Wallfahrt an die Isar

Auf den farbenprächtigen Mosaiken von San Vitale zu Ravenna schreiten Kaiser Justinian und Theodora beidseitig auf den in der Apsis thronenden Christus zu. Wie kostbare Teppiche sprühen die monumentalen Bilderfriese intensives Kolorit und geheimnisvollen Goldglanz. Die Kaiserin bildet mit ihrem Gefolge eine feierlich statuarische Gruppe, die mit Goldgrund hinterlegten Figuren blicken ernst aus weit geöffneten Augen. Sie selbst, in imperialem Ornat und heiligem Nimbus, von einer Muschelnische umrahmt, wendet sich in zeremonieller Würde dem Erlöser zu. Ästhetische Formen wie Frontalität, Fläche, leuchtende Farben, solares Gold, visionäre Blicke, Antinaturalismus, erlesene Ornamentik und herrschaftliche Gesten bestimmten nicht bloß die Kunst, bezeichnen vielmehr prinzipielle Aspekte byzantinischer Mentalität, Kultur und Herrschaftsform. Das herrliche Wandbild im Vestibül des Münchner Archäologischen Museums vermittelt somit nicht eine beiläufige Dekoration, gibt vielmehr den programmatischen Auftakt zur Byzanz-Schau, die „Glanz, Krisen und Fortleben einer tausendjährigen Kultur“ so umfassend wie noch nie in Deutschland darstellen will. Gründe dafür gibt es genug. Gegenüber dem klassischen Griechentum hat Byzanz im europäischen Gedächtnis ein Schattendasein gefristet. Nach seinem Ende 1453 war die Ost-West-Konstellation dominiert vom antiislamischen Abwehrkampf; im 20. Jahrhundert lagen die von Byzanz christianisierten Länder hinter der Jalta-Linie. Byzanz bietet sich an als Mediator von Orient und Okzident: für die Auseinandersetzung mit der orthodoxen Geisteswelt, mit der Türkei auch, der Levante bis zum mittleren Osten – geographisch, historisch, kulturell und religiös ein ideales Zwischenglied. Auch Kaiser und Hof waren wenig profan Beide Veranstalter, die Archäologische Staatssammlung München und die Staatlichen Museen Berlin, verstehen die Rückbesinnung ausdrücklich auch als Beitrag zur aktuellen Debatte um Europas Identität und die EU-Erweiterung. Ein rechtlicher Rahmen rational-universalistischer Werte als Minimalkonsens werde der inhaltlichen Ergänzung „durch eine Neubesinnung auf die christlich-humanistischen Grundlagen bedürfen“. Programmatisch heißt es: „Die Notwendigkeit einer intensiven Pflege des gesamteuropäischen Erbes, die auch eine Neubewertung“ des Mittelalters „einschließen muß, versteht sich daher vorrangig als ein Plädoyer zur Verinnerlichung der kulturellen Werte auch des östlich-byzantinischen Erbes, um es so als gemeinsames Vermächtnis besser begreifen und als Orientierungsmaßstab für die Gestaltung und Erneuerung des künftigen Europa nutzen zu können“. Das byzantinische Reich dauerte 1.153 Jahre; es umfaßte drei Perioden: die frühe Zeit, seit Neugründung des alten Byzantion und Erhebung zur Hauptstadt (324-330) bis zum Bildersturm 726; Mittelbyzanz, nach dem Bilderstreit 843 bis zur Eroberung Konstantinopels durch das Kreuzfahrerheer 1204; schließlich, nach Abwehr der Lateiner 1261 bis zum endgültigen Fall, der byzantinische Herbst. Seit Erlöschen des westlichen Kaisertums 426 war Byzanz Sitz des christlichen Universalreichs zwischen Gibraltar und Kaukasus, die Stadt am Bosporus Metropole der Christenheit, ihr Herr „Stellvertreter Christi auf Erden“ und ihre Kultur eine einzigartige Synthese des spätantiken Hellenismus. Sie speiste sich aus drei Quellen – der römischen Tradition: staatlich, imperial, auch bildkünstlerisch, dem hellenischen Erbe: literarisch und philosophisch, schließlich dem orientalischen „Erlösungsmysterium“, vulgo der frohen Botschaft