert wurde, waren gerade diese Tage in Nürnberg für mich außerordentlich wichtig. Als RIAS-Reporter mit amerikanischen Ausweisen bekam ich Einblicke in das gesamte Prozeßmaterial. So konnte ich mir, bei aller Qual, die der Blick in die Vernichtungshölle bereitete, sehr rasch meine eigenen Gedanken machen, mein eigenes Urteil bilden. Ich konnte nicht aufhören, zuzuhören und zu lesen, saugte alles, was da ans Licht kam, wie ein Schwamm in mich auf. Zahllose Gespräche mit Direktbeteiligten, mit Augen- und Ohrenzeugen sowie mit Experten formten mein Urteil und halfen mir, Antworten zu suchen auf die zentralen Fragen, die mich während der Jahre der Verfolgung und nach der Befreiung natürlich nicht losließen: Wie konnte das Unaussprechliche geschehen? Wer wußte wann was? Warum kam keine Hilfe von außen? Kann man das unsägliche Grauen jemals vergessen, verzeihen, vergeben? Muß ein zivilisiertes Volk, das solches geschehen ließ, nicht für immer mit dem Makel der Kollektivschuld, mindestens des Kollektivversagens behaftet bleiben? Welche Lehren gilt es, für die Zukunft dieses Landes, aber auch für andere Völker und Länder, aus dem Versagen gegenüber dem Totalitarismus, gleich welcher Farbe oder Ideologie, zu ziehen? Das erste, was mir klarwurde, war die ungeheure Hybris Hitlers und seiner Komplizen. Das „Dritte Reich“ und das nationalsozialistische Regime waren eine Erscheinungsform hypertrophierten Machtwillens, übersteigerter Kraft und Stärke. Man sprach von beispielloser Größe, man bemühte Begriffe wie säkulares Ereignis und dachte in der Kategorie der Tausendjährigkeit des Bestehens. Diese Begriffe erwiesen sich als falsch, und nichts spricht so sehr gegen den Nationalsozialismus wie die Tatsache, daß kein überzeugter Nationalsozialist am Tage der Götterdämmerung verantwortlich gewesen sein wollte. Es gibt kein jämmerlicheres Prinzip als das der Machtanhäufung und der Gewaltanwendung, das sich vom Recht, von der Menschlichkeit, von der Mitverantwortung der Persönlichkeit entfernt und das die Verantwortung anonym macht. Millionen von Menschen hatten widerstandslos das Leben in Freiheit umgetauscht für eines in Unfreiheit und Sklaverei, weil man glaubte, daß die scheinbar vergoldeten Ketten nicht drücken. Man bekam damals nachdrücklich vorgeführt, was unter Schlagworten wie „Trägheit des Herzens“, „Vogel-Strauß-Politik“, „Zivilcourage“ zu verstehen ist. Die Konsequenz, die viele Deutsche zogen, bestand nach 1945 zunächst darin, daß sie diesen Abschnitt der deutschen Geschichte zu negieren versuchten. Man ließ einfach ein Vakuum entstehen. Die Vorstellung, die „Endlösung“ sei ein tiefes Geheimnis gewesen, von dem nur Hitler, Himmler und einige wenige Kumpane sowie die Sondereinheiten der SS, des SD und der Gestapo wußten, ist einfach nicht wahr. Das Wüten der Einsatzkommandos in Osteuropa, die eine runde Million Juden erschossen, konnte vielen Wehrmachtsangehörigen nicht verborgen geblieben sein. Die riesige Transportmaschinerie, die zur Deportation von Hunderttausenden mitten im Krieg benötigt wurde, konnte nicht von Geisterhand gesteuert worden sein. Zahlreiche Diplomaten und Beamte des Auswärtigen Amtes beispielsweise waren eingeschaltet gewesen, als die Juden aus den westeuropäischen Ländern verschleppt wurden. Darüber hinaus steht heute fest, daß die Grundtatsachen von der Vernichtung des europäischen Judentums schon lange Zeit vor Kriegsende im westlichen Ausland bekannt waren. Die Presse berichtete sogar darüber. Aus vielen Dokumenten geht hervor, daß schon 1942 Nachrichten über die „Endlösung“ in ganz Europa durchsickerten, wenn auch noch nicht alle Einzelheiten bekannt waren. Bereits Mitte 1942 