Aufrüster, Wirtschaftsdiktator, aber doch kein Edelnazi

Das Hamburger Wochenblatt Die Zeit, das es sich zur lieben Gewohnheit hat werden lassen, Gedenktage zur Un-Zeit zu feiern, eröffnete bereits am 28. Oktober 2004 die diesjährigen Speer-Festspiele. Den einst von Joseph Goebbels bewunderten und gepriesenen „Waffenschmied des Reiches“ verwandelte man in dieser Ausgabe kurzerhand, plakativ auf der letzten Seite, im ebenso blumigen Jargon unserer Tage in einen „Architekten des Todes“. Verfasser des anklagenden Pamphlets war der Freiburger Historiker Heinrich Schwendemann. Ihn wiederum nennt der einstige FAZ-Herausgeber Joachim Fest in den pünktlich zum 100. Geburtstag am 19. März auf den Markt geworfenen, leider keine neuen Aufschlüsse bietenden Notaten seiner zwischen 1967 und 1981 geführten Gespräche mit Albert Speer sarkastisch einen „erfolglos in die Jahre gekommenen Historiker“, der sich abmühe, Speers „Lebenslüge“ aufzudecken, doch aufgedeckt habe er dem Publikum bisher nur die eigene „eifernde Geltungssucht“. Fests eigenes Speer-Bild hat sich allerdings im Laufe der Zeit erheblich gewandelt. Vor fast vierzig Jahren zog ihn sein Freund Wolf Jobst Siedler, Leiter des Propyläen Verlages, als historischen Berater und Lektor heran, um mitzuhelfen, die Memoiren Speers in Form zu bringen. Dank dieser Unterstützung erlebten die „Erinnerungen“, als sie im September 1969 erschienen, schon innerhalb der folgenden acht Wochen drei weitere Auflagen, und 1970 konnte Verlagschef Siedler bereits auf einen „Welterfolg“ stolz sein. Wie kein anderes Werk nach 1945 prägten diese Innenansichten aus dem Machtzentrum des Dritten Reiches, ergänzt um Speers ähnlich erfolgreiche, wiederum um die Jahre an der Seite Hitlers kreisenden „Spandauer Tagebücher“ (1975), das deutsche Nachkriegsbild von der NS-Herrschaft. Fests Anteil daran denunzierten Kritiker gern als Beihilfe zur „Ästhetisierung des Faschismus“, was gleichbedeutend war und ist mit dem Vorwurf apologetischer Verharmlosung. Denn auf nichts anderes laufe Speers Selbststilisierung hinaus als darauf, die Mär vom verführten Großbürgersproß zu erzählen, der der Faszination Hitlers erlegen sei, ohne je die „Nachtseiten“ von dessen Herrschaft wahrzunehmen. Das erkläre auch die geradezu phantastische Resonanz der Speer-Bücher. Denn so wie des Führers Lieblingsarchitekt hätten die Deutschen in den siebziger Jahren ihre eigene nationalsozialistische Zeitgenossenschaft gern „aufgearbeitet“. Wenn nämlich der Mann, der sich ernsthafte Chancen ausgerechnet hatte, siegreich aus dem Diadochenkampf gegen Himmler, Göring und Goebbels um die Nachfolge Hitlers hervorzugehen, der Mann, der über zwei Weltkriegsjahre lang den großeuropäischen Wirtschaftsraum beherrschte, wenn dieser Multifunktionär des Reiches bekundet, er habe von „Auschwitz“ nichts gewußt, er sei mit den Verhältnissen in den Konzentrationslagern, aus denen er doch seine Zwangsarbeiterheere rekrutierte, nicht vertraut gewesen, habe höchstens etwas „geahnt“, dann müßten die Millionen, die als einfache Volksgenossen „mitgelaufen“ waren, sich doch wirklich nicht länger deswegen grämen, daß Autobahnen, Massenaufmärsche und Lichtdome ihnen nach dem Jammertal der Weimarer Misere endlich „Kraft durch Freude“ beschert hatten. Fest hat sich in seiner 1999 veröffentlichten Biographie des Rüstungsministers von dem von ihm mitgeschaffenen „Mythos Speer“ distanziert. Unzulänglich zwar, manchmal widerstrebend, und natürlich nicht zur Zufriedenheit Schwendemanns, der ihm vorhält, „die Speerschen Erzählungen“ nur variiert zu haben – „mit viel Verständnis für einen der wichtigsten NS-Funktionäre“. Tatsächlich beurteilt er auch in seinen Gesprächsnotizen den „Wirtschaftsdiktator Europas“ weniger nach politisch-moralischen Kriterien als nach Knigges Benimmregeln: Bei seinem „sozialen und familiären Hintergrund“ hätte er sich einfach nicht mit kleinbürgerlichen braunen Rohlingen einlassen dürfen, „Leuten“, die Speers Mutter niemals zu sich eingeladen hätte, weil sie zu laut redeten oder beim Handkuß