und christlichen Ökumene. Hier entspringen alle wesentlichen Momente östlichen Daseins: große Politik, Welthandel, effektive Verwaltung, hohes Bildungsniveau und Humanismus, Kaiserideologie und ein Symbolismus, der sich zur magischen Chiffrensprache verdichten konnte. Fragt man nun nach dem archetypischen Impuls, dem „Urerlebnis“ von Byzanz, so ließe sich sagen: Das Licht kommt in die Finsternis. Das existenzielle Pathos des erscheinenden Lichts, das geheimnisvoll im Dunkeln aufleuchtet oder gegen finstere Abgründe kämpft, verknüpft das byzantinische Christentum mythologisch mit der Gnosis, mit dem iranischen Dualismus, mit west-östlicher Mystik. Der Logos erstrahlt in Kunst, Religion und Kaiserkult gleichermaßen, deren Verschmelzung gerade so typisch byzantinisch ist. Überall begegnen wir einer Lichtsymbolik, Lichtmetaphysik, Lichtästhetik. Christus wird als Lichtbringer aufgefaßt: „Ich bin das Licht der Welt; wer mir nachfolgt, der wird nicht wandeln in der Finsternis, sondern wird das Licht des Lebens haben.“ (Joh 8,12) So waren auch „Kaiser und Hof“, bei denen der Rundgang anhebt, wenig profan. Östlichem Cäsaropapismus waren die „zwei Schwerter“, der westliche Dualismus von imperium und sacerdotium fremd. Höfisches Zeremoniell und kirchliche Liturgie gingen ineinander über. Lichtdramaturgie und rituelle Theatralik bestimmen Gottesdienst und fürstliche Repräsentation, und selbst bei der Audienz erscheint der Kaiser gleich einem übernatürlichen Wesen, als Geheimnis von Faszination und Zittern: Da zwitschern goldene Vögel im silbernen Baum, riesige Löwengestalten brüllen den Besucher an, und der Thron schwebt in der Höhe. Staat, Verwaltung, Bildungssystem, Luxusindustrien konzentrierten sich in der Hauptstadt. Die verkörperte Kontinuität perfektionierte das antike Erbe, blühte und gedieh, weckte Staunen und Begehrlichkeit im ganzen Weltkreis und nannte sich stolz das „zweite Rom“. Eine Anmutung des Monumentalen gibt die reizvolle Kulisse der wuchtigen Stadtmauer, dann ein gewaltiges Modell des Hippodrom, schließlich die goldene Attrappe einer ausschwingenden Kuppel. „Kirche und Liturgie“ veranschaulichen den byzantinische Symbolismus prägnant: Vollzieht der Kult die Heilsgeschichte nach, so bildet der Kirchenbau den Kosmos ab. Wie der Kaiser sein Imperium ordnet, herrscht Christus im Universum. Kultisch schaut der Gläubige das himmlische Jerusalem, zumal wenn Mosaiken nachts das Kerzenlicht reflektieren. „Reliquien und Wallfahrt“ bezeugen Frömmigkeit und magisches Denken, „Bild und Bilderkult“ den herausragenden Status von Ikonen in Byzanz. Die kapitale Frage nach der Visualisierung des Numinosen hat Byzanz im Bilderstreit (726-843) für die christliche Ökumene theologisch ausgefochten. Gegen den alttestamentlichen Vorbehalt der Ikonoklasten hat man christologisch argumentiert: Wurde Gott Mensch, so darf man ihn und die Heiligen bildhaft darstellen; die Ikone offenbart dann die heilbringende Gegenwart Gottes in der geschaffenen Welt. Dabei wird dem Bild Verehrung, eigentliche Anbetung jedoch Gott selbst zuteil. „Klein ist das Bild, das du vor Augen hast; gewaltig ist derjenige, der das Bild der Unendlichkeit in sich trägt. Verehre das Urbild, von dem du hier nur das Abbild siehst.“ Ikonen sind weder reale noch Kunstbilder, vielmehr Kultbilder, die eine ideale Welt erschließen, so wie ein „Weltgerichtshymnus“ sagt: „Verabscheuen wir das Vergängliche und kümmern wir uns um das Ewige und Bleibende, damit wir Erbarmen finden.