hatten in der Schweiz zwei Deutsche, unabhängig voneinander, über die geplante und bereits angelaufene Massenvernichtung der Juden berichtet. Der eine, ein Industrieller, hieß Eduard Schulte. Walter Laqueur hat dessen Identität nach vierzig Jahren enthüllt, und in seinem aufregenden Buch „Der Mann, der das Schweigen brach“ (Ullstein, 1986) Sensationelles erzählt. Der andere war der deutsche Journalist und Politiker Ernst Lemmer, der mir persönlich preisgab, wie er im Juli 1942 in Zürich seine Kollegen von der Neuen Zürcher Zeitung, deren Berliner Mitarbeiter er war, über die fahrbaren und stationären Gaskammern, in denen die Juden ermordet wurden, informierte. Dieser Mann sollte übrigens 1948 mein Schwiegervater werden! (…) Für die Beurteilung meiner zentralen Lebensfrage, gehen oder bleiben, wurde schließlich die Problematik des Schuldkomplexes entscheidend, das heißt, die Suche nach einer Antwort darauf, ob es eine Kollektivschuld der Deutschen gebe. Ich kam wahrscheinlich schon sehr bald nach dem Krieg – wenn auch zunächst wohl eher unbewußt – zu der Überzeugung, daß es dies nicht geben könne. Schließlich hatten ja wir selbst so gut wie nichts von den infernalischen Befehlen Hitlers und den Plänen seiner Vasallen gewußt. Dies war noch verständlich, weil wir als Betroffene weitgehend isoliert waren. Eine zweite Frage beschäftigte mich: Warum es den unter dem umfassenden Gesta-poterror lebenden Deutschen leichter gefallen sein sollte als der Mehrheit der jüdischen Führer in Osteuropa, den führenden jüdischen Persönlichkeiten und der Öffentlichkeit im Ausland, zu begreifen, daß es sich bei der „Endlösung“ nicht um Deportationen oder um Pogrome im „herkömmlichen“ Sinne handelte. Der Mangel an Einsicht und Vorstellungskraft erklärt sich aus der falschen Beurteilung der mörderischen Natur des Nationalsozialismus und aus blindem Optimismus. Schließlich hatte diese falsche Einschätzung auch geradewegs die ganze Welt in das Unglück des Krieges gestürzt, denn die Westmächte ebenso wie die Sowjetunion und die übrigen, eigentlich zu frühzeitigem Widerstand gegen Hitler verpflichteten Nationen übersahen alle Warnsignale vor 1939 oder verstanden sie falsch, wiesen jedenfalls ihre Botschaften zurück. Auch wenn ich immer wieder vor Pauschalurteilen warnen muß, bleibt es allerdings eine historische Tatsache, daß weder die Neutralen noch der Vatikan oder das Internationale Rote Kreuz, weder Großbritannien und Amerika noch Stalin ein ausgesprochenes Interesse am Schicksal der Juden zeigten. Ein besonders erschütterndes Beispiel ist die bis heute kaum bekannte Flüchtlingskonferenz von Evian am Genfer See, auf der vom 6. bis 15. Juli 1938 (!) auf Initiative des amerikanischen Präsidenten Delegierte von 32 Nationen unter den Augen von nicht weniger als 200 Korrespondenten der Weltpresse den Versuch unternehmen sollten, die von Hitler Verfolgten zu retten. Hans Habe hat dieses Drama in seinem erschütternden Werk „Die Mission“ (Herbig Verlag, Neuauflage 1987) beschrieben, von dem ich hier nur die beiden letzten Sätze zitiere: „Mein Buch wirft die Frage auf, ob der Mensch, dessen Herz zu träge ist, sich dem Rad des Verhängnisses entgegenzuwerfen, mitschuldig wird. Diese Frage habe ich bejaht.