zu tief einknickten. Von solcher Speer-Deutung, so Schwendemann, sei es nicht mehr weit zu jener „Art Edelnazi“, wie er, angelehnt an Fests gleichnamiges Buch, in Bernd Eichingers „Untergangs“-Film auftrete. Dabei belegen Fests Werknotizen, daß er Speer schon früh mißtraute: Zweifel an dessen „Unkenntnis“ von den „Verbrechen des Regimes“ protokolliert er nach ersten Besprechungen im Sommer 1967. Darüber hinaus teilt er Siedler frühzeitig mit, wie wenig ihm Speer als der Idealtyp des „idealistischen Deutschen“ behage, als Verkörperung jenes romantisch-weltverbessernden Technokraten, der bereit gewesen sei, über Leichen zu gehen. Doch ungeachtet aller Zweifel und vieler unbeantworteter Fragen, verschaffte er diesem heute derart geschmähten „bornierten Idealisten“ einen Rezeptionserfolg ohnegleichen. Und erst als im Herbst 1981, wenige Wochen nach seinem Tod, Matthias Schmidts Studie den „Speer-Fest-Mythos“ destruierte, trägt Fest zerknirscht ein: „Beweise nicht eben unerheblich. Im ganzen enthält es exakt das, was ich mitunter befürchtet hatte.“ Es habe, entgegen Speers Beteuerungen, sehr wohl „Geheimnisse“ gegeben. Peinlich für den Journalisten Fest, daß hier einer der von ihm belächelten, mit Archivstaub bedeckten Historiker nachholte, was er selbst an Quellenkritik versäumte. Das wichtigste von Schmidt gelüftete Geheimnis war die von Speer stets geleugnete „Verstrickung“ in die Judenpolitik des Regimes. In seine Zuständigkeit, die des „Generalbauinspektors für die Reichshauptstadt“, fiel die „Judenwohnungsentmietungsaktion“ nach dem 9. November 1938. In deren Verlauf „evakuierte“ seine Behörde bis 1942 etwa 75.000 jüdische Wohnungen, die anfangs jenen Berlinern als Ersatzwohnungen zugewiesen wurden, deren Häuser seinen gigantomanischen Neubauplanungen für „Germania“ hatten weichen müssen, und die dann im Kriegsverlauf Bombengeschädigte bezogen. Mit Schmidts „Aufdeckung einer Geschichtsverfälschung“ war der „Mythos Speer“ außer Kraft gesetzt. Was im Anschluß daran von Susanne Willems („Der entsiedelte Jude. Albert Speers Wohnungspolitik für den Berliner Hauptstadtbau“, 2002), in Schwendemanns radikalisierenden, löchrigen Thesen über den „Architekten des Holocaust“ und endsiegfixierten Organisator des totalen Krieges, oder, vom dezidiert jüdischen Standpunkt, in Gitta Serenys haltlos psychologisierender Monster-Biographie („Das Ringen mit der Wahrheit. Albert Speer und das deutsche Trauma“, 1995) anklagend hinzukam, war nur noch von untergeordneter Bedeutung – selbst wenn Serenys Behauptung, Speer habe zugehört, als Himmler 1943 in Posen offen über die „Endlösung“ sprach, zutreffend gewesen wäre. Denn zeitgleich mit dem Erscheinen von Schmidts Studie, zwei Jahre nach Ausstrahlung des Hollywoodstreifens „Holocaust“, begann sich ohnehin das neue Deutungsmuster vom deutschen „Tätervolk“ gegen das für die Speer-Rezeption konstitutive Paradigma vom mißbrauchten „Idealismus“ sukzessive durchzusetzen. Heute dominiert es unumschränkt die öffentliche Wahrnehmung des NS-Staates. Dem unterwirft sich jetzt auch Fest, wenn er seine „Gespräche mit Speer“ in den Verdammungschor zum 100. Geburtstag einfügt. Ebenso ist es in der FAZ, wo Fest früher Leitartikel schrieb gegen den vom bequemen „Hochsitz der Moral“ aus geleisteten nachgeholten Widerstand, inzwischen üblich, im abgedroschenen Konkret-Jargon Schwendemanns den „Aufrüster“ Speer, der die „Vernichtungsmaschinerie von Auschwitz“ mit „Geld und Bauten effektivierte“, zu den „Lumpen jener Dekade“ nach 1933 zu rechnen, wie Dieter Bartetzko, Architekturkritiker des Blattes, dies tat, als das ZDF eine neue Dokumentationsreihe über „Hitlers Manager“ mit einem Porträt über Hitlers Rüstungsminister startete (FAZ vom 16. November 2004). Foto: Speer (M.) mit Robert Ley und Staatssekretär Herbert Backe, Berlin 1942: Höchstens etwas „geahnt“ Joachim Fest: Die unbeantworteten Fragen. Gespräche mit Albert Speer. Rowohlt Verlag, Reinbek 2005, 269 Seiten, gebunden, Abbildungen, 19,90 Euro

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