Ausweitung der Schwafelzone

Auf dem schwarz-rot-goldenen Plakat prangen die Lettern „Die große Depression“, rechts unten steht ein gebeugter deutscher Michel im Schlafhemd, dazu der Untertitel „Eine Komödie zur Lage der Nation“ – der neue Dokumentarspielfilm des 1971 geborenen Konstantin Faigle präsentiert sich vielversprechend zeitnah. Im Stil von Michael Moore oder Ross McElwee, mit einem Schuß Woody Allen, inszeniert sich Faigle als liebenswürdiger Schlaumeier, der den Zuschauer ironisch durch seinen Roadmovie-Essay führt. Als ihm sein Hausarzt offenbart, daß er an einer Depression leidet, macht er sich auf eine Reise quer durch sein Vaterland, um die Misere zu ergründen. Die Fahrt beginnt am Rhein, geht über seine Schwarzwälder Heimat und die neuen Bundesländer bis nach Berlin und endet schließlich mit einem Bad in der Nordsee. Zu Wort kommen Aussteiger, Asylanten, Demonstranten, Souvenirverkäufer, Touristen, die Eltern und die spanische Freundin des Filmemachers. Das Ergebnis dieses Aufwandes ist künstlerisch belanglos, peinlich in seinem pubertären Humor und ärgerlich in seiner Plagiierung amerikanischer Vorbilder. Trotzdem ist Faigles Film recht aufschlußreich zur Lage der Nation, und zwar nicht dank dessen, was er zeigt, sondern dank dessen, was er nicht zeigt. Woran liegt es etwa, daß ein deutscher Filmemacher mit einem solchen Thema kein Wort verliert über ein mit Steuergeldern finanziertes Monument pathologischen Schuldgefühls im Herzen seiner Hauptstadt? Zunächst wundert man sich freilich, warum in einem Film über deutsche Identität über weite Strecken weder Hitler noch der Nationalsozialismus vorkommen. Dafür ist viel vom „Volk“ die Rede, von der Schönheit der Sprache und der Landschaft, von Hesse, Hölderlin und Heine, vom Kini von Neuschwanstein und vom Kaiser im Kyffhäuser. Ein mildes, wohltemperiertes Nationalgefühl, wie es in letzter Zeit wieder erlaubt ist, darf sich augenzwinkernd verbreiten. In Form eines Puppentheaters werden Szenen aus der deutschen Geschichte rekapituliert: Hermann der Cherusker, Karl der Große, Martin Luther. Wenn die Bilderfolge 1848 endet, beginnt der wachsame Zuseher allerdings Schlimmes zu ahnen. Und tatsächlich: Als Faigle auf seiner Fahrt nach Weimar das KZ Buchenwald besucht, werden die Bösewichter nachgeholt: Bismarck, Wilhelm II. (laut Kommentar „größenwahnsinnig“ und schuld am Weltkrieg) und natürlich der unvermeidliche Braunauer. Wie fühlt sich nun der sensible, gutmütige Filmemacher beim Durchschreiten der Tore des Konzentrationslagers? „So richtig deutsch“, natürlich! Nachdem der NS-Bezug abgehakt ist, geht es weiter mit der seichten Ergründung, die nur angesichts einer Hartz-IV-Demonstration etwas interessanter wird. Am Schluß zeigt sich Faigle zukunftsorientiert beim Picknick mit Frau und Kind, letzteres mit schwarz-rot-goldenem Spielzeug, dazu spielt das Deutschlandlied, und man fühlt sich unangenehm an einen Stern-Artikel über „junge Erwachsene“ erinnert, der unlängst hohltönend von der „Generation Zuversicht“ phantasierte. Bis dahin ist Faigle seiner Frage nach dem Zusammenhang zwischen Deutschsein und Depressivsein wortreich aus dem Weg gegangen. Statt dessen gibt es Kalauer über die angeblich glücklicheren Gene der Inder und die Schwermut der Russen, Sprechblasen von Psychiatern, zeitgeistigem Klerus und sonstigen „Experten“, Albernheiten wie einen Videoclip-Auftritt Faigles als singender Barbarossa. Passend dazu holt er Walter Jens und Alice Schwarzer vor die Kamera, die nichts, aber auch gar nichts Relevantes zu sagen haben. Indirekt wird zumindest deutlich, daß aus liberaler Perspektive die Sondierung der Lage, in der „Antriebe, Interessen, Fähigkeiten verkümmern“ (Hans-Dietrich Sander), nicht möglich ist. Hans-Jürgen Syberberg hat einmal Filmstudenten empfohlen, man müsse „so tief in die Wunde gehen, daß man in Verdacht gerät“. Dazu muß man die Wunden jedoch verspüren, oder sie wenigstens sehen können. Faigle aber spürt und sieht überhaupt nichts. Von der sogenannten deutschen Kultur zeigt er nur Postkarten und von den Menschen nur deren Meinungsäußerungen. Was er nicht zeigt, sind sie selber. Er betreibt bloß die Ausweitung der Schwafelzone unter Ausschluß aller heiklen Punkte. Zwar plädiert Faigle „konservativ“ für die Aussöhnung mit den dunklen Seiten des eigenen, deutschen Charakters und der Geschichte, von der er die allerplattesten Vorstellungen hat. Mit Verweis auf den schlafenden Staufer stellt er ohne Anklage fest, daß die Deutschen offenbar doch immer einen „Erlöser“ brauchen. Dieses kleinen Sakrilege federt er dadurch ab, daß er sich nett, spießig und konform gibt, als harmloser Vertreter des juste milieu, der er auch unzweifelhaft ist. Man kann jedoch nicht ernsthaft einen Film zur Lage machen wollen und dabei Vermassung, Überfremdung, Geburtenrückgang, soziale Atomisierung, Bildungsverfall, und die neurotischen Folgen des vorgeschriebenen Geschichtsbildes ausblenden. So gesehen paßt Faigles Film perfekt zum Wahlkampf. Der Konsens ist indes gefährlich geworden. Die Orientierungslosigkeit, Demoralisierung und Verdummung, mit der die Praxis des Liberalismus ganze Generationen infiziert hat und weiterhin infiziert, das zu zeigen wäre die Aufgabe eines mutigeren Filmes. Doch ein solcher hätte im Land der verblendeten Verdränger keine Chance auf Finanzierung. Regisseur Konstantin Faigle (l.) in seinem Film „Die große Depression“: Heikle Punkte ausgespart

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