“ Hans Habe wurde mein Freund. Wir haben oft über alle diese Fragen gesprochen. Wir waren uns immer einig. Auch in der Schlußfolgerung, daß dies heute ebenso Gültigkeit hat wie damals. Und auch darin, daß dies keinen Freibrief für Abrechnen oder gar Aufrechnen gegenseitiger Schuldzuweisungen bedeuten darf. Wenn heute die internationale Linke die Deutschen für Hitlers Verbrechen für alle Zeiten schuldbewußt auf den Knien halten und dabei beispielsweise Stalins Massenmorde vergessen machen will, so ist das genauso unzulässig wie die Versuche, die Opfer der Vertreibung aufzurechnen gegen die Vernichtung des europäischen Judentums. Diese Aussage scheint mir so wichtig, daß ich, um jedem Mißverständnis vorzubeugen, sofort folgendes hinzufügen muß: Selbstverständlich gab und gibt es Antisemitismus auch außerhalb Deutschlands, in Frankreich, in England, in Amerika, in Rußland; sicher war Deutschland nicht das einzige Land, aber war es dennoch nicht etwas besonders Ungeheuerliches, was sich hier begab? Gewiß, es wurden nicht nur die Juden, sondern auch zahlreiche andere hingeschlachtet: Sozialisten, Kommunisten, Gewerkschaftler, liberal denkende Politiker, Zigeuner – aber war es nicht doch etwas Einmaliges, gänzlich Außerordentliches, wenn die Starken wie die Schwachen, Männer wie Frauen, Greise wie Kinder alle zu Millionen dem Untergang preisgegeben waren, nicht weil sie etwas Bestimmtes glaubten oder getan hatten, sondern nur weil sie ohne ihr Zutun, einzig und unausweichlich durch ihre Geburt etwas geworden waren – nämlich Juden? Und noch etwas: Sicher gab es viele skrupellose und jämmerliche Gestalten im Dritten Reich, aber der Grundfehler war nicht die individuelle Verkommenheit. Das wirkliche Übel des Regimes war viel mehr, daß die ganze politische und gesellschaftliche Struktur korrumpiert war. Die ganze Bösartigkeit setzte sich vielfältig aus Schwäche und Furcht zusammen. Viele, die es zweifellos vorgezogen hätten, ein makelloses Leben zu führen, sahen sich konfrontiert mit Problemen und Krisen, die zu bewältigen ein hohes Maß an Mut und moralischen Charaktereigenschaften erforderte. Allzu oft bestanden die Menschen die Probe nicht. So ist die Geschichte des Dritten Reiches die Geschichte des tragischen und schmachvollen Versagens vieler einzelner der deutschen Führungsschicht in allen Lebensbereichen. Das ist die Erkenntnis, zu der ich schließlich kommen mußte, als ich die ganze schreckliche Wahrheit erfuhr. „Sechs Millionen Ermordete? Ist das die Wahrheit? Und wenn es die Wahrheit ist, wie konnte es geschehen?“ Diese Frage kann niemanden loslassen, niemandem aus dem Kopf und dem Herzen gehen, dem an der Zukunft unserer Kinder und Enkel gelegen ist. Und dennoch und gerade deshalb bin ich überzeugt, daß es keine Kollektivschuld gibt. Der große deutsche Philosoph Karl Jaspers war hier mit seiner bereits 1946 zum ersten Male erschienenen Schrift „Die Schuldfrage“ (Piper, Neuauflage 1987) für mich Wegweiser und Erleuchtung. Seine Unterscheidung in vier Schuldbegriffe: kriminelle Schuld, politische Schuld, moralische Schuld, metaphysische Schuld, hat Bestand für alle Zeiten. Und was er zur Definition der moralischen Schuld ausführt, ist so überzeugend, daß ich es hier zitieren möchte: „Für Handlungen, die ich noch immer als dieser einzelne begehe, habe ich die moralische Verantwortung, und zwar für alle meine Handlungen, auch für politische und militärische Handlungen, die ich vollziehe. Niemals gilt schlechthin ‚Befehl ist Befehl‘. Wie vielmehr Verbrechen Verbrechen bleiben, auch wenn sie befohlen sind (obgleich je nach dem Maße von Gefahr, Erpressung und Terror mildernde Umstände gelten), so bleibt jede Handlung auch der moralischen Beurteilung unterstellt. Die Instanz ist das eigene Gewissen und die Kommunikation mit dem Freunde und dem Nächsten, dem liebenden, an meiner Seele interessierten Mitmenschen.