“ Die Ausstellung belegt hier unterschiedlichste Bildmedien mit all ihrem Formenreichtum: Malerei, Mosaik, Elfenbeinschnitzerei, Emaillearbeiten, Steinschnitt, Amulette und Textilien – eins ums andere erlesen, und allesamt Ikonen. Im letzten Teil der Schau feiert Bayern sich selber Versinnbildlicht ein Haus am Meer den profanen Alltag, sollen Sarkophage und Grabbeigaben „Tod und Jenseits“ motivisch auffächern. Gläubige Askese könne Todesfurcht überwinden, meinten die Kirchenväter; dafür gebe der Mönch das Modell. Tatsächlich spielt für die Byzantiner das Mönchtum eine herausragende Rolle, allseitig respektiert und verehrt. Eine kaiserliche Urkunde von 1312 nennt die Mönchsrepublik des heiligen Berg Athos ein „zweites Paradies“ und rühmt die Mönche, „die wie strahlende Sterne durch den Glanz ihres Lebens, durch die Flucht aus der Welt und aus dem Fleische und durch die intensive Sorge und reichliche Anteilnahme an dem Göttlichen beweisen, daß es möglich ist, (…) göttliche Erleuchtung und Ausstrahlung in sich aufzunehmen“. Asketische Armut und liturgische Prachtentfaltung widersprechen sich nur scheinbar. Beide transzendieren die Situation, erinnern das Paradies und antizipieren das Gottesreich. Dieser Idealismus begründete byzantinische Stabilität, Einheit und erhabene Monotonie. Kaiser und Heilige scheinen aus der Ewigkeit zu kommen und in diese fortzugehen. Das eschatologische Kreuz leuchtet aus sternübersätem Nachthimmel, die betende Gottesmutter umgreift den Horizont, der gewaltige Christus schaut gnadenspendend auf uns herab, und meditierende Asketen werden angerührt vom Tabor-Licht. Eine Kultur, die ihr Anliegen so auratisch faßte, so gewaltig dimensionierte, konnte nicht Sinn entwickeln für Realistik, Individualismus, Zeitfreude, Säkularität. Erstaunt betritt man die letzte Abteilung, in der die Bayern sich selber feiern („Bayern und Byzanz“). Daß es tatsächlich merkwürdige, überraschende Beziehungsgeflechte gab, schildert ein heterogen exotischer Reigen, der mit der Fürstentochter Bertha von Sulzbach anhebt, die 1146 byzantinische Kaiserin wurde, sich mit dem Humanisten Hieronymus Wolf (1516-80) fortsetzt, dann über Jakob Fallmerayer (1790-1861), den genialen Begründer der Byzantinistik, zu Karl Krumbacher (1856-1909) führt, der das Fach professionalisiert hat und ab 1898 den weltweit ersten Lehrstuhl der neuen Disziplin in München einnahm. Bayerisch war auch der Griechen erster König (1832), Otto, Sproß des Philhellenen Ludwig I. Dessen Enkel schließlich, der skurrile Ludwig II., im Phantastischen schwelgend, begeisterte sich – im konstitutionellen Jahrhundert! – für Gottesgnadentum und östliche Theokratie. Auf Neuschwanstein baute er sich einen byzantinischen Thronsaal als „imaginäre Erlösungsstätte“, zwischen Gralsmythos und Autokratenwahn. Solch verstiegener „Wallfahrt“ zum Trotz genügt es, jetzt an die Isar zu „wallfahren“, um dort manches zu lernen über Europa zwischen Orient und Okzident. Am Ende war auch der verrückte Ludwig humaner als jene, die den zeitlichen Anlaß zur aktuellen Retrospektive gaben: Vor 800 Jahren eroberten die lateinischen Kreuzfahrer, plündernd und mordend, die Serenissima am Bosporus und vollendeten so die Spaltung zwischen westlichem und morgenländischem Christentum. Ausblick auf eine idealtypische Landschaft in byzantinischer Zeit: Eine Kultur, die ihr Anliegen so auratisch faßt, hat keinen Sinn für Zeitfreude Die Ausstellung ist bis zum 3. April 2005 in der Archäologischen Staatssammlung München, Lerchenfeldstraße 2, zu sehen. Der Katalog kostet 24,90 Euro. Tel: 089 / 2 11 24-02

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