“ Und auch diese Sätze von großer Aktualität finden sich bei Jaspers: „… die Zerstörung jeder anständigen, wahrhaftigen deutschen Staatlichkeit muß ihren Grund auch in Verhaltensweisen der Mehrheit der deutschen Bevölkerung haben. Ein Volk haftet für seine Staatlichkeit … Manche gaben sich der bequemen Selbsttäuschung hin: Sie würden diesen bösen Staat schon ändern, die Partei werde wieder verschwinden, spätestens mit dem Tode des Führers. Jetzt müsse man dabei sein, um von innen heraus die Sache zum Guten zu wenden … Die moralische Schuld im äußeren Mitgehen, das Mitläufertum, ist in irgendeinem Maße sehr vielen von uns gemeinsam. Um sein Dasein zu behaupten, seine Stellung nicht zu verlieren, seine Chancen nicht zu vernichten, wurde man Parteimitglied und vollzog andere nominelle Zugehörigkeiten. Niemand wird dafür eine restlose Entschuldigung finden, zumal angesichts der vielen Deutschen, die solche Anpassung in der Tat nicht vollzogen und die Nachteile auf sich genommen haben … … jeder Deutsche, ausnahmslos, hat teil an der politischen Haftung … Nicht jeder Deutsche, sogar nur eine sehr kleine Minderheit von Deutschen, hat Strafe zu leiden für Verbrechen, eine andere Minderheit hat zu büßen für nationalsozialistische Aktivität … Wohl jeder Deutsche – wenn auch auf sehr verschiedene Weise – hat Anlaß zur Selbstprüfung aus moralischer Einsicht … Es ist aber sinnwidrig, ein Volk als Ganzes eines Verbrechens zu beschuldigen. Verbrecher ist immer nur der einzelne. Es ist auch sinnwidrig, ein Volk als Ganzes moralisch anzuklagen … Moralisch kann immer nur der einzelne, nie ein Kollektiv beurteilt werden … “ Jeder, der diese Sätze heute (wieder) liest, wird ihre brennende Aktualität begreifen. (…) Am Ende dieser Conclusio stehen die zwei zentralen Fragen: Wie können die Deutschen die geschichtliche Hypothek überwinden? Kann ich als Jude die nationalsozialistischen Verbrechen vergessen, und vergeben? Darauf gebe ich meine zwei Antworten: Wir Deutsche; ich sage bewußt wir Deutsche, dürfen das Unaussprechliche eben nicht als eine Hypothek betrachten, die irgendwann gelöscht werden kann, sondern müssen dies als Teil der Geschichte akzeptieren. Das Einbeziehen beider Seiten, guter wie schlechter Epochen in das gesamte Geschichtsbild müssen alle betreiben, auch die jüngeren Generationen und die Nachwachsenden, die natürlich keine persönliche Schuldzuweisung treffen kann. Zur zweiten Frage ist die Antwort ebenso bündig. Die Erinnerung an diese Zeit und an die meiner Familie und Millionen anderen angetanen Greuel bleibt eine alte, gelegentlich neu aufbrechende Wunde. Vergessen kann ich das nicht. Vergeben aber kann jeder Mensch nur Unrecht, das ihm persönlich zugefügt wurde. Woher sollte ich das Recht nehmen, Untaten zu vergeben, die anderen angetan wurden? Allein in Gottes Hand liegt das Recht dazu, denn er hat sich das Recht zur Vergeltung auch selbst vorbehalten. So steht es im 5. Buch Mose (32/35): „Mein ist die Rache und die Vergeltung, zur Zeit, da wankt ihr Fuß; denn nahe ist ihr Unglückstag, und ihr Verhängnis eilt herbei.“ Also steht auch ihm allein die Vergebung zu. Und so heißt es in der Bibel auch (Sprüche der Väter): „Verurteile Deinen Nächsten nicht: Du weißt nicht, was Du in seiner Lage getan hättest.“ Gerhard Löwenthal war von 1968 bis Ende 1987 Leiter und Moderator des von ihm begründeten ZDF-Magazins. Er starb im Dezember 2002 zwei Tage vor seinem 80. Geburtstag (JF 51/02 ). Der hier mit freundlicher Genehmigung seiner Frau Ingeborg abgedruckte Text stammt aus Löwenthals Lebenserinnerungen, die er 1987 im Herbig Verlag unter dem Titel „Ich bin geblieben“ veröffentlichte. Foto: Gerhard Löwenthal auf den Stufen des Reichstages: Nach dem als Moderator des ZDF-Magazins berühmt gewordenen Publizisten ist der von der JF gestiftete „Gerhard-Löwenthal-Preis“ benannt.

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